Marienverehrung in Bilbao

Das Guggenheim-Museum kennt jeder. Vielleicht auch die Kathedrale des heiligen Jakobus. Doch etwas abseits gibt es noch ein anderes Sakralziel, das einen Besuch wert ist: die Basilika Unserer Lieben Frau von Begona Von Andreas Drouve
"Unserer Lieben Frau von Begona" in der Basilika von Bilbao
Foto: Drouve | Das Bildnis Unserer Lieben Frau von Begona in der Basilika von Bilbao.

Klar, das spektakuläre Guggenheim-Museum kennt jeder, der die baskische Metropole Bilbao besucht. Vielleicht auch das Museum der Schönen Künste, die Markthalle, das Stadttheater, die historischen Kaffeehäuser, die dem heiligen Jakobus geweihte Kathedrale. Doch es gibt ein anderes Sakralziel, das etwas abseits liegt, weithin sichtbar auf einer Anhöhe über der Stadt: die Basilika Unserer Lieben Frau von Begona, ein Marienheiligtum, das ganz im Zeichen der Patronin der hiesigen Provinz Biscaya steht. Ihr größter Festtag des Jahres ist der 15. August, an Mariä Himmelfahrt also.

Der Weg zur Basilika führt zunächst durch die Altstadt, in der unübersehbar ist, wo man sich gerade befindet: nämlich mitten im Baskenland, in dem die Rufe nach Unabhängigkeit von Spanien bis heute nicht gänzlich verstummt sind. Ikurrinas, die baskischen Flaggen in Rot-Weiß-Grün, klemmen vereinzelt an Balkonen. Und schwarzweiße Plakate, deren Sinn sich für Außenstehende nicht gleich erschließt. Zu sehen ist ein skizziertes Wunschgebilde: eine Fläche, die ein eigenständiges Baskenland zeigt, das über die Landesgrenzen hinweggeht. Die radikalsten Befürworter der Unabhängigkeit plädieren nicht nur für die Abspaltung des spanischen, sondern auch des französischen Teils des Baskenlands, das an der Küste bis hinauf nach Biarritz und landeinwärts hineinreicht bis an den Hauptjakobsweg nach Saint-Jean-Pied-de-Port. Allerdings haben sich auf französischer Seite nie solch vehemente Stimmen erhoben wie auf der spanischen, wo sich überdies die Terror- und Separatistenorganisation ETA im Jahre 1959 begründete.

Zum Glück hat sich die ETA in diesem Jahr aufgelöst, doch Sympathisanten haben sich legalen politischen Parteien wie EH Bildu angeschlossen. Generell sind die Gedankenspiele um eine kompromisslose Loslösung mittlerweile in den Hintergrund getreten, wohl wissend, dass es unrealistisch ist und von der breiten Bevölkerungsmehrheit nicht getragen würde. Schließlich leben im Baskenland nicht nur Basken, sondern viele Zuzügler aus anderen Regionen Spaniens. Problematisch ist und bleibt das Thema von Terroristen, die wegen verübter Anschläge und Morde unverändert in Haft sitzen. Vertreter rigoroser Linksparteien nennen sie – ein Hohn auf den Rechtsstaat – „politische Gefangene“ und fordern eine Generalamnestie. Dieses Thema wird die Politik in Spanien und im Baskenland auf lange Sicht beschäftigen.

Atemschwer mehr als 300 Treppenstufen aufwärts? Oder bequem in vierzig Sekunden per Aufzug hinauf in den oberen Stadtteil mit der Basilika? Diese beiden Optionen stehen an der Plaza de Unamuno zur Wahl, einem gefälligen Altstadtplatz mit einem Denkmal für den einheimischen Philosophen und Schriftsteller Miguel de Unamuno (1864–1936). Dieser sagte einmal: „Die ganze Welt ist wie ein größeres Bilbao.“

Nach Treppenaufstieg oder Aufzugfahrt verbleiben fünf Minuten zu Fuß, vorbei an Häuserblocks mit Rosenranken und Hibiskussträuchern davor, bis die Basilika markant hervortritt. Die majestätische Fassade, nach Zerstörungen erneuert in den Jahren 1902–1907, trägt gleichzeitig Züge zierlicher Eleganz. Ursprünglich datiert die Kirche vom Beginn des 16. Jahrhunderts, eine Mischung aus Renaissance und Nachklängen der Spätgotik.

