Eine Reise ins Herz der russischen Klischees

Im widersprüchlichen St. Petersburg spiegeln sich die westlichen Vorurteile: Genau das macht die Stadt so spannend. Von Johannes Seibel
Foto: Seibel | Die Zarengräber in der St. Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg.
Foto: Seibel | Die Zarengräber in der St. Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg.

St. Petersburg kann sich kalt anfühlen, auch wenn es bald 30 Grad und blauer Himmel sind. Etwa, wenn an der geschäftigen Straßenecke mittags ein mittelalter Herr im beigen Hemd, in guten Schuhen, in nicht unfeinen Hosen und einer Brille, die gut und gerne die eines Intellektuellen sein könnte, plötzlich dem Fußgänger vor die Füße knallt. Er strampelt wie ein Käfer auf dem Rücken. Kommt nicht recht hoch, schafft es doch und torkelt über die Straße weg. Niemand der Umstehenden rührt es.

Oder wenn die Fremden, die des Russischen nicht mächtig sind, sich in einem gehobenen Imbiss etwas bestellen möchten, sich mit Händen und Füßen und ein wenig Englisch verständlich zu machen meinen, aber die Bedienung hinter der Theke die Fremden ignoriert, indem sie in all‘ ihrer Körperhaltung und Körpersprache zu verstehen gibt, dass hier Russland ist und hier alle Russisch zu sprechen haben, und etwas zusammenrührt, was die Gäste ihrer Ansicht nach gar nicht bestellt hatten, worüber zu reklamieren jedoch zwecklos ist.

Für zehn Euro Weltkultur im grandiosen Mariinsky Theater

Oder wenn es tief hinabgeht durch engste Rolltreppenröhren in die beklemmenden Schluchten der St. Petersberger U-Bahn und sich im Gedränge nur noch Ellenbogen begegnen, heftiger und irgendwie feindseliger als in New York oder Paris – und wenn die Touristen dann am Newski Prospekt, der Haupt- und Glanzstraße der nördlichsten Millionenstadt der Welt, wieder ans Tageslicht gespuckt werden, um von einem Weltkrieg-II-Veteranen bedrängt zu werden, der augenscheinlich Geld fordert, und einem Fremden die zittrige Faust dicht vors Kinn schiebt und unaufhörlich zetert, wenn der „Nein“ – „Njet“ – sagt. Wobei schon ein paar Schritte weiter stilvoll geschminkte Damen auf augenfällig atemberaubend hohen Bleistiftabsätzen an Luxusschaufenstern vorbeistöckeln, ihren Blick abweisend ins Weite gerichtet. Ja, dann fröstelt es die Deutschen innerlich.

In St. Petersburg kann es Mitte Juni in den sogenannten weißen Nächten, wenn es taghell ist und lediglich zwischen 23 und 3 Uhr etwas dämmert, den Urlaubern warm ums Herz werden. Etwa wenn sie eher zufällig am weltberühmten Mariinsky Theater vorbeischlendern, mithilfe eines kleinen Wörterbuchs entziffern, dass am gleichen Abend Peter Tschaikowskis Ballett „Schwanensee“ aufgeführt wird, sie an die Theaterkasse gehen, wieder mit Händen und Füßen und einem Wörterbuch und ein wenig Englisch zwei Karten bestellen möchten, und tatsächlich auch zwei Restkarten für den billigsten Rang hoch oben im Theater ergattern – für umgerechnet etwa zehn Euro die Karte.

Für die drei russischen Frauen Anfang, Mitte 70, die wohl aus der Stadt selbst kommen und im Mariinsky am Abend dann in der Nähe sitzen, gehört diese hohe Kultur offensichtlich selbstverständlich zu ihrem Leben – auch wenn sie altmodisch unschick gouvernantenhaft gekleidet sind, und wenn sie, wie zu vermuten, nicht über die auskömmlichsten Pensionen verfügen. Sie haben alte Militärferngläser dabei, in den Pausen diskutieren sie angeregt und gestikulieren, eine der Damen macht sich mit einem Bleistift Notizen auf sorgfältig zusammengefaltetem Papier. Die Touristen übersehen die drei Älteren geflissentlich.

Boris Gruzin hat das Ballett einstudiert. Er ist ein internationaler Star. Die USA, England, Japan, Kanada – um nur wenige Stationen zu nennen – gehören zu den Orten, wo er Erfolg hat. Und jetzt ist seine Arbeit für zehn Euro in St. Petersburg zu bewundern. Die Aufführung bezaubert selbst den, der sich im Ballett nicht auskennt, und der zuvor fürchtet, nichts zu verstehen und Langeweile zu haben – die er aber zu keiner Sekunde verspürt. Der menschliche Körper, seine Bewegungen, der spärliche, jedoch illustrative Bühnenbau, die Musik sind eine internationale Sprache. Die drei Damen sind zufrieden. Sie spenden lange Applaus.

