Ein Dorf verschwindet

Mit seinem Wahrzeichen des versunkenen Kirchturms zieht der Reschensee in Südtirol besonders im Winter zahlreiche Besucher an. Doch die Geschichte des Sees ist tragisch.
Reschensee
Foto: Frühauf | Erst die heutige Generation hat sich mit dem Reschensee versöhnt: Bei der Stauung verloren viele ihre Existenzgrundlage.

Wer Nauders in Österreich hinter sich gelassen und auf rund 1 500 Meter Höhe den Reschenpass erklommen hat, gelangt zum gleichnamigen italienischen See. Nach der Ortschaft Reschen, kurz vor Graun, sieht man sie dann: die romanische Spitze des ehemaligen Kirchturms von Alt-Graun. „Es ist eines der meistfotografierten Motive“, weiß Eva Feichter von der Agentur „idm Südtirol“.

Das Wahrzeichen des Vinschgau, zu dem geografisch gesehen auch das österreichische Nauders gehört, bietet einen faszinierenden Anblick, den man nicht so schnell vergisst. Das Wasser des über sechs Kilometer langen Sees ist gefroren. Auf der spiegelblanken Eisfläche rutschen Spaziergänger zum Turm, Schlittschuhläufer drehen ihre Runden und Segler jagen auf Kufen im Wind dahin.

Heute bescheint die Sonne die winterliche Szenerie, die idyllischer nicht sein könnte und wo der Piz Lad über dem Dreiländereck zwischen Italien, Österreich und der Schweiz wacht.

Trauriges Kapitel prägt die Bilderbuchkulisse

Die Bilderbuchkulisse mit dem versunkenen Kirchturm von Alt-Graun, der einstigen Pfarrkirche St. Katharina, prägt ein trauriges Kapitel. Als die Dorfkirche im 14. Jahrhundert erbaut wurde, umgaben sie drei Naturseen: der Reschensee, der Mittersee und der Haidersee. Bereits zwischen 1939 und 1943, mit der sogenannten Option in Südtirol, kam Bewegung ins Leben der deutschsprachigen Grauner, die sich zwischen der faschistischen Diktatur Italiens unter Mussolini und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich entscheiden sollten.

Die „Optanten“ wanderten nach Nazi-Deutschland aus. Die „Dableiber“ entschieden sich für ihre Heimat, wo sie jedoch sprachlicher und kultureller Unterdrückung sowie der Italisierung ausgesetzt waren. Rund 85 Prozent nahmen aber die Deutschland-Option an – bis zur Eingliederung des norditalienischen Alpenvorlandes in den deutschen Machtbereich im September 1943 waren tatsächlich aber nur etwa 75 000 Südtiroler ins Deutsche Reich umgesiedelt. Erst nach Kriegsende brachte das Pariser Abkommen von 1946 der deutschsprachigen Minderheit in Italien eine Gleichstellung ihrer Sprache, weitgehende kulturelle Freiheiten und eine gewisse politische Autonomie. In der Folge kehrten 20 000 der ehemaligen Optanten als „Rücksiedler“ wieder nach Südtirol zurück.

Nur der Kirchturm blieb stehen

Während dieser Zeit des Umbruchs plante die faschistische Regierung bereits die Stauung des Reschen- und Mittersees zur Energiegewinnung, die bis 1950 von Elektrokonzern Montecatini umgesetzt wurde und das gesamte Dorf Graun und einen Teil des benachbarten Dorfes Reschen versenkte. Unter Wasser sind heute nur noch Überreste zu erkennen. Alle Gebäude wurden gesprengt, damit sie bei Niedrigwasser nicht immer wieder ans Tageslicht gelangen. „Nur der Kirchturm stand unter Denkmalschutz und musste erhalten bleiben“, erläutert Eva Feichter. Bei einer ersten Probestauung 1949 lebten noch die meisten Bewohner in ihren Häusern. „Das Wasser stieg bis zu den oberen Stockwerken“, berichtete ein Zeitzeuge in der Dokumentation „Das versunkene Dorf“, die sich mit den Schicksalen der Betroffenen durch die Auswasserung befasst.

„Der Reschensee ist inzwischen eine touristische Attraktion.“
Eva Feichtner

Denn durch die Stauung verloren die meisten Grauner ihre Existenzgrundlage und in den eilig errichteten Baracken in Neu-Graun konnten nur noch wenige Familien von den verbleibenden Uferwiesen leben. Über 70 Prozent der Einwohner mussten abwandern, um anderswo nach freien Höfen zu suchen. „Alle zehn Jahre kommen die „Aussigwasserten“ in Neu-Graun von überall her wieder zusammen“, weiß Feichter.

