Heinrich IV. auf der Spur

Wer dem deutschen Kaiser begegnen will, muss nicht bis Canossa wandern. Von Karl-Heinz Wiedner
Foto: Mechthild Wiedner | Auf einer versunkenen Römersiedlung wurde die Lojakapelle erbaut.

Unzählige kurze oder längere Wanderrouten in allen Regionen lassen den Aufenthalt im Allgäu für Kinder und Erwachsene je nach Lust, Laune und Zeit immer wieder zu abwechslungsreichen Erlebnissen werden. Das trifft auch auf Markt Sulzberg zu, wo man vor rund zehn Jahren das 950-jährige Bestehen der südlich von Kempten gelegenen Gemeinde mit vielen Gästen spektakulär feiern konnte.

Seither bietet sich für jedermann die Gelegenheit, in Gedanken an Kaiser Heinrich IV. auf dem bekannten, einmaligen „Heinrichweg“ die aufregende Welt der Ritter von Sulceberch zu erleben. Zahlreiche Informationstafeln und historische Denkmäler entlang des Wanderweges können Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Erwachsene genießen nebenher die Aussicht bis in die Allgäuer Berge hinein. Kinder können sich an bestimmen Punkten in Spielstationen beschäftigen, so dass der „Weg durch die Zeit“ auch für sie zum Erlebnis gerät. In erster Linie steht dieser noch recht „junge“ Erlebnispfad mit den teilweise dramatischen historischen Ereignissen um das deutsche Kaisergeschlecht der Salier (1024–1125) in Verbindung. Am 11.11.1050 erblickte Heinrich IV. als Sohn des Kaisers Heinrich III. und seiner Gemahlin Agnes von Poitou in der Kaiserpfalz zu Goslar das Licht der Welt. Als Besonderheit ist im historischen Lebenslauf nachzulesen, dass Heinrich IV. bereits im Alter von drei Jahren durch die Reichsversammlung zum deutschen König gekrönt wurde und Kaiserin Agnes nach dem Tod des Vaters die Vormundschaft über den inzwischen sechsjährigen Monarchen übernahm.

Das Jahr 1059 wurde zu einem für die Gründung von Sulzberg ausschlaggebenden Datum. Vor fast 950 Jahren verlieh Kaiserin Agnes im Namen des jungen Königs Heinrich IV. laut einer Urkunde „dem Bischof von Augsburg für ein großes Gebiet vor den Alpen das Forst- und Wildbannrecht“, wie Heimatpfleger berichten. „Damit waren im Hochmittelalter bedeutende Rechte zur Jagd, Fischerei, Rodung, Siedlungsbau und Ausbeutung von Bodenschätzen verbunden“. Diese Wildbanngrenze umfasste ein 110 km langes und etwa 35 km breites Gebiet zwischen Landsberg/Lech und dem jungen Lech hinter dem Kleinen Walsertal. Die Wildbanngrenze führte direkt am heutigen Markt Sulzberg vorbei, wie aus alten Karten ersichtlich ist. Sie markierte später „die Herrschaftsgrenze zwischen dem Hochstift Augsburg und dem Fürststift Kempten und anderer Grafschaften“ und wurde bis in die jüngste Zeit auch zur Gemeinde- und Landkreisgrenze. Einige der historischen und heute im Besitz des Freistaates Bayern befindlichen Grenzsteine sind entlang der Wanderroute zu besichtigen und könnten viel aus der Geschichte der Salier erzählen. Die Urkunde vom 5. Februar 1059 mit dem historischen Grenzverlauf im Bereich des Marktes Sulzberg gilt als Geburtsstunde der Gemeinde, die festlich begangen wurde und mit dem „Heinrichweg“ an den jungen Salier-Kaiser erinnern soll.

Die historisch bekannte, oft beschriebene abwechslungsreiche Lebensgeschichte Heinrich IV. aus dem Geschlecht der Salier tangiert neben Zeugnissen der Wildbanngrenze die Entstehung von „Sulceberch“, das zu „Sulzberg“ wurde. Aus dem Lebenslauf des früh gekrönten Königs, der am 31. März 1085 durch Papst Clemens III. die deutsche Kaiserkrone erhielt, sind ungewöhnliche und dramatische Momente zu erwähnen. 1062 wurde der minderjährige „Herrscher“ durch die Erzbischöfe Anno von Köln und Adalbert von Bremen zwecks Ausübung der Vormundschaft entführt und drei Jahre gefangen gehalten, bis er im Alter von 15 Jahren Berta von Savojen heiratete. Konflikte zwischen Heinrich und Papst Gregor VII. führten dazu, dass der Papst den König absetzte und über ihn den Kirchenbann verhängte. Im Jahr 1077 machte sich Heinrich IV. im Büßerhemd auf den historisch verbürgten „Gang nach Canossa“ zum Papst, der den Bannspruch wieder aufhob. Bürgerkriege, Belagerung der Stadt Rom mit Absetzung des Papstes Gregor VII., Kaiser Heinrichs Gesetze zum Schutz der Juden, Krönung des Sohnes Heinrich V. zum neuen deutschen König sind ebenso weltberühmt gewordene Marksteine im Leben Heinrich IV. wie schließlich die erzwungene Abdankung sowie seine Flucht bis hin zu seinem Tod am 7. August 1106.