Warm ums Herz wird es dem Gast in St. Petersburg auch einige Straßen weiter. Er sieht eine Kellertreppe auf dem Troitsky Prospekt im Stadtteil Kolomna und wird neugierig. Cafés und Boutiquen und Kosmetikshops scheinen hier überhaupt nur in den Kellern der Gebäude versteckt. Kleine Bistrotische stehen herum. Ein Mittvierziger mit Nickelbrille kommt. Er merkt, dass seine Gäste keine Russen sind und legt flugs eine Speisenkarte in englischer Sprache auf den Tisch. Er spricht auch ein bisschen Englisch. Die Solyanka in der Nähe des Fontanka-Kanals, wo Marienkäferchen krabbeln, schmeckt. Das Bier ist kalt. Und plötzlich zeigt der Wirt auf den Fernseher. Er hat ein Video eingelegt. Ein Konzert von Queen – in Englisch. Extra für seine deutschen Gäste. Der Freund der Rockmusik will ihnen eine Freude machen, auch wenn sie nicht die teuersten Menüs und Getränke bestellen. Er zeigt an die Decke. Und erst jetzt bemerken diese, dass dort ein überdimensionierter Gitarrenhals aus braunem Holz als Raumschmuck montiert ist. Der Wirt hat das Teil selbst gebaut – und es hat dem Café seinen Namen gegeben. Er ist stolz darauf, in dem kleinen Café seinen Traum von der weiten Welt, vom Rock'n'Roll und von der eigenen Existenz in St. Petersburg verwirklicht zu haben – soviel wird klar im Gespräch. Er spendiert zum Abschluss zwei Wodka – und lacht voll innerer Wärme.

Einfach in einen Bus springen – Ankunft ungewiss

Die touristischen Entdecker St. Petersburgs steckt das an. Sie springen in einen Bus, ohne zu wissen, wohin dieser fährt. Denn der öffentliche Personennahverkehr in St. Petersburg abseits der U-Bahn ist für den, der kein Russisch spricht, kaum zu durchschauen, geschweige denn geplant zu nutzen. Eine Frau steht von einem Sitz auf und kassiert die Rubel für das Ticket. Und so ruckt der Tourist über den Asphalt und den Sand aufgerissener Straßen und schaut und schaut – und weiß nicht, wo er ankommt, weshalb es ihm bald mulmig wird und er aussteigt. Es dauert, bis der Stadtplan enträtselt ist: Die Busfahrer sind am Moskauer Bahnhof angekommen. Ein riesiges rotes Wandgemälde an einer Häuserfront im realsozialistischen Stil begrüßen ihn.

Die alte Sowjetunion hat auch Marina, die etwa dreißigjährige Fremdenführerin nicht zur Gänze vergessen. Im Puschkinpark und Katharinenpalast vor den Toren St. Petersburgs, wo sie gerade den Nachbau des legendären Bernsteinzimmers erläutert, erzählt die gut Deutsche sprechende studierte Germanistin auch, dass sie ihren Job als Lehrerin aufgegeben hat, weil dort zu wenig bezahlt werde und im Tourismus mehr Geld zu verdienen sei – und dass in der Zeit der Sowjetunion das Schulsystem wesentlich gerechter gewesen sei, weil unabhängig vom Einkommen der Eltern Kinder gemäß ihrer Begabung gefördert wurden, heute aber allein noch die Kinder der Neureichen, „der Oligarchen“, gute Abschlüsse bekämen, „gegen Schmiergeld versteht sich“, so Marina. Ihr Mobiltelefon klingelt öfter.

Die Reliquien des Zarenreichs dienen der neuen Identität

Diplomatischer wird sie, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht. Dann haben niemals „Deutsche“ oder „deutsche Truppen“ das damalige Leningrad angegriffen, sondern immer nur „national-sozialistische Truppen“ – den heutigen Deutschen will sie und die anderen Touristenführer nicht auf den Schlips treten. Und auch auf die Frage, warum die Bolschewisten im Sowjetreich all‘ die Kulturschätze aus dem Zarenreich nicht vernichtet haben, wo diese doch an ihre ideologischen Gegner erinnerten, möchte Marina nicht mehr sagen, als dass die Bolschewisten und die Sowjetunion oft falsch verstanden würden und es doch lediglich deren Anliegen gewesen sei, dem Volk zu geben, was dem Volk gehöre – ihm also auch alle Kulturschätze zugänglich zu machen, und deshalb sei auch die Kultur aus Jahrhunderten in Russland so gut erhalten und die Zarenhöfe nicht zerstört worden. Marina ist eine moderne Frau mit klaren Zielen für ihr Leben – die Vergangenheit ist Vergangenheit für sie, nicht mehr und nicht weniger. Vor Fremden redet sie nicht weiter darüber.

Das heutige Russland erinnert sich seiner zaristischen Vergangenheit in St. Petersburg gleichwohl mit Verve. Die Erinnerung dient der nationalen Identität. Etwa auf der Haseninsel, dem ältesten Siedlungsgebiet der Stadt mit seiner Peter-und-Paul-Festung. In der Peter-und-Paul-Kathedrale mit ihrem hohen, spitz zulaufenden, gelben Turm, liegen die russischen Zaren begraben – und voller Ehrfurcht legen dort heutige Russen ihre Rosen ab. Schulklassen werden dorthin geführt. Sie sind äußerst diszipliniert. Vor den Gräbern herrscht abseits der Reiseführerreden Stille und Andacht.

Alles nur Klischees? Ja, St. Petersburg heute – das ist eine Stadt, in der das Klischee lebendig ist. Und genau das macht den Reiz dieser so widersprüchlichen Stadt aus. Wer sie zum ersten Mal besucht hat, kommt wieder.

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