„Die Bretagne ist anders als Frankreich“

Rundreise zu Natur- und Kulturschönheiten – Kalvarienberge und der bedeutende Wallfahrtsort in Sainte-Anne d'Auray sind Zeugnisse tiefer Volksfrömmigkeit. Von Rocco Thiede
| Sichtbare Zeichen eines lebendigen Glaubens finden sich überall in der Bretagne.
| Sichtbare Zeichen eines lebendigen Glaubens finden sich überall in der Bretagne.

Die Bretagne ist nicht Frankreich, sie ist sehr anders“, sagte in der alten Handelsstadt Quimper ein Mann, als wir uns über die doppelte Auszeichnung der Straßennamen und Ortsschilder wunderten, denn sie werden zwischen St. Malo, Brest und Vannes konsequent, gleichberechtigt in Französisch und Bretonisch ausgeschrieben. Die eine Sprache hat mit der anderen so gar nichts zu tun. Der Mann aus Quimper betonte: „Die Wurzeln des Bretonischen liegen im britisch-keltischen Sprachstamm, auf denen die ursprünglich in dieser Region verwendete Sprache zurückgeht. Sie wird heute noch von etwa einer halben Million Menschen aktiv gesprochen und geschrieben. Die Bretonen selbst meinen, dass ihre Sprache bereits von Adam und Eva benutzt wurde – vor dem Sündenfall – und deshalb die Sprache des Paradieses sei.“

Die Bretagne mit ihren knapp drei Millionen Einwohnern ist eine von 22 Regionen in Frankreich und sie hat sich eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt, mit ihren vier im Nordwesten des Landes am Atlantik und dem Ärmelkanal gelegenen Departements. Nirgendwo anders in Frankreich zahlt man keine Autobahngebühr, hat man als Camper oder Wohnmobilreisender so viel Freiraum und Platz beim freien Übernachten direkt am Meer, ohne auf überzogene Ver- oder Gebote zu stoßen und erlebt dankbar den freundlichen, unkomplizierten Charakter seiner Bewohner. Wo sonst sind bei unseren westlichen Nachbarn katholische Religion in Kalvarienbergen und alten Kirchen so manifest sichtbar? Für manche Bretagnebesucher gehört zu den Kehrseiten dieser Glaubensgewissheiten und räumlichen Freiheiten das gelegentlich raue Wetter, welche die Urlaubstage mit grauen Tagen und Regen sowie Temperaturen um die 17 Grad Celsius im Atlantikwasser und der Luft auch im Hochsommer trüben können, wenn zur selben Zeit in Deutschland die Menschen unter Rekordhitze leiden und schwitzen.

Es lohnt, die Reise im Nordosten in St. Malo und Dinard zu starten und dann in den Südwesten der Bretagne zu fahren über die Cote de Granite Rose, Brest, die Halbinsel Crozon, mit anschließendem Zwischenstopp in Quimper bis zur sonnenreichen Halbinsel Quiberon. Wer Zeit hat, sollte immer am Atlantik entlang reisen und immer Mal wieder ins Landesinnere zu kleinen Städten, alten Klöstern oder Kirchen mit ihren prägnanten Kalvarienbergen vorstoßen.

Berühmt und über die Bretagne hinaus bekannt ist „Le Calvaire de Plougastel“ nicht allzu weit von der modernen Hafenstadt Brest entfernt, die im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde. Die Kriegsschäden und Neubauten prägen bis heute das Stadtbild von Brest. Der Kalvarienberg Plougastel-Daoulas ist einer der bedeutendsten der Bretagne – einerseits, weil er mit zwanzig Szenen und seinen 180 Skulpturen zu den figurenreichsten gehört und andererseits, weil er seit seiner Errichtung nach der Pest von 1598 auch eine wechselvolle Geschichte hat. Aber selbst wenn man davon nichts weiß, werden die Heiligenszenen und Christusdarstellungen den Betrachter ansprechen: Jesus mit seinen Jüngern; Maria auf einem Esel, ihr Baby auf dem Schoß, mit Josef auf der Flucht – die anrührenden Steinbilder sind ein Muss für jeden Kunstfreund.

Steine in all ihren Formen und Farben prägen die Küstenabschnitte der Bretagne bis heute. Nach der Flut kann man außerdem die schönsten Muscheln finden. Einige Einheimische suchen und sammeln mit speziellen Harken bei Ebbe die noch geschlossenen Muscheln oder kleine Krebse. Sie gelten ihnen als Beilage oder für die Verfeinerung von Soßen als Delikatesse. In einigen Regionen bauen Fischer Muschel- und Austernbänke gezielt an, deren Erträge dann auf Märkten oder in Restaurants lecker zubereitet zu erwerben sind.

Besondere Steine, meist aus Granit, finden sich auch in Carnac, im Département Morbihan. Hierher kommen Menschen, die unseren Vorfahren aus der Steinzeit auf den Versen sind. Bis heute wissen selbst Forscher nicht, warum es ausgerechnet in Carnac an die 3 000 aufgestellte Menhire gab – die zwischen einem halben und vier Meter groß sind – sowie scheinbar in Reihen stehen. Auch etliche Großsteingräber (Dolmen) gibt es hier zu bestaunen. Ganze Busladungen kommen zu diesen Steinfeldern der Megalithkultur, die hier ab 4500 vor Christus entstanden.

