Weihrauch mischt sich mit dem Salzgeruch des Meeres

Wallfahrtsorte in Galicien: Nicht nur Santiago de Compostela, auch Santo André de Teixido, Muxía und Augas Santas lohnen den Besuch. Von Gabi Dräger
Foto: Jürgen Rose | Zum Wallfahrtsfest der Senora da la Barca strömen die Pilger nach Muxía.
Foto: Jürgen Rose | Zum Wallfahrtsfest der Senora da la Barca strömen die Pilger nach Muxía.

Galicien ist anders, ganz anders als Spanien. Die Galicier sind eher zurückhaltend und spielen statt der Flamencogitarre lieber ein altes keltisches Instrument, den Dudelsack. Die Küsten sind sturmgepeitscht und die Meeresbuchten haben sich in das Land hineingefräst. Die Galicier sind tief in der Religion verwurzelt, deshalb haben Wallfahrtsorte eine besondere Bedeutung für sie.

Der bekannteste Wallfahrtsort in Galicien ist Santiago de Compostela. Manche Pilger humpeln nach langen Wanderungen die letzten Meter bis zur Kathedrale und weinen dort vor Glück oder jubeln vor Freude. Sie sind angekommen an der Kathedrale, in der der Apostel Jakobus begraben ist. Die Pilgermesse in der Kathedrale um zwölf Uhr ist überfüllt, viele müssen stehen. Der feierliche Gesang der Kantorin in der großartigen Akustik der Kathedrale ist ergreifend. Gegen Ende der Messe wird der 54 Kilogramm schwere Botafumeiro, der Weihrauchkessel geschwungen. Santiago ist als Pilgerziel weltbekannt, die anderen galizischen Wallfahrtsorte sind dagegen vielen nicht so vertraut.

Bei der Fahrt nach Muxía fallen einem die vielen kleinen Zelte auf. Das sind die Zelte der spanischen Pilger, die zum Wallfahrtsfest der Senora da la Barca in Muxía gekommen sind. Die Kirche liegt fünfzehn Minuten vom Ort entfernt auf einer Landzunge. Hier soll einst Maria mit einem Steinschiff gelandet sein, um dem Apostel Jakobus beim Missionieren zu helfen. Riesige Steine aus vorchristlicher Zeit beflügeln die Fantasie. In der Kirche brennen unzählige Kerzen. Die vielen Devotionalien in Form von Schiffen bezeugen, dass die Fischer an der Todesküste Maria danken, wenn sie gefährliche Situationen auf der rauen See überlebt haben. Eine steile enge Treppe führt zur Marienfigur im ersten Stock.

Der Hügel neben der Kirche füllt sich. Allmählich wird es schwer, einen Platz zu finden. Immer mehr festlich gekleidete Menschen kommen. Um halb eins beginnt die Messe mit der Marienfigur, die ins Freie getragen wurde. Weihrauch vermischt sich mit dem Salzgeruch des Meeres. Kerzen auf Stäben, die viele Einheimische tragen, symbolisieren das ewige Licht. Anschließend folgt man der Prozession mit der Maria der Schiffe zur Pfarrkirche im Ort Muxía mit abschließender Messe. Danach wird in den Restaurants und Pulperias gefeiert.

Die Weiterfahrt führt an der zerklüfteten Todesküste entlang nach Cabo Fisterra oder Cabo Finesterre, dem Ende der Welt, wie es schon die Römer nannten. Vom Leuchtturm blickt man über eine karge Natur auf den offenen Atlantik. Für viele Jakobspilger ist erst das Kap das endgültige Ziel ihrer Reise.

Die Klippen von Vixía de Hebeira im Norden Galiciens sind mit 612 Metern Höhe, die höchsten in Europa. Freilebende Pferde laufen scheu davon. Riesige Windräder drehen sich unermüdlich neben dem kleinen alten Leuchtturm, der heute nicht mehr in Betrieb ist. In den Zeiten der Piraterie wurde das Licht am Leuchtturm gelöscht, um dann die umherirrenden Schiffe leichter überfallen zu können.

Ein paar Kilometer weiter liegt erhaben an der Küste der Wallfahrtsort Santo Andé de Teixido. Er ist ein besonderer Flecken Erde, der schon in vorchristlicher Zeit als mystischer Ort galt. Santo André war der wichtigste Wallfahrtsort Spaniens, bevor der Jakobsweg so bedeutend wurde. Christentum und alte heidnische Bräuche bestehen hier von alters her nebeneinander. Die kleine Kirche geht der Legende nach auf den Apostel Andreas zurück. Jesus soll den Apostel an die Nordwestküste Galiciens geschickt haben, um den christlichen Glauben zu verbreiten. In Santo André de Teixido muss jeder einmal im Leben gewesen sein, sagt ein galicisches Sprichwort. Es heißt, wer zu Lebzeiten nicht nach Santo André kommt, der muss es als Toter tun. Noch heute gibt es Pilger, die im Bus zwei Tickets kaufen, weil sie die Seele eines Toten „mitnehmen“. Der Platz für die Kirche Santo André de Teixido könnte nicht schöner sein. Sie thront auf einem Hügel über dem Meer an der Steilküste. Über eine Treppe geht es ein paar Stufen abwärts zu einer Quelle. Wer ein Stück Brot ins Wasser setzt, das von der Strömung mitgenommen wird und nicht untergeht, dem werde ein Wunsch erfüllt, weiß eine spanische Nonne, die auch gerade die Quelle besucht.

Weiter geht die Fahrt nach Ourense zu dem kleinen Dorf Taboadela. Wo heute die romanische Kirche steht, hat sich das Martyrium zugetragen. Marina von Augas Santas oder Marina von Ourense ist eine spanische Heilige, sie wird als eine von neun Schwestern verehrt. Sie lebte im Jahre 119 bis 139 nach Christus, das ist bewiesen. Doch Realität und Legende vermischen sich, so existieren verschiedene Versionen ihrer Geschichte.

Calsia, die Frau des römischen Gouverneurs Lucius Castelius Severus von Gallaecia und Lusitania brachte bei einer einzigen Geburt neun Töchter zur Welt. Sie hatte Angst, dass ihr Mann sie der Untreue bezichtigen würde und gab dem Diener Sila den Auftrag, alle Mädchen im Fluss zu ertränken. Der Diener, der bereits Christ war, hatte Mitleid und gab die Mädchen zu verschiedenen Familien, wo sie christlich erzogen wurden. Bewiesen wieder ist, dass sie vom Bischof St. Ovidius getauft wurden. Als die Mädchen zwanzig Jahre alt waren, wurden sie, weil sie Christinnen waren, vor den römischen Gouverneur gebracht. Der erkannte seine Töchter und befahl ihnen, dem Christentum abzuschwören und versprach ihnen ein Leben in Luxus. Doch die Mädchen weigerten sich. Sie wurden verbrannt, doch das Feuer konnte ihnen nichts anhaben. Daraufhin wurden sie geköpft, eine Quelle entstand an dem Platz, an dem sie enthauptet wurden. Die Quelle wird seitdem Heiliges Wasser genannt.

Eine andere Version besagt, Marina sollte einen reichen Heiden heiraten. Sie weigerte sich, da sie Christin geworden war. Zur Strafe wurde sie verbrannt, da das Feuer ihr nichts anhaben konnte, wurde sie geköpft. Eine Quelle entstand an der Stelle, an der ihr Kopf aufschlug. Reliquien der Heiligen werden in der Kirche Santa Marina aufbewahrt.

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