Bayern

Südküste des Chiemsees: So schön die Bergsicht, so herrlich das Wasser

Eine musikalisch-dichterisch-spirituelle Frühlingsfahrt führt an die Südküste des Chiemsees. Der kleine Ausflug wird zur tour d'horizon durch verschiedene Welten.

Wenn man im oberbayerischen Marquartstein vor dem Landhaus steht, in dem Richard Strauss das atemberaubende Musikdrama Salomé zu Papier brachte, nachdem er dort schon einige Lieder und die Oper Feuersnot geschrieben hatte, kann man sein Genie nur bewundern. Angesichts diese Blickes in ein Tal am bayerischen Alpenrand hätte jeder andere Komponist bestenfalls einen Förster im Silberwald komponiert. Gewaltig war die Vorstellungskraft des Tondichters, welche ihn aus dem Chiemgau in die vorderasiatische Prunkwelt katapultierte.

Dem ehrwürdigen Bauernhaus alter Zeit, das sich überall noch findet, steht auch im Chiemgau schmählich das lieblos zusammengeschusterte Zweckbündnis von Pseudo-Bauhaus, amerikanischer Prärie und einem Hauch falschen Alpentums gegenüber. Diese unheilige Trinität von Schuhkarton, Garage und Kuckucksuhr bildet heute die Behausung der meisten Menschen; und vor den einfallslosen Fassaden steht der eigentliche König von Bayern: Das Auto. Es ist Herrscher der bayerischen Straße und Landschaft, das erleidet jeder, der hier wandern oder radeln will.

Das Bayerische Meer

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Wie kam übrigens Richard Strauss von München zum Ferienhaus seiner Schwiegereltern? Tatsächlich fuhr von 1885 bis 1968 vom Bahnhof Übersee am Chiemsee bis Marquartstein ein Eisenbähnchen. Von München bis Übersee wiederum gelangte man seit Mai 1860 über die Bahnstrecke Rosenheim-Salzburg. Heute verkehrt von München nach Salzburg der Pleiten-Pech-und-Pannen-Zug „Meridian“ mit seinen notorischen Verspätungen und Ausfällen. Passagiere sind auch schon stundenlang oder die ganze Nacht festgesessen. Wir radeln von Marquartstein zum Chiemsee entlang der Tiroler Ache, wobei das Wort „Ache“ allzu bescheiden für den wackeren Strom erscheint, welcher das Bayerische Meer mit Tiroler Wasser versorgt und sich am Ende in ein Delta auffächert. Hier herrscht breite Vielfalt der Flora und Fauna, und ein dem heiligen Nikolaus geweihter Votivaltar verzeichnet diverse Rettungen aus Seenot.

Denn das Bayerische Meer kann sich bei Sturm in eine kleine Nordsee verwandeln, zur Freude der Wellenreiter. Die Musik spielt auch im Orte Übersee eine Rolle, wo der Opernsänger Heinz Imdahl seit den sechziger Jahren mit seiner Frau den heute noch existierenden „Chiemgauhof“ führte, der zu einem Treffpunkt der Münchner Opernszene wurde, nicht anders als die Villa von Staatsoperndirektor Wolfgang Sawallisch im nahen Grassau. Vor allem ist das Dorf mit dem schönsten Chiemseestrand ein Zentrum der Malerei. Das Atelierhaus von Julius Exter, dem Chiemseemaler, ist ebenso zu besichtigen wie gegenüber auf der Herreninsel im Kloster eine große Retrospektive seiner technisch und atmosphärisch überzeugenden Landschafts- und Genremalerei. Die zahlreichen Schüler des 1939 verstorbenen Künstlers haben immer wieder die Felder und Wiesen des Dorfes Feldwies verewigt und diese wenigstens für den Bildbetrachter erhalten. Die Wirklichkeit sieht heute anders aus.

Ästhetische Bankrotterklärung

„Nicht jeder ist seines Glückes Schmied, doch jeder seines Daches Zimmermann“, spottet ein Dichter, der uns durch Feldwies führt. „Im Jahr 2021, das dem hl. Joseph geweiht ist, sollte man wenigstens mit dem Thema Holzbau etwas sorgsamer umgehen.“ Der Dichter zeigt uns einen besonders verunglückten Neubau an der Ecke Feldwieser Straße / Reitstraße im Zentrum des Dorfes, das mit den Dörfern Seethal und Übersee zusammengelegt ist. Nicht nur hat man hier eine uneinsehbare Kreuzung verursacht, die trotz zweier Spiegel auf Unfall programmiert ist. Der schamhaft holzverkleidete 0/8/15-Bau wirkt wie eine Mésalliance von Lagerhaus und Scheune und ist leider ein typisches Beispiel für die pseudo-bayerische Bauweise, wie sie überall grassiert. „Der Clou ist dieses Nupsi, eine Art Trafo in Telephonzellengröße neben dem Haus“, klagt der Dichter. „Diese ästhetische Bankrotterklärung ärgert mich zehnmal am Tag. Gibt es noch Leute, die Architektur studieren?“

