„Was er euch sagt, das tut“

„Gesegnetes Portugal“ – Leserreise der „Tagespost“ zum portugiesischen Marienwallfahrtsort Fátima. Von Regina Rakow
Foto: Stichnoth | Die Wallfahrtskirche Bom Jesus do Monte erhebt sich eindrucksvoll über der einzigartigen monumentalen Treppenanlage.

Seit einhundert Jahren beten die Gläubigen im portugiesischen Marienheiligtum Fátima den Rosenkranz für den Frieden in der Welt. Auch am Vorabend des 13. September 2017 versammelten sich nach Einbruch der Dunkelheit auf dem großen Pilgerplatz des Gnadenortes Zehntausende von Menschen zum Gebet und zur anschließenden Lichterprozession, bei der die Statue der Muttergottes im Schein zahlreicher Kerzen über den weiten Platz getragen wurde. In die große Schar der Pilger aus aller Welt reihten sich auch die 44 Pilger der „Tagespost“ ein – die Gäste unserer Leserreise „Gesegnetes Portugal“ unter der geistlichen Leitung von Domdekan Prälat Günter Putz, Herausgeber der „Tagespost“. Den Refrain des über Lautsprecher zu hörenden Fátima-Liedes sangen alle inbrünstig mit und hoben beim „Ave Maria“ die brennenden Kerzen zu einem überwältigenden Lichtermeer empor. Beeindruckend waren auch die vielen Sprachen, in denen der Rosenkranz vorgetragen wurde; gerade dies verdeutlichte, wie eng die Weltkirche in diesem Jahr in Fátima zusammenrückt. Beim Festgottesdienst am 13. September, der bei strahlendem Sonnenschein gefeiert wurde, erinnerte Mauro Kardinal Piacenza, internationaler Präsident des katholischen Hilfswerkes „Kirche in Not“, in seiner Predigt eindringlich an die Worte der Muttergottes „Was er euch sagt, das tut!“ und ermutigte das pilgernde Gottesvolk, die Zeichen der Zeit zu erkennen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mit zahlreichen weißen Taschentüchern winkten die Gläubigen am Ende des Gottesdienstes der Gnadenstatue Unserer Lieben Frau von Fátima zu, als sie vom Altarbereich vor der Basilika zu ihrem Platz in der Erscheinungskapelle zurückgetragen wurde. Seit der Heiligsprechung der beiden Seherkinder Jacinta und Francisco Marto durch Papst Franziskus am 13. Mai 2017 schmücken die offiziellen Porträts der jung gestorbenen Geschwister die Fassade der 1928 begonnenen Basilika Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, in der sich auch ihre neu gestalteten Gräber befinden. Zu den eindringlichen Erlebnissen während der drei Pilgertage in Fátima gehörte auch der gemeinsame Gang auf dem ungarischen Kreuzweg, der idyllisch durch Olivenhaine führt und seinen Namen den großzügigen Spenden zahlreicher Exilungarn verdankt. Von dort ist der Weg nicht mehr weit nach Aljustrel, dem Geburtsort der Seherkinder, der vor hundert Jahren noch aus einfachen Bauernhäusern und einer Lehmstraße bestand. Sowohl das Elternhaus von Lúcia dos Santos als auch das Haus der Familie Marto, die nur zweihundert Meter voneinander entfernt liegen, beeindrucken in ihrer Schlichtheit.

