Klöster

Zu Besuch im Benediktinerkloster Einsiedeln

Zu Besuch im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ im Schweizer Benediktinerkloster Einsiedeln. Von Constantin Hoensbroech
Benediktinerkloster Einsiedeln

Schlicht und bescheiden steht sie da, die Pforte der Barmherzigkeit. Ein einfaches Rechteck aus drei Sandsteinblöcken, in dessen Türsturz ein kleines Kreuz eingetragen ist. Unaufdringlich lädt die schmucklose Tür die Besucher zum Durchschreiten ein, um „Gottes tröstende und aufrichtende Liebe neu zu erfahren“, wie es auf der nebenstehenden Tafel erläuternd zum „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ heißt.

Doch es sind sicher nicht nur katholische Christen, die vor dem Eintritt in die unmittelbar dahinter hoch aufragende Klosterkirche der Einladung zu diesem Ritus noch bis November dieses Jahres folgen werden. Rund eine Million Menschen sind es schätzungsweise, die jährlich als Pilger, Touristen oder Kunstinteressierte nach Einsiedeln kommen. „In diesem Jahr sind wir in besonderer Weise eingeladen, Gott zu begegnen, und sind aufgerufen, auch selber barmherzig zu sein“, begrüßt Abt Urban Federer die Menschen aus nah und fern, die das Benediktinerkloster Einsiedeln in den Schweizer Alpen aufsuchen.

Die schwarze Madonna im Kloster Einsiedeln

Nach dem Eintritt in die doppeltürmige Abts- und Kathedralkirche St. Maria Himmelfahrt und Sankt Mauritius stehen die Besucher im Oktogon, das die Gnadenkapelle mit der Schwarzen Madonna, die eigentliche Anlaufstelle der Pilger, umfasst. Die Kapelle ist über der einstigen Klause des heiligen Meinrad errichtet worden. Der Benediktiner vom Bodensee, angeblich aus der Familie der Grafen von Hohenzollern stammend, lebte im neunten Jahrhundert hier oben als Einsiedler. 80 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod fasste der selige Eberhard von Straßburg die hier lebenden Eremiten zu einer Mönchsgemeinschaft zusammen und gründete im Jahr 934 das bis heute bestehende Benediktinerkloster. Dieses wurde im Laufe der Jahrhunderte nicht nur von zahlreichen Adeligen, sondern auch von den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation unterstützt. Die Bedeutung zeigte sich zudem darin, dass der jeweilige Klostervorsteher als Fürstabt über das Gebiet des Klosters regierte.

Gnadenbild der schwarzen Madonna in Einsiedeln
Foto: KNA

Eine solche machtvolle Stellung hat der Abt heute nicht mehr, gleichwohl genießt der Klostervorsteher von Einsiedeln nach wie vor hohen Respekt und Anerkennung. Da er juristisch im Range eines Bischofs steht, ist er Mitglied der Schweizerischen Bischofskonferenz. Daneben repräsentiert er das Kloster in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Seine Stellung und Entscheidungsbefugnis nach innen ist jedoch begrenzt, da die Mönche grundsätzlich auf einer Ordnungsstufe stehen. Der Abt soll als Familienoberhaupt die Gemeinschaft mit „Güte und Strenge“ leiten und trägt die Verantwortung für die geistlichen und weltlichen Belange des Klosters. Er kann aber keine Entscheidung ohne die Zustimmung der Mönchsgemeinschaft treffen und hat beispielsweise in finanziellen Belangen nur über einen Betrag von 20 000 Schweizer Franken freie Verfügungsgewalt. Seit rund zwei Jahren steht der 47 Jahre alte Urban Federer aus Zürich an der Spitze der Gemeinschaft.

Die Klosteranlage und Mönchsgemeinschaft

Mit rund 2 000 Hektar Land ist das Kloster heute der größte private Grundbesitzer der Schweiz. Dazu zählen neben 800 Hektar Landwirtschaft und etwa 1 000 Hektar Wald in fünf Kantonen sowie in Österreich auch die malerisch gelegene Insel Ufnau im Zürichsee sowie einige Klosterweinberge.   Auf der weitläufigen Klosteranlage selbst befinden sich zahlreiche Werkstätten: Unter den Werkstätten finden sich neben einer Maurerei und Steinhauerei auch eine Schmiede, ein Sanitär- sowie Elektro- und Malerbetrieb, Gärtnerei und Buchbinderei sowie eine Sägerei. Die Mönchsgemeinschaft ist Arbeitgeber für rund 180 Angestellte. Auf dem Gelände befindet sich auch der Marstall. Hier, im ältesten Gestüt Europas, lässt sich die Pferdezucht bis in das Jahr 1860 zurückverfolgen – die Pferdehaltung besteht indes seit etwa 1 000 Jahren. Die Einsiedeler-Zuchtpferde, die „Cavalli della Madonna“, werden wegen ihrer Eleganz, ihres guten Charakters, dem schwungvollen Gang und der robusten Gesundheit geschätzt.

Pferdezucht im Kloster Einsiedeln
Foto: Karl Horat | Im barocken Kloster Einsiedeln wurden Pferde gezüchtet: Die „Cavalli della Madonna“.