Der Verlauf der fast 1 000 Jahre alten Grenzziehung mit dem erteilten historischen Forst- und Wildbannrecht, die erst die Gemeinde- und Landkreisreform aufhob, findet für den Wanderer an der Station 15 und den beiden Grenzmarken an den Positionen 16 und 17 des Heinrichwegs seine ausführliche Erklärung. Beim Rathaus in Sulzberg beginnt eigentlich der 22 km lange Heinrichweg auf zwei Rundstrecken mit je 21 Stationen. „Der Erlebnisweg“, so erfährt der Wanderer bei der Gästeinformation, „führt zu drei geschichtlichen Hauptattraktionen: Deutschlands ehemals höchstgelegenes Jodbad Sulzbrunn, die oben erwähnte geschichtlich bedeutendste Grenze des Allgäus und die größte Burgruine im Oberallgäu“. An zahlreichen Stationen wird man „Interessantes und Spannendes aus früheren Zeiten erfahren. So wird der historische Erlebnispfad zu einem attraktiven Ausflugsziel für die ganze Familie“. Alle bedeutsamen Fakten aus längst vergangenen Zeiten sind auf den Wappen ähnelnden Tafeln sorgfältig vermerkt. Verweilen sollte man unbedingt etwas länger in der Pfarrkirche „Zur Heiligsten Dreifaltigkeit“. Hier befindet sich in der südlichen Seitenkapelle ein kostbarer spätgotischer Marienkrönungsaltar. Vorbei am Flurkreuz zum Gedenken an die Pesttoten des 17. Jahrhunderts führt der Weg zur Aleuthemühle, einem denkmalgeschützten, mit den Zunftzeichen der Müller im Fachwerkgiebel versehenen Gebäude von 1451.

Größte Oberallgäuer Burgruine

Historische Einzelheiten gibt es auf der nächsten Station, dem Burgstall Oberminderdorf, zu erfahren. Über Landwirtschaft, die Entwicklung der Eisenbahnstrecke und der Stromversorgung sowie die kostbaren Schätze, die im ältesten Allgäuer Jodbad unter der Erde schlummern, berichten die folgenden hölzernen „Stationswärter“. Eine der vielen Sagen um das steinerne Kreuz auf dem Büchelberg handelt vom Ochsen. Der Bruder von „Königin Hildegard, der dritten Frau Karl des Großen, wurde von einem wilden Ochsen erfolgt. Seine letzte Rettung war der Stein, auf den er sich flüchten konnte. Zum Dank für seine Rettung habe er ein Kreuz auf dem Feld errichtet“, erzählt der Heimatpfleger. Über die geologische Geschichte der Alpen, die Wasserversorgung, die Vereinödung, das Leben Heinrichs IV. und die Bedeutung des Wappensteins hat man viele Details zusammengetragen und „auf den Heinrichweg gebracht“.

Der zweite Abschnitt des Heinrichweges veranschaulicht die Geschichte Sulzbergs und der Region an Beispielen und Fundstü cken. Mahnmale des Friedens, erste Schulen in Sulzberg, der Sulzberger See, die Bauernkriege, die frühere Tätigkeit der Menschen als Köhler und in der Milchwirtschaft bieten jedem Wanderer an weiteren Stationen aufschlussreiche Informationen. Die Lourdeskapelle von 1899 mit einer lebensgroßen Nachbildung der Madonna des französischen Wallfahrtsortes Lourdes ist auf dem Heinrichweg ebenso sehenswert wie die auf einer versunkenen Römersiedlung erbaute Lojakapelle, in der sich bis 1952 ein seinerzeit gestohlenes Miracelkreuz befand.

Im Mittelpunkt des Marktes und damit auch mit dem Heinrichweg verbunden, zieht die größte historische Oberallgäuer Burgruine von 1176 in Sulzberg, auf der schon viele Ritterspiele stattfanden, alle Blicke auf sich und in ihren Bann. Überregionale Bedeutung hatte die Burg Sulzberg „nicht zuletzt wegen der Überwachung der Grenze des Fürststiftes Kempten. Die Vergrößerung zum Schloss im Jahr 1485 zeigte Macht und Einfluss der Sulzberger und Schellenberger“, wie es in Aufzeichnungen heißt.

Auskünfte und Unterlagen:

Gästeinformation Sulzberg, Frau Sauerwein, Tel.: 083 76/92 01 19, (Rathaus Sulzberg, EG. Zimmer 6)

E-Mail: eva.sauerwein@sulzberg.de

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