Indonesien

Volk der Toraja: Ungewöhnlicher Totenkult und Glaube an das Jenseits

Im Süden Sulawesis, der viertgrößten Insel Indonesiens, lebt das Volk der Toraja. Die meisten sind Christen und zugleich Anhänger der alten Religion Aluk. Ihr ungewöhnlicher Totenkult und Glaube an das Jenseits spielen darin eine Schlüsselrolle.
Auf Holzpfählen ruhende Wohnbauten
Foto: Heinke | „Tongkonan“ nennen die Toraja die auf Holzpfählen ruhenden Wohnbauten, die stets parallel nebeneinander stehen.

Mindestens ein sanftes Lüftchen weht immer in der „Stadt der Brise“, wie einheimische Seeleute die Hauptstadt Sulawesis nennen. Die Meerenge, an der sie liegt, trägt ihren Namen: Straße von Makassar. Vom Glanz der einst so stolzen und berühmten Hafenmetropole blieb wenig übrig. Fort Rotterdam erinnert an die Niederländer, die hier mehr als drei Jahrhunderte als Kolonialmacht herrschten und Teile der viertgrößten Insel Indonesiens christianisierten.

„Seit Beginn seiner Ausbreitung im 17. Jahrhundert ist der Islam die vorherrschende Religion in Sulawesi. Vorher waren das der Hinduismus und Buddhismus“, sagt Eman Suherman, ein Lehrer aus Makassar. Ab und zu ist er als Tourguide tätig. Sein fast perfektes Deutsch hat er ganz allein mit Hilfe eines Wörterbuchs gelernt.

„Bis auf den Norden, wo in zwei Gebieten fast zwei Drittel der Bevölkerung Protestanten sind, bilden Christen eine Minderheit“, erklärt der Indonesier. Inselweit seien 17 Prozent Protestanten. „Nur knapp zwei Prozent gehören der römisch-katholischen Kirche an“, so Eman.

Seit Gründung des Erzbistums Makassar 1937 durch Papst Pius XI. gibt es in der Hauptstadt Sulawesis die Herz-Jesu-Kathedrale. Das Gotteshaus mit 400 Sitzplätzen wurde 1914 im neoromanischen Stil gebaut. Es steht im Zentrum, nur 150 Meter vom modernen Aston Hotel entfernt. Von dessen Pool im 21. Stock lässt sich die City, begrenzt vom Blau des Meeres, sogar schwimmend überschauen.

Unterm Dach der Büffelhörner

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Doch nun ins Hochland! Auf der Fahrt in Richtung Norden ist das schmale Stück Pazifik noch lange Zeit zu sehen. An der Westküste entlang nach Norden, geht es durch die Stadt Pare-Pare und Fischerdörfer, an Reisäckern und Krabbenteichen vorbei. Stets dahinter: die Gipfel der Dreitausender. Und sie rücken immer näher.

Ab Enrekang führt der Weg aufwärts. Die Straße steigt und windet sich durch eine zauberhafte Welt aus Hügeln, Bergen, Wäldern, Terrassenfeldern und Kaffeeplantagen. Beim Mittagsstopp in einem Restaurant mit Aussichtsdeck präsentiert die malerische Landschaft ihre ganze Schönheit. Im Mittelpunkt steht Gunung Nona, ein Berg mit angeblichen Wunderkräften.

„Er bringt Glück und Fruchtbarkeit“, verspricht Eman Suherman. Obwohl sich die meisten Menschen auf Sulawesi zu einer der modernen Weltreligionen bekennen, spielen überlieferte Überzeugungen und Glaubensrichtungen sowie entsprechende Sitten und Traditionen noch überall eine enorme Rolle. „Es ist nichts Ungewöhnliches, dass man zu Gott oder Allah betet und regelmäßig Kirchen beziehungsweise Moscheen besucht, zugleich aber auch die alten heidnischen Götter und Geister verehrt und ihnen Opfer bringt“, sagt der Fremdenführer.

Glaube an Gott und die Ahnengeister

In Salabarani endlich beginnt das „Land der fröhlichen Toten“. Denn hier lebt das Volk der Toraja, die als Protestanten an den Gott der Christenheit, doch zugleich an Ahnengeister glauben. Das Eingangstor in ihr Gebiet zieren überlebensgroße Figuren und das wohl typischste Symbol dieser Kultur: ein stark geschwungenes Hausdach, dessen Form einem Sattel oder Schiffsrumpf und zugleich dem Gehörn eines Wasserbüffels ähnelt.

„Tongkonan“ nennen die Toraja die auf Holzpfählen ruhenden Wohnbauten, die stets parallel nebeneinander stehen, genau gegenüber von einem Reisspeicher der gleichen Gestalt. Jedes Gebäude ist – je nach gesellschaftlicher Stellung seiner Eigentümer – mit farbenprächtiger Schnitzkunst und zahlreichen Büffelhörnern geschmückt. „Das Tongkonan erfüllt sowohl praktische als auch spirituelle Aufgaben“, erklärt Eman. Denn der einzigartige Ahnenkult, um den sich bei den Toraja alles zu drehen scheint, werde größtenteils zu Hause praktiziert. „Hier nehmen die Lebenden Kontakt zu ihren vielen Gottheiten und den Geistern ihrer Verstorbenen auf. Und hier leben sie auch tatsächlich mit den Toten“, so der Pädagoge.