Linksliberale Gendersekte

Die ganze Welt könnte so schön sein, selbst Bayern. Leider ist der Schandfleck in Feldwies, inklusive des Nupsi, symptomatisch für eine Zeit, der das innere Zentrum und darum die äußere Angemessenheit und Form verloren gegangen ist. Das gilt nicht nur für die Architektur, auch für die Sprache. Unser Poet, der sich augenzwinkernd als „Barockdichter“ bezeichnet, hat schon früh die deutsch-protestantische Tradition, die „Schaubühne als moralische Anstalt“ der Lessing, Schiller und Brecht, links liegengelassen und sich dem lateinisch-katholischen Welttheater in der Folge Shakespeares zugewandt, besonders dem Zauberlustspiel. Derzeit dichtet er eine Marionettenkomödie, die hier am Chiemseestrand spielt, und in der eine Forelle an Land kommt, um im „Chiemgauhof“ als Kellnerin zu arbeiten. (Das ist eine Art von „Transgender“, die man sich gefallen lassen kann!)

Ansonsten beurteilt der Dichter, der zwanzig Jahre in Paris gelebt hat, die Situation der Literatur selbst in Bayern pessimistisch. „In Frankreich hat soeben Präsident Macron betont: Colleges der amerikanischen Ostküste werden niemals Leben und Sprache in Frankreich bestimmen. In Bayern nützt selbst eine CSU-Regierung nichts. Wie in Restdeutschland ist auch in bei uns der Literaturbetrieb zu einer linksliberalen Gendersekte mutiert.“ Kant auf den Kopf stellend könnten diese Genderopportunisten sagen: „Das sprachliche Gefühl in mir ist verlorengegangen, dafür leuchten die Gendersternchen über mir.“

Kein freies Wort

Der Dichter schreibt den bissigen und unterhaltsamen Blog „Tagebuch eines Spaziergängers“. Er trägt Tweedjackett mit Einstecktuch und auf dem Kopf einen Hut mit Feder. „Als Folge der Bildungskatastrophe sind zudem Lektoren und Dramaturgen nicht mehr in der Lage, literarische Texte zu beurteilen. Daher ziehen sie außerliterarische Kriterien heran: Weiblich? Migrationshintergrund? Ist der Autor auch schön links? Bereit zu gendern? Die deutsche Literaturszene ist strukturell einer Sekte ähnlich, oder sagen wir besser: Scientology, weil die Autoren ja auch noch draufzahlen wie Scientology-Mitglieder.“ So schön die täglich neue Bergsicht bis nach Tirol hinein, so herrlich das Wasser hier in Übersee auch ist; der Dichter plant Deutschland wieder zu verlassen. „Das freie Wort existiert in Deutschland nicht mehr. Rauswürfe unbotmäßiger Autoren wie Monika Maron sind ein Alarmsignal. Die meisten Verlage und Schriftstellerorganisationen, auch das PEN-Zentrum, sind bereits gleichgeschaltet.“

Oberbayerisches Rokoko

Das oberbayerischen Rokokomädchen hingegen lebt noch; jedenfalls nach Auskunft unseres Dichters. „Anders als in München sprechen sie hier einen urtümlichen Dialekt und sind ganz authentisch.“ Zu Authentizität gehört auch die frühe Heirat mit einem gleichaltrigen Burschen, Eintritt in den Trachtenverein, Schwangerschaft und explosionsartige Gewichtszunahme.

Zum Ausklang unserer vorfrühlingshaften Chiemseefahrt wurde uns eine Begegnung der besonderen Art zuteil. Unter dem phantasieanregenden Namen Urschalling steht am Ortseingang von Prien am Chiemsee eine romanisch-gotische Kapelle mit Zwiebelturm aus dem achtzehnten Jahrhundert auf einem Hügel. Die herrlichen Wandmalereien sind stark und rein, ein in Oberbayern einzigartiger Schatz. Die reiche Ausmalung ist ungewöhnlich geschlossen und Form und Farbe, im Chorgewölbe erwartet uns eine nie gesehene Darstellung der Dreifaltigkeit: Zwischen Vater und Sohn steigt der Heilige Geist auf, mit einem holden Antlitz, welches auch das einer Frau sein könnte.

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