Ob sich an selber Stelle des Basilikabaus, wie die Überlieferung verbürgt, tatsächlich eine Marienerscheinung im Wald ereignete, spielt für José Luis Achotegui keine Rolle. „Wichtig ist nicht, ob es eine Erscheinung gab. Wichtig ist die anhaltende Verehrung Mariens“, so der 76-Jährige, der im Seelsorgeteam der Basilika tätig ist. Am 15. August, dem Hauptfesttag, werden er und seine Kollegen buchstäblich alle Hände voll zu tun haben. Der Zulauf ist riesig. An 20 000 Gläubige wird an diesem Tag die Kommunion ausgeteilt. Zwischen vier Uhr morgens und neun Uhr abends ist stündlich eine Messe angesetzt. Immer wieder finden sich Fußpilger ein, die am Tag oder am Abend zuvor aus allen Gegenden der Provinz Biscaya aufgebrochen und die Nacht durchgewandert sind. Die Türen der Basilika stehen offen. Rundherum herrscht Gewimmel an Ständen, wo man sich stärken und typische Aniskringel kaufen kann. Seltsamerweise verzeichnet der Patronatstag der Jungfrau von Begona am 11. Oktober nicht annähernd solche Zuströme. „Der Tag ist hier in Bilbao kein Feiertag“, sagt Küster Luis Sáenz de Ugarte, 54, mit leicht bedauerndem Unterton.

Hinein geht es in die Basilika – und man stutzt. Es geht leicht aufwärts! Der Holzboden steigt an, das Gefälle dürfte bei zwei Prozent liegen. „Das Gebäude wurde einfach dem Berghang angepasst“, erklärt der Küster. Unter choralen Gesängen vom Band ist das erste Ziel der Gläubigen nicht Maria, die Mutter, sondern der Sohn. Rechts hinter dem Eingang legen sie Gebete vor einer Skulptur des Gekreuzigten ab, küssen ein Knie, berühren das andere flüchtig. Die Stilfremdheit elektrischer Kerzenkästen scheint niemanden zu stören; sie schlucken reichlich Münzen. Über der Christusskulptur thematisiert ein Gemälde eine Bittprozession für Unsere Liebe Frau von Begona im Jahre 1855, als die Cholera grassierte.

In den Seitenschiffen und neben dem Altar ziehen Großgemälde aus dem 18. Jahrhundert die Blicke an, Kopien von Murillo aus der Sevillaner Schule, aufgezogen um die heilige Familie. Buntglasfenster zeigen Ignatius von Loyola, die Evangelisten Markus und Lukas, die heilige Anna, Petrus und Paulus. Das Allerheiligste ist der Marienschrein, in den blattgoldüberzogenen Hochaltar gefasst. Die polychromierte Holzfigur der „Nuestra Senora de Begona“, wie „Unsere Liebe Frau von Begona“ auf Spanisch heißt, misst 1,17 Meter. Sie trägt das Kind auf dem Schoß, aus ihrem Ausdruck sprechen Weisheit und Güte. „Es ist ein glänzendes Meisterwerk der Bildhauerkunst des 16. Jahrhunderts, das mit vielen ähnlichen Marienfiguren der Herrschaft von Biscaya zusammenhängt, auch wenn es die anderen an Schönheit und Schmuckelementen sowie an Vorrang und Verehrung übertrifft“, heißt es in einer Schrift zur Basilika.

Mit den 9-Uhr-Messen montags, mittwochs und freitags in der Basilika hat es etwas Besonderes auf sich: Sie werden nur auf Baskisch gehalten und live im Radiosender Bizkaia Irratia übertragen. Das sorge für eine große Reichweite, so Küster Sáenz de Ugarte. Anderweitige Messen in der Basilika sind stets zweisprachig, Spanisch und Baskisch.

Außerhalb der Messzeiten passieren immer wieder Gläubige das Portal, nehmen sich Zeit für ihre innere Einkehr. Vorbei mit der Stille ist es nicht nur bei Wallfahrten, sondern wenn Abordnungen des städtischen Fußball-Erstligaclubs Athletic Bilbao unter Medienrummel mit Spielern und Trainerstab anrücken. Unverblümt bringt Küster Sáenz de Ugarte die Anlässe auf den Punkt: „Wenn sie etwas gewonnen haben, bringen sie es Unserer Lieben Frau von Begona dar. Wenn sie nichts gewonnen haben, bittet man sie darum.“

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