Bergmessen: Erhabene Event-Kultur

"Berglar Kirbe" mit Alphornbläsern
Foto: dpa | Alphornbläser musizieren auf dem Fellhorn bei Oberstdorf bei der sogenannten „Berglar Kirbe“ im Nebel. Rund 3000 Besucher kamen zu der traditionellen Bergmesse zu Ehren des Heiligen Jakobus auf das Fellhorn.

Vom Innsbrucker Alt-Bischof Reinhard Stecher war sie bekannt, die Liebe zu den Bergen. Jede freie Minute soll er hinaufgestiegen sein, winters wie sommers. Eifrige Bergsteiger waren auch Fürstbischof Franz Xaver zu Salm-Reifferscheidt, der 1799 ein Gipfelkreuz auf dem Kleinglockner sowie die Salmhütte, 1800 dann das Gipfelkreuz auf dem Großglockner errichten ließ, und der Salzburger Erzbischof und spätere Kardinal von Prag, Friedrich zu Schwarzenberg. Für einen wie Ivo Muser, den Bischof von Bozen und Brixen, oder Benedikt XVI., der als Bub bekanntlich das Studienseminar St. Michael in Traunstein besuchte, ist die Liebe zu den Bergen ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Auch Johannes Paul II. und Pius XI. waren Liebhaber der Berge und des Bergsports: Johannes Paul II. war leidenschaftlicher Skifahrer, Pius XI. war in seiner Mailänder Zeit als Professor und Bibliothekar der Ambrosiana aktiver Bergsteiger – in der Silvesternacht 1899 stieg er sogar mit einer kleinen Gruppe des neapolitanischen Alpenvereins zum Krater des Vesuv hinauf.

Seit wann gibt es die Verbindung der Berge mit dem Allerheiligsten, die Messe unter freiem Himmel, besser bekannt als Bergmesse oder Berggottesdienst? Das Gefühl, dass man in den Bergen die Messe zu feiern habe, weil man dort „dem Himmel ganz nah“ ist, ist ein relativ junges Phänomen. Grundsätzlich kollidierte das sonntägliche Bergsteigen stets mit der Sonntagspflicht, weshalb auf einigen Hütten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Andachtsräume und Kapellen geschaffen wurden – so etwa die im August 1895 geweihte Kapelle „Maria Schnee“ im Gepatschhaus und der 1905 geschaffene Kapellenraum im Becherhaus der Stubaier Alpen oder die Schaffung eines Schrankaltars im Gastraum der Vernagthütte der Alpenvereinssektion Würzburg in den Ötztaler Alpen.

Zum persönlichen Vergnügen ist die Besteigung eines Berges, um in der Nähe des Gipfelkreuzes unter freiem Himmel die heilige Messe zu feiern (und nicht etwa in der Kirche des im Tal gelegenen Dorfes), Luxusphänomen einer Generation, deren Mitglieder nicht mehr um das nackte Überleben kämpfen müssen. Die Besteigung der Berge als Freizeitvergnügen bedarf eines gewissen Wohlstands, vor allem aber der freien Zeit, weshalb der Bergsport wie viele anderen so genannten „idle pastimes“ zunächst englischen Ursprungs ist. In gewisser Weise kommt der Kirche jedoch heute die Tatsache entgegen, dass für viele Menschen Natur und Sport inzwischen zu Ersatzreligionen geworden sind. Man schlägt also mehrere Fliegen mit einer Klappe, wenn man Naturfreunde, Sportler und die eigene Gemeinde am Berg mit der Eucharistie zusammenbringt.

Die Bergmesse hat aber mehr zu bieten als bloß eine heilige Messe an einem anderen Ort. Tatsächlich erfährt die Seele beim Bergsteigen Einkehr, Demut, Erholung und Weite, wird der Mensch klein und das Göttliche spürbar. Und es ist zu vermuten, dass die Sehnsucht des modernen Menschen nach der unberührten Natur im Kern unendliche Sehnsucht nach dem Allerheiligsten ist: Hoch und heilig soll es sein, die Stille wird gesucht und mit den Gipfeln und ihren weithin sichtbaren Kreuzen letztlich auch der Altissimus des Gloria, Jesus Christus. Die Pilgerin Ätheria von Aquitanien schildert in Briefen an andere „verehrte Frauen und Schwestern“, wie die Besteigung des Berges Sinai im Jahr 385 n.Chr. ihre Seele berührte und wie sie mit Mönchen zum Gipfel hinaufsteigt und am späteren Vormittag mit ihnen in einer Kirche unterhalb des Gipfels die Eucharistie empfängt. Ein touristischer Rundgang schließt sich dem Besuch der heiligen Messe an: Man zeigt ihr die Höhle, in der sich Moses aufhielt, als er zum zweiten Mal den Berg Gottes bestieg, „und auch die anderen Orte, so viele wir begehrten“.

