Frankfurt/Oder

St. Marienkirche in Frankfurt/Oder: Kirche ohne Gemeinde

Die St. Marienkirche in Frankfurt/Oder kann sowohl auf ein beeindruckendes katholisches wie auch evangelisches Erbe zurückblicken. Heute markiert die Kirche den Anfangspunkt für die Route des Jakobsweges westlich der Oder.
Christoph Kühn vom Präsidium der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft.
Foto: Sabine Ludwig | Christoph Kühn vom Präsidium der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft.

Der Jakobsweg ist kein ausschließlich spanisches Phänomen, sondern ein europaweiter Pilgerweg. Schon seit dem Mittelalter sind Menschen aus ganz Europa nach Santiago de Compostela gepilgert. So kann man auch im östlichen Brandenburg den Verlauf der Jakobsroute nachzeichnen. Sie orientiert sich an den historischen Wegeführungen und ist in das europäische Jakobswegenetz eingefügt. Der brandenburgische Jakobsweg beginnt in der Stadt Frankfurt/Oder, durchquert die Landkreise Märkisch-Oderland und Oder-Spree sowie Barnim und Berlin.

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Zu Fuß, mit dem Wagen oder zu Pferd begaben sich einst die Pilger auf die lange Reise nach Santiago de Compostela. Aus dem Osten kommend gelangten sie über die Brücke in die Handelsstadt Frankfurt/Oder. Schon vom gegenüberliegenden Ufer aus erblickten sie die Türme der einstigen katholischen Hauptpfarrkirche. Ein Hinweis für Pilger findet sich heute noch am Nordportal von St. Marien links über dem Eingang. Zu sehen ist das Wappen der einflussreichen Patrizierfamilie Hokemann, die im 14. Jahrhundert in Frankfurt tätig war. Es zeigt die Figur des Heiligen Jakobus mit der Jakobsmuschel und seinen Namenszug. Daraus lässt sich schließen, dass die Familie Hokemann selbst auf Pilgerschaft gegangen ist.

Christoph Kühn vom Präsidium der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft.
Foto: Sabine Ludwig | Christoph Kühn vom Präsidium der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft.

Christoph Kühn vom Präsidium der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft hielt sich 2007 zu Beratungsgesprächen an der lokalen Europa-Universität Viadrina auf. „Wir hatten zuvor den Ökumenischen Pilgerweg im Verlauf der Via Regia von Görlitz bis ins thüringische Vacha ausgearbeitet und an der Viadrina wünschte man praktische Hinweise für die Realisierung eines eigenen Pilgerwegprojekts.“ Ihn hätte damals sehr beeindruckt, wie in Frankfurt/Oder der lichte gotische Umgangschor von St. Marien wiederentstanden ist.

Keine eigenen Gottesdienste

Nachdem Kurfürst Joachim II. 1539 in der Mark Brandenburg die Reformation eingeführt hatte, wurden auch in St. Marien evangelische Gottesdienste gefeiert. Die evangelische Kirchengemeinde und der damalige Rat der Stadt schlossen am 27. September 1974 einen Pachtvertrag über 99 Jahre zur weiteren Nutzung. „Heute ist St. Marien eine Kirche ohne Gemeinde“, bekräftigt Eberhard Urban vom Informationsdienst. Das heißt, dass eigene Gottesdienste nicht mehr stattfinden, da die mittelalterliche Pilgerkirche von der Stadt gepachtet wurde. Seit 2006 dient das Gotteshaus zudem als soziokulturelles Zentrum für Ausstellungen, Konzerte sowie den jährlichen Advents- und Weihnachtsmarkt. Die St. Marien-Gemeinde hat nun ihre Heimat in der nahen evangelischen St. Gertraudkirche gefunden. Hier werden auch ökumenische Gottesdienste gefeiert. Für den gebürtigen Frankfurter ist die Kirche seiner Heimatstadt etwas ganz Besonderes. „Sie ist das beeindruckendste Wahrzeichen, das wir haben“, sagt er mit einem Anflug von Stolz. „Ich habe als Kind noch erlebt, wie St. Marien nach der Bombardierung aussah. Das hat mich sehr geprägt!“

In der Tat wird das Stadtzentrum vom Hallenbau des spätgotischen Gotteshauses, das als räumlich bedeutendster Bau der Mark Brandenburg gilt, bestimmt. Imposant sind das fünfschiffige Langhaus und der dreischiffige Umgangschor. Während des Zweiten Weltkrieges zerstört, wurde die Kirche in ihrer äußeren Form wieder aufgebaut. Die drei Chorfenster, die ursprünglich nach 1360 entstanden und von der Frankfurter Bürgerschaft finanziert wurden, bilden den wichtigsten geschlossenen Bestand mittelalterlicher Glasmalereien im Land Brandenburg und enthalten einen in ganz Europa einmaligen Antichrist-Zyklus. Sie wurden nach der Zerstörung erst im Jahr 2007 neu eingesetzt, nachdem die russischen Behörden sie übergeben hatten. „Ich habe damals die Wiederherstellungsarbeiten besucht und dabei auch die Restaurierung der drei großen Fensterzyklen im Chorbereich mitverfolgt“, ergänzt Kühn.