Auch eine Schule wird vom Kloster betrieben. Rund 350 Schülerinnen und Schüler besuchen das Gymnasium in Einsiedeln, davon sind etwa 20 im Internat. Im Schultrakt ist einer der herausragenden Kunstschätze untergebracht: die Stiftsbibliothek. Mit ihrem Aufbau wurde bereits im Gründungsjahr begonnen. Über 230 000 gedruckte Bücher, fast 2 000 Handschriften, über 1 000 Inkunabeln (Wiegendrucke) werden an diesem traditionsreichen Ort, nicht nur religiöser Buchkultur, gepflegt. Im berühmten Barocksaal – um 1740 erbaut – sind eine Reihe hervorragender Bücher untergebracht: Da findet sich etwa ein Codex aus dem 14. Jahrhundert, der gerade einmal die Größe einer Handfläche hat. Oder eine englische Bibel von 1660 in sieben Sprachen neben einem über tausend Jahre alten Codex aus Sankt Gallen.

Die Klosterkirche und ihre Legende

Zentraler Mittelpunkt dieses Klosterdorfs ist selbstredend die Kirche, in der sich baulich der geistliche Auftrag der über 50 Mönche widerspiegelt. Entworfen wurde sie – ebenso wie die gesamte heute bestehende Klosteranlage – von Caspar Moosbrugger (1656 bis 1723), der nach seiner Lehre als Steinmetz als Novize in Einsiedeln eintrat. Dort lebte er als Laienbruder bis zu seinem Tod und wurde in dieser Zeit zu einem bedeutenden Architekten der Barockzeit. Die Fertigstellung der Kirche, insbesondere die opulente bildnerische Ausgestaltung durch die Brüder Asam, erlebte er nicht mehr. Das eigentliche Kirchenschiff umfasst mit seinen Darstellungen in den Deckengemälden die vier Kernaussagen des christlichen Glaubens – Menschwerdung Christi, Abendmahl und Abschied, Leiden und Tod sowie die Auferstehung. Eine Bilderbibel in Kurzform.

Die Kirche beherbergt den Kapellenbau, der Ausgangspunkt für die bis heute andauernde Wallfahrt nach Einsiedeln ist. Zahlreiche Dankestafeln an den Wänden erzählen von vielfältigen Gebetserhörungen. Der Legende nach sollen am Tag der Kapellenweihe Engel erschienen sein und Bischof Konrad von Konstanz bedeutet haben, Gott selber habe die Kapelle bereits geweiht – Kern und Ursprung der Wallfahrt, die am 14. September zum Fest der Engelweihe jedes Jahr ihren Höhepunkt erreicht.

Anlaufpunkt für zahlreiche Jakobspilger

Da Einsiedeln aber auch auf einem der Wallfahrtswege nach Santiago de Compostela liegt, ist es natürlich auch ein wichtiger Punkt für die zahlreichen Jakobspilger. Für manche von ihnen ist das Kloster aber bereits das Ziel ihrer Wanderschaft, für andere wiederum Ausgangspunkt. Für Jakobspilger stellt das Kloster eine schlichte Übernachtung zur Verfügung. Über das Tourismusbüro können aber auch Unterkünfte in Einsiedeln selbst gebucht werden. Außerdem finden sich in der reizvollen Umgebung rund um den nahe gelegenen Sihlsee, eingerahmt vom Bergpanorama, weitere Angebote unterschiedlichster Art, die Station für verschiedenste Aktivitäten und Erholungen außerhalb des Klosters sein können. Einsiedeln ist gut mit der Bahn zu erreichen oder auch mit dem Auto, von Zürich kommend etwa eineinhalb Stunden, von Rapperswil, der alten Linie des Jakobswegs folgend über den spannend schönen Etzelpass etwa 45 Minuten.

Gerade im laufenden Kirchenjahr, das Papst Franziskus unter das Thema der Barmherzigkeit gestellt hat, werden die Besucher auf vielfältige Weise zu den geistigen und geistlichen Impulsen, Angeboten und vorgelebten Glaubenszeugnissen eingeladen, die seit Jahrhunderten von diesem Klosterdorf und seiner Gemeinschaft ausgehen. „Diese Geschichte wollen wir auch im Jahr 2016 fortschreiben!“, so Abt Urban. Denn gerade im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit solle dieser „Gnadenort“ ein besonderer Ort der Barmherzigkeit sein.

Bei einem geführten Rundgang durch Kloster und Bibliothek mit einem der Mönche lassen sich gelebte Spiritualität und lebendige Kultur sehen, hören und erfahren. Viele Tore und Türen öffnen sich da, und immer wieder lässt sich das Wort Jesu erspüren: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden“ (Joh 9,10). Unabhängig ob als Pilger, Tourist oder Kunstinteressierter – es ist wahrscheinlich dieser Dreiklang aus der bis auf die vier Jahre unter Napoleon unterbrochenen 1 000 Jahre alten Tradition aus Wallfahrt, Liturgie und Lage, die den größten Wallfahrtsort der Schweiz so unvergleichlich macht und im wahrsten Sinne die Erde dem Himmel ein Stück näher bringt.

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