Wandern von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang

24-Stunden-Touren in Deutschland und Österreich gewinnen an Beliebtheit – Nichts für Gelegenheitsspaziergänger – Lust am Limit

Rund um die Uhr wandern – das mag für manchen Liebhaber von Schusters Rappen eine beinahe paradiesische Vorstellung sein. Jedoch weniger paradiesisch, sondern eher irdisch lassen in den vergangenen Jahren vermehrt Bergführer und Tourismusregionen diesen Traum Wirklichkeit werden. Sie locken in dieser Jahreszeit mit 24-Stunden-Wanderungen. Die meisten starten im Juni in den bayerischen und österreichischen Alpen und scheinen eine hohe Anziehungskraft zu besitzen, obwohl die Teilnehmerpreise mancherorts saftig sind. Teilweise gibt es sogar Wartelisten. Aber die Teilnehmer nehmen viel in Kauf, um einmal im Leben ans Limit zu gehen.

„Das war für mich die Gelegenheit, meine körperlichen und mentalen Grenzen auszutesten“, berichtet Roland Wagner, der im vergangenen Jahr die „24 Stunden von Bayern“ im Oberpfälzer Wald absolviert hat. „Ich war einfach gespannt, ob ich das durchhalte – einen Tag und eine Nacht wandern.“ Die ersten Stunden seien schneller vergangen als gedacht und nicht sonderlich anstrengend gewesen. Schließlich sei der Oberpfälzer Wald auch keine alpine Herausforderung. Tagsüber habe er weder an die Zeit noch an die Kilometer gedacht, die noch zu absolvieren waren. „Aber nachts ist es ganz schön öde geworden, durch die Dunkelheit zu stapfen.“ Er habe einen heftigen Kampf mit sich ausgefochten, aber nie ans Aufgeben gedacht, obwohl er bei einer Pause im Sitzen eingeschlafen sei.

Christina Fritz hat keinen solchen Tiefpunkt erlebt bei ihrer 24-Stunden-Tour durchs Tannheimer Tal. Die 41-Jährige war darüber auch nicht überrascht. „Ich bin ein Nachtmensch, mir macht es nichts aus, auch mal 24 Stunden wach zu sein.“ Sie besitze eine gute Grundkondition und lebe schließlich in Füssen, wo sie viel Zeit in den Bergen verbringe. Ihr Mann sei nicht problemlos über die Runden gekommen, musste gegen ein Müdigkeits-Tief ankämpfen. „Aber klar, man muss schon ziemlich kämpfen und darf nicht gleich aufgeben.“ Sie suche stets nach neuen Herausforderungen und ihr Mann habe sie nicht lange überreden müssen, beim Dauer-Wandern mitzumachen. Schließlich sei sie auch für ihre „Grenz-Erfahrung“ mit einem „traumhaften Sonnenaufgang“ an der Landsberger Hütte belohnt worden.

Der berühmte Südtiroler Bergsteiger Hans Kammerlander sieht sich als Erfinder des 24-Stunden-Wanderns. Vor acht Jahren war er als Bergführer erstmals mit einer Gruppe einen ganzen Tag und eine ganze Nacht unterwegs. Mittlerweile bietet er gleich mehrere Touren pro Jahr an, die Warteliste ist lang und die Gruppen altersmäßig „bunt gemischt“. Obwohl Kammerlander sagt, dass die Teilnehmer überdurchschnittlich fit sind, überschätzen sich jedes Jahr einige. „Am Anfang laufen alle viel zu schnell los, weil sie übermotiviert sind.“ Wer schlapp macht, wird mit einem Begleiter ins Tal geführt und mit dem Auto zum Ziel gekarrt. „Viele träumen davon, einmal an ihre Grenzen zu gehen“, sagt Kammerlander. Als Bergführer müsse er auf den „richtigen Rhythmus“ achten und nicht zu oft unterbrechen. Jede Stunde plane er eine Trinkpause ein, alle vier bis sechs Stunden wird eine Hütte oder Verpflegungsstation angesteuert. Unterwegs könnten sich die Wanderer mit Energieriegel aus dem eigenen Rucksack fit halten. „Aber man darf sich nicht überfressen, das ist einer der größten Fehler.“

Die größte Herausforderung kommt in den Nachtstunden, wenn die Leute müde sind und Verletzungen durch Stolpern drohen. „In der Dunkelheit laufen ist für die meisten total neu.“ Bei ihm sei aber noch nichts Ernsthaftes passiert und die „Erfolgsquote sehr hoch“.

Die Gefahr ist beileibe jedoch nicht zu unterschätzen: Der Deutsche Alpenverein hat gezählt, dass sich im Jahr 2007 mehr als 1 000 seiner Mitglieder durch einen Stolpersturz beim Wandern so schwer verletzt haben, dass die Rettungskräfte nötig waren. Erst an zweiter Stelle rangieren in dieser Statistik Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Manfred Lorenz, Leiter der Sicherheitsschulung beim DAV Summit Club, mahnt: „24-Stunden-Wandern ist sicher ein tolles Angebot, aber nichts für Durchschnitts-Wanderer. Das geht eher Richtung Leistungssport.“ Ein Einbruch durch die Dauer der Belastung sei vorprogrammiert, die Sturzgefahr erhöhe sich schon bei der schlechteren Sicht in der Dämmerung. Er empfiehlt in jedem Fall eine „vernünftige Vorbereitung, also ein gut durchdachtes Ausdauertraining“.

„Es gibt aber welche, die haben auch nach 24 Stunden noch nicht genug“, erzählt Hans Kammerlander und erinnert sich an eine Gruppe, die vor sechs Jahren beim finalen Buffet und dem ersten Bier auf ihn zugekommen ist. „Da ist die Spannung abgefallen und dann hatten die alle wieder richtig Kraft und wollten noch weiterwandern.“ Daraufhin hat Kammerlander das 36-Stunden-Wandern ins Leben gerufen. Auch da gibt es für die Teilnehmer am Ende immer ein Buffet und es tauchte glatt die Frage auf, ob man die Tour nicht auf 48 Stunden ausdehnen könne. Aber das ist selbst Kammerlander zu viel: „Zwei Nächte nicht schlafen, da ist das Risiko zu groß. Da kommt im Gehen der Sekunden-Schlaf. Manche taumeln ja schon beim 24-Stunden-Wandern.“

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