Ein Märchen aus dem Mittelalter

Castelsardo auf Sardinien: Reich an Traditionen zieht der Ort im Sommer viele Touristen an. Von Sabine Ludwig
Foto: Ludwig | Castelsardo ist eine mittelalterliche Stadt mit einer Trutzburg, die hoch über dem Meer thront.
Foto: Ludwig | Castelsardo ist eine mittelalterliche Stadt mit einer Trutzburg, die hoch über dem Meer thront.

Meerumspült auf einer Landzunge liegt Castelsardo und wirkt auf den Besucher wie aus dem Märchen. Im Hintergrund schmiegt sich die historische Altstadt mit ihren kleinen pastellfarbenen Häusern an den steilen Burghügel. Touristen kommen und gehen, einige bleiben für ein paar Tage. Es ist im Juni schon angenehm warm, und der Sommer hat auf Sardinien längst begonnen. Das Leben in der kleinen Stadt an der Westküste hat viele Reize. Zumindest in der warmen Jahreszeit, die für die rund 5 500 Einwohner am wichtigsten ist. Denn die fremden Gäste lieben den Ort, der von drei Seiten vom Meer umspült und von den Ruinen einer genuesischen Festung gekrönt wird. Sie kaufen Souvenirs und genießen in den vielen Restaurants die lokale Küche.

Zu verdanken haben die Einheimischen ihre Heimat der genuesischen Adelsfamilie Doria, die um 1102 den Ort als Festung gründete. Mit dem damaligen Castel Genovese sollte die Meerenge von Bonifacio gesichert werden. Und heute liegt bei gutem Wetter Korsika und damit auch sein Hafenstädtchen Bonifacio in Sichtweite.

Doch das Leben in Castelsardo hat auch seine Schattenseiten. Wie für Marisa Fiori: „Die Einwohner Castelsardos sind eine Gemeinschaft. Sie halten zusammen.“ Für Zugezogene sei es schwer, sich hier wohlzufühlen. Die 64-Jährige lebt seit über zehn Jahren in Castelsardo. „Mein Mann ist von hier“, sagt sie. Ihre Heimat gefunden hat sie nicht, obwohl ihr Dorf, wo sie geboren wurde, nur ein paar Kilometer entfernt liegt.

Castelsardo ist eine mittelalterliche Stadt mit einer Trutzburg, die hoch über dem Meer thront. Unbezwingbar, uneinnehmbar. „Genauso sind die Einwohner“, betont die ehemalige Lehrerin. Ihr Glück findet sie beim Malen. „Ich zeichne das Meer, obwohl ich es nicht besonders mag“, gibt sie zu. „Aber es ist da, jeden Tag, ich bin umgeben vom Wasser. Ich fühle mich selbst wie eine Insel.“ Ihre Aquarelle drücken ihre Stimmung aus, mal heiter, mal stürmisch. „So wie das Leben eben auch ist“, lacht sie.

Die Einwohner wollen nicht an die Krise denken, die Castelsardo seit einigen Jahren fest im Griff hat. Viele Läden und Restaurants stehen leer. Alte Felsgräber – Nuraghen – gibt es einige in der Gegend. „Sie sind einzigartig und hochinteressant für Touristen, doch es gibt keine funktionierende Infrastruktur“, beklagt sich Fiori über das Missmanagement der örtlichen Tourismusbehörde. „Die Burg haben sie schön hergerichtet, doch für alles andere fehlt das Geld.“ Die Fremden kommen jetzt in Scharen. „Im Winter dagegen ist jeder Tag gleich.“ Auch das Transportsystem sei nicht gut ausgebaut. Fiori, die keinen Führerschein hat, und auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen ist, trifft das sehr. „Wie kann ich mich mit anderen Künstlern treffen, wenn ich von hier nicht wegkomme?“, fragt sie. Ein Auto zu haben sei absolut notwendig.

