Wallfahrt

Madonna del Sasso: Die Gottesmutter auf dem Heiligen Fels

Auf bloßen Knien müht sich kaum noch ein Gläubiger hinauf zum Marienaltar der Madonna del Sasso. Doch der Wallfahrtsort, hoch über Locarno in der Südschweiz gelegen, zieht auch heute zahlreiche Besucher an.
Locarno: Wallfahrtskirche Madonna del Sasso
Foto: Karl Horat | Die Anfänge des hoch über der Stadt Locarno gelegenen Sanktuariums gehen auf eine Erscheinung zurück, die der Franziskanermönch Bartolomeo d'Ivrea vor mehr als 500 Jahren hatte.

Sie war ein Ziel meiner Wallfahrtsaffinen Großmutter: die von ihr verehrte Madonna del Sasso auf der anderen Seite der Alpen. Oft erzählte sie von diesem Gnadenort im Süden, der zum Kraftholen für den Alltag einlade. Insgeheim fragte ich mich, wie sie als einfache Frau vom Land da wohl mit der italienischen Sprache zurechtkam – falls vom Bahnhof aus in einen Bus zu dem besagten Berg zu steigen war.

Meine eigene Reise im Juli diese Jahres zu diesem Sanktuarium zeigte nun, dass es dieses Problem nicht gibt: Vor dem Kopfbahnhof von Locarno ist nur die Straße zu überqueren und schon findet sich da die Talstation der Standseilbahn, auch deutsch beschriftet. Von hier aus wird seit mehr als hundert Jahren in einer Kabine der „Funicolare“ auf einem steil ansteigenden Geleise auf eine Länge von 825 Metern und mit einer Neigung von 300 Promille eine Höhendifferenz von 173 Metern überwunden, hinauf zur Bergstation im Ortsteil Orselina.

Auf Knien zur Gottesmutter

Das war in frühen Wallfahrerzeiten anders: Von zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist die „Trotta“ belegt: ein „Peregrinatio“, welche der Canonico Giacomo Stoffio 1625 eindrücklich schilderte. Büßende Gläubige mühten sich auf bloßen Knien („con le ginocchia nude in terra“) vom Seeufer den Felsenweg hoch hinauf zum Marienaltar der Madonna auf dem abgeplatteten Felssporn.

Auch heute kann der steile Kreuzweg (Via Crucis) – oder der Kapellenweg im wilden Ramogna-Tal für den Aufstieg zu Fuß genutzt werden. Waren in der Frühen Neuzeit noch Schuld, Sühne und Buße Motiv für einen so mühevollen Weg, geht es heute bei einem Aufstieg wohl eher um Selbsterfahrung, Zeit für Gedanken und Reflexionen – oder um sportlichen Ehrgeiz.

Gnadenbild von 1485

Wer droben vor der Wallfahrtskirche ankommt, steht nicht vor einem ursprünglichen und historischen Gotteshaus. Denn die Fassaden wurden um 1890 in einem die Renaissance nachahmenden Stil umgestaltet, so dass das ursprüngliche Äußere des Baus nicht mehr erkennbar ist. Mit diesem baulichen Eingriff verlor die Kirche ihre einstmalige Schlichtheit.

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Vor der Basilika liegt der große Kirchplatz, von dem aus sich eine überwältigende Rundsicht über den Lago Maggiore, das Locarnese und die Monti di Gerra öffnet, Die Gottesmutter mit Kind im Inneren der Kirche, die noch zur Lebzeit von Bruder Bartolomeo um 1485 entstandenen sein dürfte, zieht die Besucher in ihren Bann.

Dem Gnadenbild wurden in den 536 Jahren seiner Existenz unzählige Wunder, Hilfestellungen und Rettungen aus großer Not zugeschrieben, wie es die zahlreichen ex votos bezeugen. Die vielen Votivtafeln berichten in rührend-naiven Bilder von Wunderheilungen und Rettungen; von einem Absturz einer Postkutsche am Berg - oder von einem Unfall der elektrischen Straßenbahn, welche dank der Anrufung der Madonna glimpflich ausgingen.