Treffen von Zeitzeugen

2010 fand wohl das letzte große Treffen statt, denn die Zeitzeugen, die als Kind ihr Dorf verlassen mussten, sterben aus. „Erst die heutige Generation hat sich mit dem See versöhnt“, so die Tourismusexpertin. „Der Reschensee ist inzwischen eine touristische Attraktion.“ Im Winter finden regelmäßig internationale Snowkite-Wettbewerbe statt, Eissegler kommen vom In- und Ausland und in diesem Jahr wird die neue Kitestation am Seeufer eröffnet. „Bei uns kann der Gast zwischen Berg- und Wasseraktivitäten wählen, im Winter und im Sommer“, zählt Feichter die Vorteile auf, die der Stausee inzwischen mit sich bringt, auf dessen Eisfläche sich gerade der einstige Kirchturm von Graun spiegelt.

In der Ferne ist die Ortler-Gruppe zu sehen, die den Vinschgau gegen Süden hin abgrenzt und die die vergletscherte Region vom Stilfser Joch über das Martelltal in Südtirol bis hin zum Tonalepass im Trentino umfasst. Fast die gesamte Gebirgsgruppe ist ein Teil des Nationalparks Stilfser Joch. Nur ein paar Kilometer entfernt vom geschichtsträchtigen See, ebenfalls in südlicher Richtung, liegt ein Ort der Ruhe und Kraft, der Geschichte und Zukunft: das höchstgelegene Benediktinerstift Marienberg. Der Bischof von Chur gründete das Kloster zwischen 1087 und 1095 gemeinsam mit seinem Bruder im nahen Engadin. Aufgrund widriger Umstände und einer feindlich gesinnten Bevölkerung siedelte das Kloster in den Jahren 1149 und 1150 an seinen jetzigen Standort, wo es über der Gemeinde Burgeis thront. Seitdem folgt das Leben im Kloster Marienberg den Regeln des Heiligen Benedikt.

Auch Benedikt XVI. besuchte das Kloster

Durch ein romanisches Rundbogenportal gelangt man in die Klosterkirche aus dem späten 12. Jahrhundert, wo sich im Tympanon die „schöne Madonna“, ein Werk der Gotik, befindet: Die Gottesmutter reicht dem Jesusknaben einen Apfel. In der Zeit von 1643 und 1648 erhielt die Kirche ihr heutiges barockes Aussehen. Die Krypta von Marienberg wurde im Jahr 1160 vom Bischof von Chur geweiht und diente als erster Gottesdienstraum für das Chorgebet und die Feier der Heiligen Messe. Später wurde sie Bestattungsort für die Mönche. 1980 wurden dann die Grufteinbauten entfernt und über Jahrhunderte verdeckte Fresken kamen zum Vorschein – eines der größten Zeugnisse romanischer Kunst im Alpenraum. Am 11. August 1992 besuchte Papst Benedikt XVI., damals Kardinal Joseph Ratzinger, die Abtei Marienberg und feierte in der Krypta einen Gottesdienst.

Anfang der 2000er Jahre erfolgte die Sanierung des ehemaligen Wirtschaftstraktes. Marienberg veranschaulicht die baulichen Veränderungen vom ausgehenden 13. Jahrhundert bis heute – eine spannende Gegenüberstellung von Alt und Neu. „Ein Museum informiert über das klösterliche Leben nach der Regel des Heiligen Benedikt und über den Alltag der Mönche, die dort leben“, erzählt Gerald Ramsbacher von Vinschgau Touristik.

Auf den steilen Hängen rund um die auf 1 340 Meter Höhe gelegene weiße Klosteranlage findet man seit einigen Jahren Weinreben. „Es ist der höchstgelegene Weinberg Europas, den die Winzerfamilie Van den Dries für das Kloster naturnah bearbeitet“, so Ramsbacher. Kühle Nächte und heiße Tage sorgen für Früchte mit hohen Zuckerwerten, einer markanten Säure und einem unvergleichlich fruchtigen Aroma. So schmeckt der weiße Solaris frisch und zitronig und nach einem Hauch von Erdbeere. Vielleicht ist es die Stille und die Kraft, die für diese Geschmackskombination sorgt und die die Besucher in ihren Bann zieht, so wie der Vinschgau selbst.

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