Ein kleines Fensterwunder

Es sei ein kleines Wunder gewesen, als 2002 die drei Fensterzyklen zurückgegeben wurden. „Bei meinem Besuch waren alle Scheiben aus dem Antichristfenster gegenüber der Kirche in der Rathaushalle ausgestellt. Das war eine einmalige Gelegenheit, sie aus nächster Nähe betrachten zu können und die Thematik kennen zu lernen, zumal es in diesem Umfang nicht viele Antichrist-Zyklen gibt.“

Für den Pilgerweg sind auch die beiden anderen Fenster von großer Bedeutung. Das Christusfenster mit seiner typologischen Gegenüberstellung entsprechender Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament zeigt am Beginn des Pilgerweges Wurzeln und Grundlagen des christlichen Glaubens. Und das Genesisfenster weist auf die Schöpfung und somit auf Natur- und Umweltschutz hin. Damit macht es den Pilger, der durch die Natur wandert, auf die religiösen Bezüge dieses Themas aufmerksam.

Die wertvollen Bleiglasfenster brachte die sowjetische Militäradministration im Juni 1946 als Beutekunst über Berlin nach Leningrad in das Depot der Eremitage. Damit galten die Fenster als „seit Kriegsende verschollen“.

Nachdem im April 1991 eine sowjetische Kulturzeitung einen ersten Hinweis auf den Verbleib der Fenster veröffentlichte, begannen 1994 die deutschen Bemühungen um die letztendlich erfolgreiche Rückgabe. Mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Fotos wurden die Schätze nach und nach restauriert. Heute faszinieren die zwölf Meter hohen Chorfenster mit ihrer farbenprächtigen mittelalterlichen Glasmalerei die Besucher. Der Bilderzyklus erzählt die Schöpfungsgeschichte, die Christus- und die Antichristlegende in 117 Bildern.

Gerettete Kunstschätze

Die übrigen geretteten sehenswerten Kunstschätze – ein 4,70 Meter hoher siebenflammiger Bronzeleuchter, die ebenso hohe Bronzetaufe sowie ein vergoldeter Flügelaltar, der sich vor allem durch den Reichtum und die hohe Qualität des Schnitzwerkes auszeichnet – befinden sich in St. Gertraud. Rund 4 200 Gemeindemitglieder hat die nahe gelegene evangelische Kirche. Küsterin Birgit Matzke-Hahn betont, wie sehr St. Gertraud unter der Corona-Krise gelitten hat: „Nach der Wiedereröffnung befürchteten wir, dass viele Gläubige ausbleiben würden. Vor allem die Älteren trauen sich noch nicht wieder in die Gottesdienste.“

St. Gertraud-Küsterin Birgit Matzke-Hahn
Foto: Sabine Ludwig | St. Gertraud-Küsterin Birgit Matzke-Hahn.

Digitale Videobotschaften wurden daher erst einmal aufrechterhalten, auch wenn sie von dieser Zielgruppe eher weniger genutzt werden. Ansonsten finden an den Sonntagen die Predigten wieder regelmäßig statt. Parallel dazu gibt es Kindergottesdienste. „Und wer in den nicht will, darf in unsere Spielecke.“ Und wie funktioniert die Zusammenarbeit mit St. Marien? „Der Heiligabend-Gottesdienst und eine ökumenische Andacht zu Silvester finden dort statt“, betont Matzke-Hahn, „genau wie Gottesdienste zu besonderen Anlässen, zum Beispiel am Tag der Deutschen Einheit.“

Auch sonst ist Frankfurt/Oder eine Reise wert. Die alte Hansestadt am westlichen Ufer des Grenzflusses Oder fasziniert ihre Besucher durch eine Vielzahl an historischen Bauwerken in norddeutscher Backsteingotik, wie auch das Rathaus und die Friedenskirche. Und ein Abstecher nach Polen zeigt, wie beide Länder zusammengewachsen sind.

 

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