Landschaft eines Dichterlebens

Am Samstag jährt sich zum hundertsten Mal der Todestag Tolstois – Ein Besuch auf seinem Landgut Jasnaja Poljana, wo seine Romane entstanden. Von Oliver Maksan
Foto: IN | Tolstois Wohnhaus: Hier wurde der russische Nationaldichter geboren, hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Seine Räume lagen im ersten Stock.
Foto: IN | Tolstois Wohnhaus: Hier wurde der russische Nationaldichter geboren, hier verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Seine Räume lagen im ersten Stock.

Wer im Kursker Bahnhof in Moskau wochenends die Eisenbahn besteigt, um die 200 Kilometer in Richtung Süden direkt nach dem Landgut Jasnaja Poljana nahe der abenteuerlich hässlichen Industriestadt Tula zu reisen, der tauscht Russlands pulsierendes Zentrum gegen seine geistige Metropole von gestern ein. Die Trabantenstädte Moskaus passiert, eröffnet sich dem Reisenden die waldreiche, plane Weite des Landes und dessen braun-grüne, erdige Einsamkeit. Nach ein paar Stunden Fahrt schließlich hält der Zug. Nicht mehr weit ist es dann bis zum Landgut und Dorf gleichen Namens: Jasnaja Poljana. Hier wurde Lew Nikolajewitsch Tolstoi am 9. September 1828 geboren. Hier verbrachte er nach jungen und kurzen Jahren exzessiver Lebenslust anderenorts – sein Buch „Meine Beichte“ gibt Auskunft darüber, dass er nichts ausgelassen hat – die langen Jahre bis kurz vor seinem Tod am 20. November 1910. Hier auch fand er, der Exkommunizierte, von der orthodoxen Staatskirche Geächtete, die letzte Ruhe. Heute drängen sich russische Schulklassen, um das Nationalheiligtum russischer Kultur zu besichtigen.

Schon zu Lebzeiten des Dichters war der weitläufige Besitz der Grafen Tolstoi, einer der ersten Familien des Zarenreichs, Anziehungspunkt für Verehrer und Bewunderer aus der ganzen Welt. Weil er nicht nur Erfinder gewaltiger literarischer Universen war, sondern auch Reformator, bildete sich eine recht eigentümliche Gemeinschaft, die Tolstoianer, die die alternativen, an der Bergpredigt orientierten Lebensprinzipien Tolstois umzusetzen suchten: Vegetarismus, Zölibat und Gütergemeinschaft. Vor allem wegen letzterem war das Landgut, wo Tolstoi seine großen Romane Krieg und Frieden, Auferstehung und Anna Karenina schrieb, auch nach der Revolution eine hochverehrte Kultstätte. Der Sowjetkommunismus inszenierte und vereinnahmte den Grafen Tolstoi, der sein altadeliges Standesbewusstsein selbst in dessen großartiger Leugnung nicht abstreifen konnte, als Vorläufer der kommunistischen Revolution.

Gerade in seinen letzten Jahren wurde für Tolstoi seine vielfach privilegierte Geburt zu einem existenziellen, moralischen Problem. Herr über 1 000 Leibeigene – wenigstens bis zu den Reformen des Zaren Alexander II. 1861 –, danach über abhängige Bauern und unendlich viele Werst fruchtbaren Landes, betrachtete er es zunehmend als falsch, von anderer Menschen Hände Arbeit zu leben. Darüber kam es zu Auseinandersetzungen epischen Ausmaßes mit seiner resoluten Ehefrau, der deutschstämmigen, ebenfalls schriftstellernden, ihren Mann ergeben liebenden Sofija Andrejewna, über denen die Ehe schließlich zerbrach.