Die erfüllten Tage in Fátima waren der geistliche Höhepunkt einer achttägigen Pilger-Studienreise, die ihren Ausgangspunkt in der quirligen Hafenstadt Porto hatte. Die Stadt, die sich an den hügeligen Ufern des Douro nahe des Atlantiks ausdehnt, ist eine herbe Schönheit, die durch Granitbauten geprägt wird. In beherrschender Lage erhebt sich die wehrhafte Kathedrale, deren Baubeginn im 12. Jahrhundert liegt. In ihr befindet sich die mittelalterliche Statue der Nossa Senhora da Vandoma, der Stadtpatronin Portos. Der reich mit Azulejos geschmückte Bahnhof Sao Bento zeugt ebenso wie der 1842 errichtete Palácio da Bolsa mit seinem prachtvollen „Arabischen Saal“ und den zahlreichen imposanten Brückenbauten vom einstigen Reichtum der Handelsstadt. Ein freundlicher Empfang wurde der „Tagespost“-Pilgergruppe in der kleinen romanischen Kirche Sao Martinho de Cedofeita bereitet, die der 40 Familien umfassenden deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Porto als Gotteshaus dient. Nur zweimal im Monat kommt Pfarrer Norbert Abeler, der auch die deutschsprachigen Pilger in Fátima betreut, von Lissabon nach Porto. Vor Ort kümmert sich der aus dem fränkischen Erlabrunn stammende Pfarrgemeinderat Winfried Benkert, der seit 1961 in Portugal lebt, um die Belange der kleinen Gemeinde. Rund 60 Kilometer nördlich von Porto, in der fruchtbaren und grünen Hügellandschaft des Minho, liegt die Stadt Braga, die der Überlieferung gemäß bereits im 1. Jahrhundert zum ersten Bischofssitz der Iberischen Halbinsel wurde. Bis heute darf sich der Erzbischof von Braga daher auch „Primas von Portugal“ nennen. In der Erzdiözese Braga, deren Schutzheilige die Jungfrau Maria ist, werden seit vielen Jahrhunderten die Gottesmutter und das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis verehrt. König Johann IV. ließ 1646 mit päpstlicher Genehmigung die Nossa Senhora da Conceiçao (Unsere liebe Frau der Unbefleckten Empfängnis) zur Schutzpatronin und Königin von Portugal erheben. Alle portugiesischen Könige aus dem Hause Braganza trugen ihr zur Ehren keine Krone auf dem Kopf und noch heute heißen viele Mädchen in Portugal mit Vornamen Maria da Conceiçao. Als Papst Pius IX. 1854 feierlich das Dogma der Unbefleckten Empfängnis verkündete, bot dies Anlass zum Bau einer außerhalb der Stadt auf einem Hügel gelegenen Wallfahrtskirche, die vor den Erscheinungen in Fátima das wichtigste Marienheiligtum der Portugiesen war. Bei der Ankunft der „Tagespost“-Pilgergruppe hüllte sich das Santuário Nossa Senhora do Sameiro noch in dichten Nebel, der sich nur langsam auflöste. Wie schon beim Eröffnungsgottesdienst in Porto bereitete Prälat Putz die Teilnehmer auch hier nachhaltig auf das kommende Fátimafest vor. Die Aussicht auf die Stadt Braga von der nicht weit entfernt liegenden Wallfahrtskirche Bom Jesus do Monte mit ihrer berühmten barocken Prachttreppe konnten unsere Gäste dann wieder bei herrlichem Sonnenschein genießen. Ein Spaziergang im historischen Zentrum von Braga führte zu dem üppig blühenden Santa-Bárbara-Garten hinter dem Erzbischöflichen Palais und zur eindrucksvollen romanischen Kathedrale mit ihrem großartigen barocken Schmuckwerk.

Am nächsten Tag ging es weiter Richtung Süden nach Aveiro, das von einer flachen Lagunen- und Salinenlandschaft umgeben ist. Auf den Kanälen, die das Stadtbild prägen, sind noch heute einige „Moliceiros“ zu sehen, bunt bemalte schmale Boote, die einst dem Fischfang und dem Einsammeln von Seetang dienten, der als Dünger geschätzt wurde. Eine Spezialität der Stadt sind „ovos moles“, „weiche Eier“, die aus Eigelb und Zucker bestehen und in Oblaten eingewickelt werden. Früher wurden sie im Dominikanerinnenkloster Convento de Jesus hergestellt, da das Eiweiß zum Stärken der Nonnenhauben benötigt wurde. Das seit 1911 als Museum eingerichtete Kloster bewahrt die Erinnerung an die 1693 seliggesprochene Prinzessin Johanna von Portugal, die 1472 dem höfischen Leben entsagte, um ein Gott geweihtes Leben zu führen. Nicht weit entfernt von der Universitätsstadt Coimbra, die in diesen Tagen von studentischem Leben erfüllt war, liegt das Franziskanerkloster Santo António dos Olivais, das auf den hl. Antonius von Padua verweist, der sich während des Studiums in Coimbra entschloss, die Augustiner-Chorherren zu verlassen und in den noch jungen Franziskanerorden einzutreten. Auch hier wurde die „Tagespost“-Pilgergruppe sehr herzlich empfangen und durfte die extra ausgestellte Antoniusreliquie berühren.

