Radeln auf den Spuren der Droste

Kulturtouren im Münsterland führen zu den Orten des Wirkens einer der bekanntesten deutschen Dichterinnen

Diese Landschaft ist so „anmuthig, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und beliebten Strömen dieses nur immer gestattet“, beschrieb Annette von Droste-Hülshoff vor fast 190 Jahren das Münsterland. Ist da Bedauern aus den Zeilen der Dichterin herauszulesen?

Mag ja sein, dass die Heimat der oft nach Süddeutschland gereisten Westfälin für die Schönheitskonkurrenz zu flach geraten ist. Für passionierte Radler ist das platte Westfalenland geradezu eine Herausforderung. Also, rauf auf den Sattel und rein ins Grüne. Findige Münsterländer hatten schon vor 25 Jahren den Weitblick. Sie nutzten die überschaubare Wald- und Wiesenlandschaft mit den trutzigen Wasserschlössern und putzigen Dörfern für die Radlerroute. 18 000 Wegweiser führen heute durch den beschilderten und erweiterten „Radlerpark Münsterland“.

Unmittelbar vor Münsters Haustür beginnt ein „Wabennetz“ mit insgesamt 4 000 Kilometer langen Radrundwegen. Rechnet man alle Tourenabschnitte zusammen, misst allein die beliebte „100-Schlösser-Route“ fast 1 400 Kilometer. Tour de France-Qualitäten muss freilich kein Pedalritter für den „Ritt“ über die „Pättkes“ (Landwirtschaftswege) mitbringen, versichern Tourismusexperten des Münsterlandes. Ein ganzes Bündel von Routenvorschlägen leitet gemütliche und sportliche Radler über Etappen von täglich 15 bis 70 Kilometer – je nach Lust und Puste.

Reizvolle Abschnitte zwischen Münster und Nordkirchen

Einer der reizvollsten Abschnitte der Schlösser-Route führt von Münster über Havixbeck, Nottuln und Lüdinghausen nach Nordkirchen. Burgen, Herrensitze, Grafenhöfe und Natur pur sind 90 Kilometer die Wegbegleiter auf einem Drei-Tage-Trip mit Quartier in landestypischen Ho-tels. Von Münsters Promenade über das poetische Rüschhaus zum Schloss Hülshoff sind 15 Kilometer zurückzulegen. Bis vor den Toren der Domstadt übersichtliche Wegweiser dem Radwanderer die richtige Spur zu der von Münsteranern liebevoll nur „Annette“ genannten berühmtesten Tochter der Stadt weisen, hilft manchmal eine Routenauskunft am Straßenrand. Besonders dann, wenn plötzlich einmal das gefürchtete münstersche „Piesel“wetter einsetzt und ein intensives Kartenstudium im westfälischen „Fisselregen“ kaum mehr möglich ist. „Hinter Gievenbeck über die Autobahnbrücke und dann den Patt rechts rein“, erklärt ein Schüler, wo's lang geht.

„Klein wie ein Mauseloch, aber doch sehr lieb“, fand Münsters Dichter und Freund der Droste, Levin Schücking, das grün-umhegte Rüschhaus. In einem Brief formulierte er: „Man könnte in dieser stillen Ländlichkeit vergessen, dass es draußen jenseits der Büsche noch eine Welt, noch Lärmen und Aufregung gibt“. Ähnlich dürfte seine Kollegin die vom Vater als Witwensitz gebaute Einsiedelei empfunden haben. Das Arbeitsstübchen mit dem Originalschreibtisch, an dem Gedichte wie „Der Knabe im Moor“ und der westfälische Dorfthriller „Die Judenbuche“ entstanden sind, nannte die Schriftstellerin liebevoll „das Schneckenhäuschen“. Gleich um die Ecke im „italienischen Zimmer“ erfährt der Museumsbesucher, dass hier die Poetin zum ersten Mal den wesentlich jüngeren Levin Schücking traf – der Beginn einer unglücklichen Liebe.

Zwanzig Jahre verbrachte die Autorin im Rüschhaus, das von einer weiteren historischen Person berichtet: Vom kartoffelnasigen Johann Conrad Schlaun mit dem richtigen Riecher für lukrative Bauwerke. Der westfälische Barockbaumeister hat seine Spuren aus Stein nicht nur im Nordwesten Deutschlands hinterlassen, sondern auch das kleine Rüschhaus Mitte der 18. Jahrhunderts als Sommersitz gebaut, eine architektonische Synthese aus lokaler Bauerntenne und französischem Landsitz.

Das Geburtshaus von Annette von Droste-Hülshoff ist die fünf Kilometer entfernte gleichnamige Burg, auf der sie ihre Kind-heit und Jugend verlebte. Das „grünumhegte Haus“, das „brütend wie ein Wasserdrach“ in der Landschaft liegt, war Vorbild für eindringliche Schilderungen in ihren Gedichten. „Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore./ Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht/ Ums Eiland, wo die graue Wacht / Sich hebt aus Wasserbins und Rohre“, beschwört sie in der Ballade „Der Fundator“ morgendliche Nebelstimmung.