Abgesehen von seiner Weitläufigkeit erweckt das Gut dabei mitnichten den Anschein verschwenderischen aristokratischen Luxus'. Eine schöne Birkenallee, die in Krieg und Frieden literarisch verewigt wurde, führt an Wirtschaftsgebäuden vorbei zu dem weißen Haus, darin Tolstoi und eine große Zahl seiner 13 Kinder geboren wurden. Selbst das einstöckige Haupt- und Wohnhaus der Familie, das heute – trotz der deutschen Besatzung 1941 und des von ihr gelegten, allerdings rasch gelöschten Brandes – noch im Originalzustand ist, erweckt eher den Anschein einer bürgerlichen Sommerfrische. Von ein paar bemerkenswerten Gemälden abgesehen – so gehören zum Inventar des Hauses Porträts Tolstois von Ilja Repin und Iwan Nikolajewitsch Kramskoi – ist es nicht außergewöhnlich, gibt es den passenden Rahmen familiären Glücks. Wer die schmale, knarrende Stiege zum ersten Stock genommen hat, betritt den Speisesaal: einfacher Stuck, leichtes Mobiliar, eine lange Tafel, die der Familie und ihren vielen Gästen – die Schriftsteller Tschechow und Turgenjew waren regelmäßig zugegen – Platz bot. Gegessen, musiziert und gesungen wurde hier, vorgelesen und Schach gespielt.

Daran schließt sich der Salon Sofija Andrejewnas an, darin diese Gäste empfing, vor allem aber Lew Nikolajewitschs Manuskripte handschriftlich übertrug und zum Druck fertigmachte. Allein das monumentale Epos „Krieg und Frieden“ soll sie mehrere Male abgeschrieben haben. Die bescheidene Behaglichkeit samtbespannter Fauteuils und gerahmter Photo- und Lithographien setzt sich auch im Allerheiligsten fort: dem Arbeitszimmer des Meisters. „Wenn Vater schrieb, meinten weder er selbst noch wir Familienmitglieder er ,arbeite‘; sondern es hieß immer: ,Er beschäftigt sich‘. Wenn er sich ,beschäftigte‘, traute sich niemand, bei ihm einzutreten, selbst meine Mutter nicht: Er brauchte absolute Stille und die Gewissheit, dass niemand seine Beschäftigung unterbrechen würde. Wenn er im Zimmer mit dem großen italienischen Fenster arbeitete, wurden die beiden Türen – vom Saal und vom Wohnzimmer her – abgeschlossen“, erinnert sich sein ältester Sohn Sergej Lwowitsch. Hinter dem Schreibtisch steht noch das Sofa, darauf Tolstoi und acht seiner Kinder geboren wurden und sich der Meister zur nachmittäglichen Ruhe lagerte. Überhaupt ist das Arbeitszimmer Tolstois noch heute in allen seinen Teilen versammelt. Selbst die bronzene Schildkröte, mit der er nach der Dienerschaft und den Sekretären läutete, findet sich noch auf dem Tisch. Der ungewöhnlich niedrige Hocker mit der kurzen Lehne erzählt von des Dichters Rückenbeschwerden. Auch die kleine Tonvase, darein Tolstoi von seinen ausgedehnten Spaziergängen mitgebrachte Blumen – Platterbsen und Reseden vorzugsweise – zu stellen pflegte, wird ehrfürchtig als zum genius loci gehörig gehütet.

Auf dem Rundgang durch Tolstois Räume folgt sein Schlafzimmer, das – anders als die anderen Räume – immer diesem Zweck gedient hatte. Das schmale Eisenbett, das bereits seinem Vater gehörte, und die auf Bügeln aufgehängten groben Bauernhemden, die Tolstoi zum Ausweis seiner Verbundenheit mit der Scholle zu tragen pflegte, wirken, als warteten sie auf ihren Besitzer, der auf einem seiner langen Spaziergänge im riesigen, das Haus umgebenden Park weilt. Unbedingt sollte der Besucher Tolstois Ruhebank aus grobem Holz besichtigen; vor allem aber sein Grab aufsuchen, wo der Dichter unter hohen Bäumen bestattet liegt. Gestorben ist der Dichter allerdings nicht in seinem geliebten Jasnaja Poljana. Die Dynamik seiner radikalen, Besitz und Anhänglichkeit verdammenden Anschauungen hatte den Mann Tolstoi von zu Hause weggetrieben. Der Konflikt mit seiner Ehefrau um die Rechte an seinem Werk – sollten sie der Familie gehören oder dem Volk – fand seinen spektakulären Höhepunkt. Tolstoi verließ sein Heim in einer Nacht- und Nebelaktion. Im offenen Zug erkrankte er an einer Lungenentzündung und starb, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, auf einem Bahnhof. Zwei Tage später wurde er in Jasnaja Poljana zur letzten Ruhe gebettet.

Mehr Informationen unter www.yasnayapolyana.ru.

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