Das Kloster von Alcobaça zählt zu den eindrucksvollsten und schönsten Zeugnissen zisterziensischer Baukunst in Europa und ist eng mit der Geschichte des Landes verbunden, da Portugals erster König Alfonso Henriques 1147 nach seinem Sieg über die Mauren bei Santarém dem Zisterzienserorden das gewonnene Land schenkte. In der frühgotischen Klosterkirche, dem größten Gotteshaus Portugals, erzählen die beiden prunkvollen Grabmäler von Pedro I. und Ines de Castro von ihrer tragischen Liebesgeschichte. Auch dem Dominikanerkloster Santa Maria da Vitoria in Batalha liegt eine königliche Stiftung zugrunde. König Johann I. gelobte vor der Schlacht von Aljubarrota, die 1385 die Unabhängigkeit Portugals sicherte, ein Kloster zu gründen, das ihm später auch als Grablege diente. Von überwältigender Schönheit ist der unter König Manuel I. entstandene Kreuzgang mit seinen reichen Maßwerkdekorationen. Das monumentale Convento de Cristo in Tomar erinnert an den Templerorden und seine portugiesischen Nachfolger, die Christusritter. Im Mittelpunkt der Anlage erhebt sich die Charola, die ursprüngliche Templerkirche, die nach und nach von mehreren Kreuzgängen umgeben wurde. Ein Meisterwerk der portugiesischen Kunst ist das berühmte, von Diogo de Arruda geschaffene, manuelinische Fenster, das die Außenfassade des Kapitelsaals schmückt.

Nach einem Abstecher zur Atlantikküste in das Fischerdorf Nazaré führte die Leserreise am nächsten Tag in die Burgenstadt Óbidos, wo der sympathische portugiesische Reiseleiter Luís Anjos vergeblich versuchte, den Teilnehmern die portugiesische Aussprache der lokalen Spezialität „Ginjinha“, ein Sauerkirschlikör, beizubringen. Auf dem Weg nach Lissabon liegt der Klosterpalast von Mafra, eines der gewaltigsten Bauwerke Europas, den König Johann V. mithilfe des brasilianischen Goldes von seinem deutschen Architekten Johann Friedrich Ludwig im 18. Jahrhundert errichten ließ. Über 50 000 Menschen arbeiteten an diesem gigantischen Projekt, das ein Kloster, eine Bibliothek, einen Palast und eine Kirche umfasst.

Die letzte Station der Pilger-Studienreise war Lissabon, das sich am Nordufer des Tejo erstreckt. Viele Häuser und Straßenzüge der portugiesischen Hauptstadt mussten nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 neu errichtet werden, nur das Hieronymus-Kloster und der Turm von Belém, wo die Geschichte der Seefahrernation Portugal begann, überstanden die Katastrophe unbeschadet. Das Hieronymus-Kloster, das unter König Manuel I. kurz nach der triumphalen Rückkehr Vasco da Gamas von seiner Entdeckerreise nach Indien in Auftrag gegeben wurde, spiegelte noch einmal Glanz und Reichtum der portugiesischen Kunst des 16. Jahrhunderts wider. Neben der Kathedrale, der ältesten Kirche Lissabons, erhebt sich die kleine barocke Kirche Santo António a Sé, die über den Grundmauern des Geburtshauses des heiligen Antonius von Padua, den die Portugiesen lieber Antonius von Lissabon nennen, errichtet wurde. Ein letzter Blick auf die Stadt bot sich den Gästen von der Aussichtsplattform der Cristo Rei-Statue, die 1959 fertiggestellt wurde. Das 2007 auf dem Vorplatz der Kirche aufgestellte Kreuz aus Fátima erinnerte noch einmal an den Besuch im Gnadenort. Am Ende der Leserreise verabschiedete Pfarrer Dörflinger, der dankenswerterweise den Sonntagsgottesdienst übernommen hatte, die Pilgergruppe mit den Worten: „gesegnetes Portugal, gesegnete Reise, gesegnete Menschen“!

Themen & Autoren

Kirche