Heimweh nach Ostpreußen

Masuren, das ferne Paradies im Osten Polens. Von Sabine Ludwig
Foto: dpa | Weißstörche bauen ihre Brutplätze bevorzugt in Masuren.
Foto: dpa | Weißstörche bauen ihre Brutplätze bevorzugt in Masuren.

Von Berlin aus sind es noch rund 10 Autostunden. Stunden, die sich lohnen. Die Aussicht auf unvergessliche Urlaubstage in einem der schönsten Natur- und Landschaftsparadiese Europas ist verlockend. Vor allem: Masuren ist ein Reiseziel zu jeder Jahreszeit, ohne Massentourismus und Wucherpreise.

Nicht nur die sogenannten Heimwehtouristen kommen und gehen, wie in jedem Jahr! Alle Besucher tragen maßgeblich zur wirtschaftlichen Entwicklung in dem Teil Polens bei, das als ehemaliges Ostpreußen bekannt ist. Die Bewohner freut es, denn außer einer idyllischen Landschaft mit unzähligen Seen und Störchennestern gibt es nichts. Keine Industrie, nur Landwirtschaft und Romantik. Und letztere in geballter Form.

Hier spielen sie, die Biografien der Dönhoffs, der Lehndorffs und derer, die den Widerstandskampf gegen das NS-Regime mit dem Leben bezahlen mussten. Heute ist der Lehndorffsche Familienbesitz, in dem Heinrich Graf Lehndorff mit weiteren Mitstreitern das Attentat auf Hitler plante, eine Ruine. Das ehemalige Steinort liegt an einem idyllischen See, der Schlosspark ist verwildert und zeigt dadurch seinen ganz besonderen Reiz. Nichts ist mehr übrig von den großen Festen, die hier abgehalten wurden, als Nazi-Größen ein und ausgingen. Dazwischen der Graf, bedacht darauf, seine Mission geheim zu halten, um später als einer der Befreier Nazi-Deutschlands in die Geschichte einzugehen. Doch ist er ebenso jämmerlich gescheitert wie Graf Stauffenberg und all die anderen.

Schauplatz deutscher Geschichte

Heute ist Hitlers Hauptquartier von 1941 bis 1944 ein Museum. Die mächtige Bunkeranlage im Dickicht des Waldes war Schauplatz des versuchten Komplotts auf Hitler im Sommer 1944. Zahlreiche Widerstandskämpfer, darunter viele Aristokraten aus Ostpreußen, bezahlten für ihre Tat mit dem Leben. Auch Lehndorff und Stauffenberg wurden von den Machthabern exekutiert.

Heute ist es ruhig in Masuren. Deutsche Gäste sind willkommen. Dem Würzburger Robert Meissner, der seit vielen Jahren in Polen lebt, ergeht es ganz anders. „Im Grunde genommen werden die hier ansässigen Deutschen nur gelitten, gemocht werden sie nicht“, schildert er. „Touristen sind dagegen gern gesehen, da sie Geld in der Region lassen.“

Im winzigen Ort Galkowo lebt die deutsche Journalistin und Dönhoff-Freundin Renate Marsch-Potocka. Zu Zeiten des kalten Krieges arbeitete sie als Korrespondentin in Warschau und Kaliningrad. Im ehemaligen Forsthaus der Lehndorffs führt sie ein kleines Museum mit Restaurant. Bücher, Briefe und Bilder erinnern an Marion Gräfin Dönhoff. „Sie kam immer zur Abiturfeier des Gymnasiums nach Nikolaiken“, erzählt sie. „Die Schule trägt noch heute ihren Namen.“ Einst stand das Forsthaus in Steinort, doch Marsch's Sohn Alexander baute es detailgetreu in Galkowo wieder auf. Auch nach ihrer Pensionierung bleibt Renate Marsch in Polen. „Mein Vater war Förster, und ich habe eine tiefe Liebe zu den Wäldern“, sagt die gebürtige Altbrandenburgerin. Deshalb entschied sie sich für einen Lebensabend in Masuren.

Das Land der Ahnen besuchen

Ganz in der Nähe schlängelt sich der angeblich schönste Fluss Europas durch eine idyllische Landschaft: Die Krutyna. Bootsmann Robert stakt seinen Kahn durchs Gewässer. „Die meisten Touristen kommen aus Deutschland, darunter auch ehemalige Flüchtlinge oder deren Nachfahren. Sie wollen das Land ihrer Ahnen kennenlernen“, erzählt er in gutem Deutsch. Oftmals sei bei den Besuchern auch Trauer oder Heimweh zu spüren. Mittlerweile lebt hier kaum mehr einer mit deutschen Vorfahren. „Ich kann mich nur an zwei Familien erinnern, die geblieben sind. Alle anderen sind fort.“ Rund 40 Kilometer nördlich liegt Heilige Linde (polnisch: Œwiêta Lipka), einer der bekanntesten Wallfahrtsorte Polens. „Der religiöse Brauch um ,Unsere liebe Frau von Heilige Linde‘ geht zurück auf das 14. Jahrhundert“, berichtet Jesuitenpriester Marek. Die Sage erzählt von einem Gefangenen, der auf Geheiß der Frau eine aus Holz geschnitzte Figur ihres Kindes anfertigt. Nachdem er wegen dieser Skulptur freigelassen wird, hängt er die Figur an einen Lindenbaum. Viele Wunder ereignen sich der Sage nach um die Statue des Marienkindes. Im Laufe der Zeit sei rund um den Baum eine Kapelle errichtet worden. „Auf einem Hügel wurde die jetzige Basilika auf Initiative der Jesuiten 1687 gebaut. Ich bin glücklich, hier seit einem Jahr zu dienen, denn dadurch lerne ich Menschen aus aller Welt kennen“, sagt Pater Marek. Das sei seine erste Aussendung nach der Priesterausbildung in Rom. „1968“, ergänzt der 35-Jährige, „kam sogar der Papst, um die Statue zu segnen.“ Und dann zeigt der gebürtige Lubliner auf die Orgel im Inneren der Kirche mit über 40 Stimmen und beweglichen Figuren. Sie stellen die Verkündigungsszene dar. Und hierher kommen nicht nur die Heimwehtouristen, sondern Besucher aus aller Welt. Und genau das ist es, was Pater Marek so mag.

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