Eine der typischsten Wasserburgen des Landes

Auf dem Turmboden dieser typischsten Wasserburg des Münsterlandes brachte sie erste Reime zu Papier, schrieb Operntexte, Partituren und prophezeite: „Meine Lieder werden leben, wenn ich längst entschwand.“ Später nach ihrem Umzug ins Rüschhaus ließ sich die mittlerweile Dreißigjährige nur noch selten auf der Burg blicken. Wenn sie sich auf den Weg machte, kam sie zwar zu Fuß, tat es sonst aber heutigen Wanderern gleich: Sie beobachtete Tiere, entdeckte Pflanzen, genoss die üppige Naturlandschaft – und sie hatte ein Wasserschloss zum Ziel.

Bei der hufeisenförmigen Anlage Haus Havixbeck wird die „Leetze“ (Fahrrad) in Südwest-Position gedreht. Bis nach Nottuln heißt es kräftig strampeln, auf und ab durch die waldreichen Baumberge. Einige Steiger-ungen erreichen immerhin das Hügelmaß XXL, und schon nach wenigen Kilometern nötigt diese einzige „Berglandschaft“ des Münsterlandes dem Radler Respekt ab.

Die Weiterfahrt durch das südliche Münsterland ist ein flottes „Rollen“ durch saftige Wiesen, vorbei an schwarzen Tümpeln, properen Höfen und grasenden Pferden. Schloss-Piktogramme halten die Pättkesfahrer auf Kurs. Wer einmal die Orientierung verliert, steht nicht lange allein auf weiter Flur. In jeder Satteltasche sollte neben der Wanderkarte auch ein Handy liegen. Eine kostenfreie Hotline führt „Irrläufer“ zurück auf den richtigen Weg.

Bei Lüdinghausen zeigen die Schilder auf einen Naturlehrpfad. Hainbuchen und weiße Buchschwindröschen flankieren den Feldweg. Wo morgens Frühnebel aus dem Boden steigen und sich in Erlen zerfransen, umschmeichelt jetzt die Abendsonne die Burg Vischering. Ein mittelalterlicher Torbogen über dem Wanderweg empfängt die Gäste. Noch wenige beherzte Tritte in die Pedale, und die Zweiräder rollen vor das romantischste Wasserschloss im Münsterland. 750 Jahre Geschichte spiegeln sich im Teich der auf Sumpf gebauten Festung wieder.

Ein Bischof ließ die Anlage bauen, als die Macht der Herren von Lüdinghausen auf benachbarten Burgen immer größer wurde. Der Landesherr wollte verhindern, dass ihm die Junker das Wasser abgraben und deren Einfluss ins Kraut schießt. Erst nach dem westfälischen Frieden 1648 wandelte sich der Charakter der Wasserburgen von kriegerischen Festungen zu herrschaftlichen Adelssitzen. Die friedliche Bestimmung veränderte auch das Aussehen dieser Spezialitäten regionaler Architektur. Kaum eine Burg ist mehr stilecht, sondern wie Burg Vischering nach einem verheerenden Feuer von 1521 das Ergebnis praktischer und kunstsinniger Überlegungen seiner Besitzer.

Eine weiträumige Gartenanlage lädt zum Verweilen ein

Letzte Ausfahrt ist Nordkirchen. Wer es groß mag, schick und repräsentativ, für den ist Schloss Nordkirchen der Höhepunkt jeder Wasserburgenfahrt. Die Baumeister wollten um 1700 ein „Westfälisches Versailles“ errichten. Da wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt. Johann Conrad Schlauns weitläufige Gartenanlage mit blühenden Blumenbeeten, Putten und verspielten Statuen, scheint aus dem Wasser herausgewachsen zu sein. Schnurgerade, mächtige Alleen rahmen die von viereckigen Gräften umgebene Insel mit dem Barockschloss ein.

Sonntagnachmittags werden Führungen durch das Schloss, dem einstigen Sitz des Fürstbischofs angeboten. Ein „Ah“ und „Oh“ entlockt Besuchern aber allenfalls das Deckengemälde der Himmelfahrt Marias in der Schlosskapelle oder der Stuck verzierte Jupitersaal. Der funktionale Anspruch von feiernden Gesellschaften, Tagungsgästen und Studenten der Fachhochschule für Finanzen, hat zumindest hinter den Schlossmauern am Charme des kleinen Versailles gekratzt.

„Schade“, räumt ein Kenner des Schlosses in der Burgschenke ein. Das Land Nordrhein-Westfalen als Eigentümerin der Anlage brauche Geld für die Unterhaltung. Dafür sei Schloss Nordkirchen für die Öffentlichkeit zugänglich. Viele bewohnte Wasserburgen in Privatbesitz hätten dagegen für Besucher die Zugbrücke hochgeklappt. Was den blaublütigen Herrschaften aber nachzusehen sei. Welcher Hausherr lässt schon gerne seine Kunstschätze fotografieren oder sich von Touristen fragen: „Wo ist denn das Schla-zimmer, darf ich da mal filmen?“

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