Südböhmen

Burgen und Klöster im Süden Böhmens

Schlossgespenster, Kronjuwelen und geheime Türen: Beeindruckende Burgen und Klöster im Süden Böhmens.
Zisterzienserkloster Vyssi Brod, Czech Republic
Foto: adobe.stock.com | Das Zisterzienserkloster Vyšší Brod wurde im 13. Jahrhundert gegründet, 1941 aufgelöst und 1991 neu belebt.

Die Bibliothek ist ein großes Labyrinth, Zeichen des Labyrinthes der Welt. Trittst du ein, weißt du nicht, wie du wieder herauskommst“, mit diesen Worten erklärt der alte Mönch Alinardus von Grottaferrata in Umberto Ecos Buch „Im Namen der Rose“, warum man die wertvolle Büchersammlung des Klosters nicht betreten solle. An die Schätze der italienischen Klosterbibliothek Ecos fühlt man sich erinnert, wenn man die Bibliothek des Klosters Vyšší Brod (Hohenfurt) im Süden Böhmens besucht. Sie gilt als die schönste Klosterbibliothek Tschechiens.

Abschrift aus dem 8. Jahrhundert

Rund 70 000 Bände stehen hier in den Regalen – und wer die Sammlung betritt, der glaubt zuerst, die literarischen Schätze des Klosters befänden sich alle in einem langen Flur. Doch dann zeigt Klosterführer Andreas eine versteckte Tür, die in den nächsten Raum führt. Ein Durchgang, den man auf dem ersten Blick leicht übersehen kann, denn die Verbindungstür ist von oben bis unten kunstvoll mit Buchrücken gemalt – und wirkt deshalb so, als wäre sie nur ein weiteres Regal voll altehrwürdiger Bände. Der Raum, den wir anschließend betreten, liegt im schummerigen Dämmerlicht. Es ist der philosophische Saal der Hohenfurter Klosterbibliothek, in dem vor allem Bücher aufbewahrt werden, die sich wissenschaftlichen Themen widmen. Der nächste Raum ist deutlich heller. Das Licht des Glaubens, an einem frommen Ort wie diesem leuchtet es stärker als die Fackel der Wissenschaft – denn dieser Raum ist der theologische Saal, in dem Bibeln in mehr als vierzig verschiedenen Sprachen zu finden sind. Besonders kostbar ist eine Abschrift des Paulusbriefes an die Thessalonicher aus dem 8. Jahrhundert, die ebenfalls hier aufbewahrt wird.

Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert

Neben der Bibliothek beherbergt das Zisterzienserkloster Vyšší Brod, das im 13. Jahrhundert gegründet, 1941 aufgelöst und 1991 neu belebt worden ist, noch einen weiteren Schatz. Diesen bekommt man erst zu Gesicht, nachdem man einen Metalldetektor durchschritten und eine elektronisch gesicherte Tür passiert hat. Anschließend geht es über eine schmale Metallwendeltreppe nach oben. Noch eine weitere Tür, die entriegelt werden muss, dann funkelt es dem Besucher aus einer Glasvitrine entgegen: das geheimnisvolle und überaus wertvolle Zawischkreuz, früher vermutlich ein Bestandteil der ungarischen Kronjuwelen. Zawisch von Falkenstein stiftete es dem Kloster Vyšší Brod beziehungsweise Hohenfurt, denn die Abtei, die 1259 von Wok von Rosenberg gegründet wurde, war das Erbkloster der Witigonen. Die Familiengruft der Rosenberger befindet sich direkt unter dem Altarraum.

Stolzes Adelsgeschlecht

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Die Rosenberger waren ein stolzes Adelsgeschlecht, das unter anderem in Rožmberk nad Vltavou (Rosenberg) und in Èeský Krumlov (Krumau) residierte. Ihr Familienwappen, eine fünfblättrige Rose, gab es in Rot für die Herren von Rosenberg, aber auch in Grün für die Herren von Krumau, sowie in Blau, Schwarz, Silbern und Gold für weitere Neben- und Seitenlinien. Ihr Hauptsitz in Rožmberk nad Vltavou, eine stolze Burg über der Moldau, kann besichtigt werden. Gleich in der Eingangshalle steht die Figur eines Ritters, der auf einem Pferd sitzt und dessen Schild das Wappen der Rosenberger ziert.

Beim Rundgang erfährt man, dass das Schloss, das nach dem Erlöschen der Rosenberger-Dynastie den Herren von Schwanberg übergeben wurde, nach der Rekatholisierung Böhmens in den Besitz eines französischen Edelmanns gelangte, dem Grafen Buquoy. Dieser hat in den mehrfach umgebauten Gemäuern prächtig gelebt – obgleich es dort in dunklen Winternächten, wenn der Wind durch die umliegenden Wälder fegte, durchaus unheimlich werden konnte. Denn einen Schlossgeist gibt es hier natürlich auch – die „weiße Frau von Rosenberg“, deren Bildnis im Rosenbergsaal ausgestellt ist. Es ist Perchta von Rosenberg, die in Krumau geboren und gegen ihren Willen mit Johan von Liechtenstein verheiratet wurde, mit dem sie eine sehr unglückliche Ehe führte. Weil sie ihrem Mann die schlechte Behandlung nicht verziehen hatte, soll dieser sie verflucht haben.