Gute und schwere Zeiten

Der auf dem spektakulären Felssporn thronende Gebäudekomplex mit dem Kloster erlebten im Laufe der Jahrhunderte strahlende wie auch schwierige Zeiten. Er wurde mehrmals dem Zeitgeschmack entsprechend verändert. Die Kirche ist darum weniger wegen ihrer kunsthistorischen Qualität als vielmehr wegen ihrer Volkstümlichkeit berühmt. Bemerkenswert ist das Altarbild des Mailänders Bramantino im südlichen Kirchenschiff, die um 1520 entstandene „Flucht nach Ägypten“. Auch ein neueres, sehr bekanntes Bild ist zu bewundern, die „Grablegung Christi“ von Antonio Ciseri um 1870 geschaffen.

Die erst nur mündlich weitergegebene Geschichte dieses Ortes besagt: Am Vorabend von Maria Himmelfahrt 1480 erschien „Maria auf dem Felssporn“ (al Sasso della Rocca) mit dem Kind auf den Armen inmitten eines Strahlenkranzes dem Fra? Bartolomeo Piatti aus Ivrea, einem Mönch im Kloster San Francesco in Locarno. Bruder Bartolomeo sei daraufhin an den Ort der Erscheinung gezogen, habe vorerst in einer Grotte in dieser wilden Felsformation gelebt und sich dem Gebet gewidmet. Im Laufe der Jahre pilgerten immer mehr Gläubige hinauf zu ihm. Es entstanden zwei Kapellen hoch über dem Lago Maggiore, die 1487 geweiht wurden, mit Maria als Schutzherrin.

Die Muttergottes schützt den Tessin

Die Wallfahrtskirche entstand dann am Übergang zum Barock, im Zuge der immer stärker werdenden Marienverehrung Anfangs des 17. Jahrhunderts. In den Treppenhäusern zum Kloster kann in guckkastenartige, gewölbte Kammern geschaut werden, in denen lebensgrosse Gruppen von farbig bemalten Terrakottastatuen biblische Szenen darstellen. Die Jünger mit Jesus beim Abendmahl sind zu sehen – und das Pfingstgeschehen mit den Aposteln um Maria, den Heiligen Geistes erwartend. Vor hundert Jahren stellte Bischof Aurelio Bacciarini, der damalige Apostolischen Administrator der Region, den ganzen Tessin unter den Schutz dieser Muttergottes.

Das Kloster wird heute von Kapuzinermönchen bewohnt, denen die Regierung des Kantons die religiöse Betreuung vom Sacro Monte anvertraut hat. Im Kloster kann ein Museum mit zahlreichen Votivbildern und eine reichhaltige Bibliothek mit alten Werken besucht werden.

Sonnenstadt Locarno

Die Stadt Locarno hat mit 2150 Sonnenstunden wohl das sonnigste Klima der Schweiz aufzuweisen. In der Sommerhitze laden die schattigen Arkaden um die Piazza Grande zum Flanieren und Einkaufen. Im Sommer findet auf eben diesem Platz alljährlich das Filmfestival statt.

Nahe der Piazza Grande ist ein franziskanisch-bescheidener Andachtsort erhalten, der im Gegensatz zur opulenten, oft veränderten Madonna del Sasso-Kirche seine ursprüngliche Ambiance erhalten hat. Wer am westlichen Ende der Piazza Grande ein Gässchen hochsteigt, kommt an die Piazza Francesco, an der sich der strenge, etwas finster wirkende Natursteinbau der Chiesa di San Francesco erhebt. Er gehörte einst zu einem Franziskaner-Minoriten-Kloster und ist ein schlichter Sakralbau aus dem Jahre 1538. Einst war er die Hauptkirche Locarnos – mit den Charakteristika einer Basilika des Bettelordens. In die schlichte, ausgewogene Fassade wurden Gneisquader eingebaut, welche die Mönche vom abgerissenen Castello Visconteo holten. Anfangs der 1530er Jahre war diese einstige Befestigungsanlage zu großen Teilen geschleift worden.

Der Innenraum der dreischiffigen Basilika weist fünf monolithische Granitsäulenpaare mit Kapitellen auf, die weit gespannte Arkaden tragen. Das Mittelschiff ist in der Tradition der Kirchen des Bettelordens mit einer Holzdecke abgeschlossen, nur die Seitenschiffe haben Kreuzgewölbe. Im dunklen Chorraum der Chiesa scheint der Atem vergangener Jahrhunderte spürbar.

Jeden Samstag und Sonntag werden in der San Francesco deutschsprachige Heilige Messen gehalten für die Gemeinde der deutschsprechenden Katholiken in der Sonnenstube der Schweiz.

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