„Aluk“ – den Weg – nennen die Toraja ihr traditionelles Glaubenssystem, das die Welt drei Teilen zuordnet: der Oberwelt oder dem Himmel, der Erde als Welt der Menschen sowie der Unterwelt, dem Lebensraum der Tiere. Neben Glaubensfragen regelt dieses System zugleich den Alltag – von den sozialen Beziehungen bis zu den Methoden von Ackerbau und Viehzucht. Mit strengem Auge wachen Aluk-Priester über die Befolgung aller Regeln und Gesetze. Zu den wichtigsten gehören die des Totenkults.

Auf dem Weg nach Puya

Stirbt jemand, wird er einbalsamiert, in einen offenen Sarg gebettet und wie ein Kranker oder Schlafender behandelt. Da die Toraja ihren Aufenthalt auf der Erde nur als Zwischenphase auf dem Weg nach Puya, der Glück verheißenden Welt der Toten betrachten, gilt ihnen die Bestattungszeremonie (der Eintritt ins Jenseits) als wichtigstes Ereignis im Leben.

Martina Tapu schloss vor drei Jahren mit 87 für immer ihre Augen und wartet seitdem darauf, dass ihr der Herr den „zweiten Tod“ gewährt. Aus Respekt und Pietät sowohl der Toten als auch den Trauernden gegenüber, tun sich die Fremden aus dem fernen Europa schwer, als sie Martinas Haus betreten sollen. Doch die Tochter der Verstorbenen lässt nicht locker, bis die Gäste ihr ins „Schlafgemach“ der toten alten Dame folgen und für die letzte Reise alles Gute wünschen.

Das Leben nach dem Tod ist teuer

Diese tritt Frau Tapu nun am nächsten Morgen endlich an. Das ganze Dorf scheint außer sich vor Freude. Ihr zu Ehren gibt es Stier- und Hahnenkämpfe, viel Musik und üppige Gelage. Massenhafte Schwein- und Büffelopfer sollen der Verblichenen ewigen Wohlstand, Macht und Reichtum garantieren. Außerdem glauben die Toraja, sei es das Blut der Tiere, das ihre Seelen ins Reich der Toten bringe – und zwar je mehr, desto sicherer.

Und weil Martina Tapu aus einer vornehmen Familie stammt, vertraut man ihren Körper einem Berge an. In einer schmalen Felsennische mit Balkon und schöner Aussicht auf ein Reisfeld darf er nun ruhen. Auf dem kleinen Austritt mit kunstvoller Brüstung steht ihr Tau-Tau, eine hölzerne Wächterpuppe. Stehen mehrere vor einer Grabeshöhle, beherbergt diese auch entsprechend viele Leichen. In der Regel alle drei Jahre gibt es ein Wiedersehen. Denn bei dem Ritual Ma ‘nene, das immer im August stattfindet, holt man die Mumien aus den Gräbern, reinigt sie und kleidet sie neu an.

Manch hochrangige Personen erhalten ein eigenes Grabhaus. Einfache Verstorbene hängt man im Sarg an Felsen oder hohe, starke Bäume. Hohlräume von deren Stämmen dienen zur Bestattung toter Babys. Dort könnten sie statt Muttermilch Harz trinken und weiterwachsen, sind die Toraja überzeugt.

Wasserbüffel als Opfergaben

Totenfeiern Adliger dauern immer ein paar Tage. Weil Hunderte, ja manchmal Tausende Menschen daran teilnehmen, kostet jedes dieser Feste ein Vermögen. Auch das ist ein Grund für die Wartezeit vom letzten Atemzug bis zur Grablegung. Oft muss allein das viele Geld für die Tieropfer – deren Fleisch vor allem in den Bäuchen und Taschen der Gäste landet – und die staatlichen Steuern dafür erst zusammengespart werden.

Die Touristen dieser zehntägigen Reise durch den Süden Sulawesis nehmen an einer Hauseinweihung, einer Hochzeit und einer Totenfeier teil. Stets ist es ein Volksfest. Und stets fließt frisches Tierblut. Alle sind willkommen, auch die Reisenden aus Deutschland. Statt lebender Geschenke bringen sie – ein Tipp des Guides – klebrig-süße Nelkenzigaretten mit. Man nimmt sie dankbar an.

Im Torajadorf Kete Kesu berichtet Prinz Palidan Sarungallo vom Totenfest seiner Mutter, einer hohen Adligen. Für ihren Weg in eine bessere Welt und das dortige Leben seien 65 Wasserbüffel und Hunderte Schweine geopfert worden. „Ich habe keine Angst vorm Tod“, gesteht der 65-Jährige lachend. „Im Gegenteil, ich freue mich darauf, wieder für immer mit meiner Familie zusammen zu sein.“

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