Eigener Schlossgeist

Seit ihrem Tod im Jahr 1476 wurde ihr Geist angeblich mehrere Jahrhunderte lang immer wieder an verschiedenen Orten gesichtet, unter anderem auch auf Burg Rosenberg. Auf dem Gemälde im Rosenbergsaal trägt Perchta ein langes weißes Kleid, dessen Ärmel fast durchsichtig sind. In ihrer rechten Hand hält sie einen dünnen Metallstab, mit dem sie eine Botschaft in den Erdboden ritzt – in einer Phantasie-Sprache, die bis heute Rätsel aufgibt. Wer die geheime Nachricht entschlüsseln kann, so die Legende, dem soll es möglich sein, den Familienschatz der Rosenberger zu finden. Bislang jedoch hat dies niemand geschafft – und ob es diesen Schatz tatsächlich gibt, liegt genauso im Dunkeln wie die Bedeutung der mysteriösen Zeichen.

Bilderbuchstadt Krumau

Eine der größten und prächtigsten Burgen, die einst den Rosenbergern gehört hatte, steht ca. 24 Kilometer nördlich von Rosenberg in Krumau. Einer Bilderbuchstadt, deren gesamte Innenstadt seit dem Jahr 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, und die in der tschechischen Republik inzwischen das populärste Touristenziel nach Prag sein dürfte. Selbst Asiaten, die Zentraleuropa in sechs Tagen besuchen, legen hier einen Stopp ein – meist umfasst ihr Route dabei die Städte Berlin, Dresden, Prag, Krumau, Salzburg und Wien. Krumau bzw. Èeský Krumlov liegt ebenfalls an der Moldau, und das Schloss, das sich an einem Hügel am linken Moldauufer erhebt, spiegelt sich im Wasser des Flusses. „Zu den Hochzeiten der Rosenberger haben diese sogar die Habsburger herausgefordert. Denn Wilhelm von Rosenberg, der in Krumau residierte, wollte tschechischer König werden“, berichtet LukᚠSvárovský, ein studierter Geschichtslehrer, der inzwischen hauptberuflich Radreisen veranstaltet – und blickt hoch zum Schloss.

Doch Peter Wok von Rosenberg, der letzte Rosenberger, der hier lebte und der seinen älteren Bruder Wilhelm beerbt hatte, konnte den Stammsitz nicht halten. Die Familie war verschuldet, nur durch den Verkauf des Schlosses an Rudolf II. verschaffte er sich wieder finanzielle Beinfreiheit – er selbst zog dann samt dem Krumauer Familienarchiv in das Schloss Tøeboò (Wittingau). Ab dem Jahr 1622 gehörte die Burg Krumau dann den Eggenbergern, und ab 1719 den Schwarzenbergern, die ihren Ursprung im unterfränkischen Seinsheim haben.

Auch über die Schwarzenberger gibt es Geschichten und Legenden. Die Hauptrolle spielt meist Eleonore von Schwarzenberg, die in der St.-Veits-Kirche in Krumau begraben liegt – und die in einem österreichischen Film als „Vampirprinzessin“ bezeichnet wurde.

Königsstadt Budweis

Von Krumau sind es weitere 24 Kilometer Richtung Nordosten bis nach Èeské Budìjovice (Budweis). Mit dieser Stadt, sie ist heute die größte in Südböhmen, wollte der böhmische König einen Gegenpol zu den starken Adelsgeschlechtern in Krumau und Rosenberg setzen. Die Königsstadt entstand Ende des 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts anhand eines Entwurfs auf dem Reißbrett. Ihr Herz ist zweifelsohne der Marktplatz, an dem sich unter anderem der Schwarze Turm, das barocke Rathaus und ein Samsonbrunnen befinden. „Budweis wurde gegründet, um die Hegemonie der Rosenberger zu brechen. Die Rosenberger haben deshalb ein paar Mal versucht, die Stadt anzugreifen“, berichtet der Geschichtsexperte LukᚠSvárovský. Der Konflikt dauerte mehrere Jahrhunderte, doch letztlich behielten die Habsburger die Oberhand.

Budweis liegt an der Moldau – ebenso wie Hluboká nad Vltavou, wo uns ein Schloss erwartet, das wie ein echtes Märchenschloss wirkt. Auch hier residierten einst die Witigonen und die Schwarzenberger. Sein jetziges Aussehen, ganz im Stil der Romantik, erhielt das Gebäude im 19. Jahrhundert, als Johann Adolf II. Fürst zu Schwarzenberg das Schloss abtragen und komplett neu aufbauen ließ, was über dreißig Jahre dauerte. Gleich neben dem Neubau findet sich eine sehenswerte Kunstausstellung. Eine Bibliothek, die wie ein Labyrinth wirkt, in im Schloss Hluboká nad Vltavou beziehungsweise Frauenberg zwar nicht zu finden, doch auch die Buchsammlung in diesem Gebäude umfasst rund 12 000 Werke.

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07.02.2021, 13  Uhr
Christoph Hurnaus
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