Pina Cirotto ist aus Castelsardo noch nicht weggekommen. Sie ist eine von den Frauen, die eng zur Dorfgemeinschaft dazu gehören und außer ihrem Heimatort nicht viel mehr von der Welt kennengelernt haben. Von klein auf haben die Frauen des Ortes schützend ihre Hand über sie gehalten. Natürlich, sie ist eine von ihnen. Sie sitzt in ihrem Hauseingang mit Blick auf die enge Gasse und arbeitet mit buntem Stroh. Ihre Finger sind flink und mit der Zeit entstehen wunderschöne Körbe, Teller und Schalen. Castelsardo ist in ganz Italien berühmt für seine Korbflechterei. Pina Cirotto hat mit sechs Jahren begonnen, die Kunst des Flechtwerks von ihrer Mutter zu lernen. Und ihre Urgroßmutter hat es an die Großmutter weitergereicht. Und die schließlich an Pina Cirottos Mutter, wie eben in jeder Familie. Nahezu alle Frauen im Dorf wissen um die Tradition der Ahnen, sind stolz darauf und geben sie an die Töchter weiter. „Früher haben alle Frauen des Dorfes geflochten“, sagt die 65-Jährige. „Heute sind es nicht mehr viele, es rentiert sich einfach nicht mehr.“ Denn die Wirtschaftskrise beeinflusst auch diese jahrhundertealten Künste. „Hier ist alles anders geworden. Die jungen Leute ziehen weg, da ihnen die Großstädte mehr Möglichkeiten bieten“, sagt Cirotto bitter und zieht einen dünnen roten Strohfaden durchs Nadelöhr. Die am meisten verbreiteten Flechttechniken sind die Spiraltechnik (a spirale) und die über Kreuz (ad incrocio). Die benötigten Pflanzen wachsen wild – Getreidehalme, Binsenfasern, Seegras oder die Blätter der Zwergpalme. Für robuste Behälter der Landwirtschaft werden Weiden-, Myrthe- und Olivenbaumzweige verwendet, die mit Schilfrohren verflochten werden.

In den Räumen des mittelalterlichen Castello dei Doria ist das Flechtwerkmuseum beheimatet, damit die alte Handwerkskunst nicht ganz in Vergessenheit gerät. Denn es gibt darüber nur ganz wenige Studien und Aufzeichnungen. Außer einer begrenzten Anzahl privater Sammlungen und einigen Exponaten in staatlichen Flechtschulen gibt es kein weiteres Museum, das sich dieser Tradition widmet.

Etwas unterhalb von Cirottos Haus liegt malerisch auf einer Felsnase die Kathedrale Sant' Antonio Abate aus dem 12. Jahrhundert. Allein schon durch ihren Standort huldigt sie Gott auf eine ganz besondere Weise. Im Inneren vermittelt der Geruch von Weihrauch und Kerzen eine fast mystische Atmosphäre. Eine Frau, ganz in schwarz gekleidet, kniet vor dem Altar nieder. Ihr graues lockiges Haar ist mit einem Tuch aus schwarzer Spitze bedeckt. Stumm bewegt sie ihre Lippen, blickt auf einen Punkt am Boden, und bekreuzigt sich einige Male kurz hintereinander. Sie ist die einzige Besucherin der Kirche. Dann steht sie auf und setzt sich auf eine der vorderen Bänke. Dort verharrt sie regungslos, ihr Blick auf das Kreuzrippengewölbe aus dem 16. Jahrhundert gerichtet. Die Menschen auf Sardinien sind fast ausschließlich römisch-katholisch. Ein tiefer Glaube prägt das Zusammenleben in den Familien, den Alltag in den Dörfern und kleinen Städten auch heute noch. Marisa Fiori blickt aufs Meer hinab. Dann nimmt sie einen Pinsel und beugt sich über die Staffelei. Sie entscheidet sich für kräftige, bunte Farben. Denn heute geht es ihr gut.

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