Der Faszination der vielfältigen bretonischen Landschaft war auch der Maler Paul Gauguin in Pont Aven erlegen. Im 19. Jahrhundert war dies ein kleines, malerisches Städtchen mit einigen Mühlen. Ab 1886 siedelten sich hier viele Künstler an, die man heute der impressionistischen „Schule von Pont Aven“ zuordnet. Gauguins bretonische Mädchen beim Tanz zieren bis heute die metallenen Deckel von Keksdosen. Die süßen Madeleines unter dem Namen „Les Galettes de Pont Aven“ gibt es in den kleinen Biscuiterien zu kaufen.

Denselben Ursprung wie das deutsche Wort rasen hat das Wikingerwort „raz“. Der Begriff bezeichnet im Bretonischen eine schnelle Meeresströmung, die man am felsigen Kap „Pointe du Raz“ intensiv bewundern kann. Alle Ankommenden begrüßt auf dem Plateau die Statue „Mutter Gottes der Schiffbrüchigen“. Die schroffen Klippen, mit teilweise einer Höhendifferenz von 72 Metern, ragen spektakulär ins Meer hinaus und sind ein Touristenmagnet von internationaler Bekanntheit. Heute ist das Gebiet Naturschutzreservat, weshalb auch von allen Ankommenden eine Parkgebühr erhoben wird, was in der Bretagne bisher nur ganz selten passiert. Auf den Inselchen vor der Pointe du Raz stehen malerisch zwei unbewohnte Leuchttürme. Nur acht Kilometer westlich davon befindet sich die autofreie Insel „Ile de Sein“.

Bedeutendster Wallfahrtsort ist die Gemeinde Sainte-Anne d'Auray, gut 16 Kilometer nordwestlich von Vannes gelegen. Der Legende nach soll die heilige Anna, die Mutter Marias, hier geboren worden sein. Als sie schwanger war, soll sie von Engeln nach Nazareth zur Geburt ihrer Tochter Maria getragen worden sein. Angeblich kam sie später im hohen Alter in die Bretagne zurück. Aus dem Frühmittelalter gibt es Spuren des keltischen Annenkults, wie die Bezeichnung „Keranna“, Haus der Anna, belegt. Die christliche Geschichte von Sainte-Anne-d'Auray begann mit der Vision eines Bauern 1624, der im Traum die Worte von der Großmutter Jesu vernahm: „Gott will, dass ich hier verehrt werde“. Als er auf seinem Feld eine kleine, hölzerne Statur der heiligen Anna ausgrub, errichtete er dort zu ihren Ehren eine Kapelle. Danach kamen von Jahr zu Jahr immer zahlreicher die Gläubigen, auch weil es viele wundersame Heilungen gab. Im 17. Jahrhundert bauten an die Kapelle angrenzend die Karmeliter ein Kloster und im 19. Jahrhundert wurde die Kapelle durch die heutige Basilika ersetzt. An jedem Annentag, dem 26. Juli, kommen im Schnitt bis zu 30 000 Pilger hierher, um beim „Pardon de Sainte Anne“ um Vergebung zu bitten. 1996 besuchte Papst Johannes Paul II. den Wallfahrtsort und feierte vor über 100 000 Menschen unter freiem Himmel die Heilige Messe.

So wie es in Italien an jeder Ecke eine Pizzeria gibt, so finden sich in der Bretagne die Creperien. Den süßen Crepe, so wie wir ihn in Deutschland von Volksfesten her kennen, gibt es in der Regel nur als Dessert. Als Hauptspeise werden die kräftigen, braunen Gallets aus Buchweizenteig serviert, die mit Käse, Schinken, Tomate und anderen Belägen beschichtet und gefüllt sind. Für Erwachsene gibt es dazu ein Glas Cidre Brut. Natürlich sind Muscheln und hier besonders die Austern für viele eine bezahlbare Delikatesse aus dem Meer, die zum Standard jedes guten Restaurants gehören, ebenso wie Langusten oder Crevetten. Letztere kann man auch in jedem großen Supermarkt bereits gekocht im Kilo kaufen, dazu ein frisches „Baguette traditionell“ und ein kühler Weißwein oder ein leicht perlendes Wasser und schon beginnt die Lunchzeit auf einem der überall zu findenden Picknicktische aus Holz oder Stein. Wer nicht gleich sein Ziel findet, kann im Land von Asterix und Obelix auf die Menschen zugehen, die hilfsbereit und ohne Scheu einem Wege zeigen, Routen erklären und freundlich weiterhelfen. Diese Offenheit gegenüber Fremden und Ausländern wünscht man sich auch in Deutschland, wo sie leider in immer mehr Regionen verloren gegangen scheint.

„Trugaretz“/ Danke. „Nenavo“/ „Auf Wiedersehen“ – ruft uns eine Frau zum Abschied auf einem Markt freundlich zu, als wir bei ihr Honig, Salzbutter und einige Pflaumen, Aprikosen sowie selbstgemachten Cidre erwerben. Ja, die Bretagne ist eben auch bei Speis und Trank anders und deshalb reist man gern dort wieder hin!

Foto: Thiede | Einsame Strände: Wasser mit 17 Grad Celsius lockt nicht viele Schwimmer an.
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