Somit ist das religiös motivierte Erklimmen der Berge älter als das ästhetisch motivierte, dessen Beginn mit der Besteigung des provenzalischen Mont Ventoux durch den Juristen und Theologen Petrarca am 26. April 1336 angesetzt wird. Frühe Zeugnisse von heiligen Messen im Gebirge sind sonst vor allem in Verbindung mit Naturkatastrophen überliefert: Die Bevölkerung hoffte durch Bittgänge, Prozessionen und heilige Messen an Bergseen und Gletschern Unglücke durch Lawinenabgänge oder Überschwemmungen verhindern zu können. Früheste Zeugnisse solcher Bergmessen stammen aus dem 17. Jahrhundert wie etwa Berichte vom Vernagtferner in den Ötztaler Alpen, wo der Gletscher eine über 100 Meter hohe Eismauer und einen 1 300 Meter langen Stausee gebildet hatte. Dieser See ist zwischen 1600 und 1845 mehrmals durch die Eismauer gebrochen und hat im ganzen Ötztal mit einer Entleerung von geschätzten ein bis drei Millionen Kubikmeter Wasser große Schäden angerichtet.

Weitere Gletscher der Ötztaler Alpen brachten es zu Berühmtheit, so auch der Große Gurgler Ferner, und auch hier hoffte man auf göttlichen Beistand. Als sich 1717 oberhalb von Gurgl ein großer Gletschersee gebildet hatte, der auszubrechen drohte, wurde „etliche Wochen alle Samstag“ der Pfarrer von Sölden auf den Gletscher geschickt, um dort das heilige Messopfer zu halten. Zur Erinnerung daran wurde in einen Steinblock die Jahreszahl 1718 gemeißelt und über dem Steinblock eine kleine Kapelle „auf dem steinernen Tisch“ errichtet. Im 18. Jahrhundert kam es parallel zu diesen realen Bedrohungen durch die Natur zur Idealisierung der Berge durch Literaten: Rousseau verklärte sie in „La nouvelle Heloise“, Goethe bestieg den Vesuv. Am 9. Mai 1869 wurde schließlich der Deutsche Alpenverein gegründet und im späten 19. Jahrhundert dürfte wohl auch die Entstehungszeit der modernen Bergmessen liegen.

Natürlich hat es heilige Messen in den Bergen schon zuvor gegeben, seit dem 6. Jahrhundert am ältesten Bischofssitz des deutschsprachigen Raumes, dem heutigen Kloster Säben in Südtirol, aber auch in zahlreichen hochgelegenen Wallfahrtsorten und Klostergemeinschaften der Alpen, deren Geschichte weit zurückreicht. So am Ort der höchstgelegenen Benediktinerabtei Europas, Abtei Marienberg auf 1 340 Metern über dem Eisacktal: Seit über 900 Jahren wird dort das Klosterleben der Benediktiner geführt. Durch die Züchtung der Bernhardinerhunde sind auch die Schweizer Augustinerchorherren vom heiligen Bernhard von Menthon, dem Schutzherrn der Bergsteiger und Alpenbewohner, bekannt geworden. Auch dort wird seit dem 11. Jahrhundert auf 2 500 Metern täglich die heilige Messe gelesen.

Aber es gibt auch Berggottesdienste als festen Teil lokalen Brauchtums, wie etwa die Gita a Selva (Wanderung nach Selva) in Poschiavo, die seit 1825 jährlich im Mai stattfindet. Sie ist ein Brauch der evangelischen Gemeinde von Poschiavo im südlichen Graubünden und geht auf eine Zeit zurück, als die Schulen im Ort noch nach Konfessionen getrennt waren. Auch heute noch versammeln sich am ersten schönen Sonntag im Mai die Schüler der scuola riformata mit ihren Eltern frühmorgens auf dem Dorfplatz, um nach Selva zu wandern und dort in einer Kapelle aus dem 17. Jahrhundert eine Andacht zu feiern. Statt Eucharistie gibt es nach der Predigt Polenta und Wein, am Nachmittag folgen Kaffee, Theateraufführungen, Musik und sportliche Wettkämpfe. Zu Sonnenuntergang wandern die Gita-Teilnehmer in das Tal zurück und ziehen feierlich in das Dorf ein. An den bewirtschafteten Hütten der Schweizer Alpen finden während der so genannten „Sömmerung“ ebenfalls regelmäßig Berggottesdienste beider Konfessionen statt.

Auf dem Petersberg im oberbayerischen Flintsbach gibt es sogar im Winter Bergmessen: An St. Barbara, St. Stephan und in der Silvesternacht. Doch auch in Bayern ist vor allem der Sommer die große Zeit der Bergmessen: Insgesamt fanden allein in der Erzdiözese München und Freising im Sommer 2018 rund 400 Bergmessen statt. Zu den beliebtesten zählen die Messen auf der Zugspitze (sonntags um 12 Uhr, nur bei schönem Wetter), auf dem Wendelstein (sonntags um 11 Uhr, bis Mitte Oktober), auf dem Wallberg bei Rottach-Egern (sonntags um 11.30 Uhr, bis September), auf dem Predigtstuhl bei Bad Reichenhall (jeweils am ersten Samstag des Monats um 11 Uhr, bis Oktober) und in St. Bernhard am Spitzingsee (sonntags um 11.30 Uhr, bis Oktober).

Auch die Evangelische Kirche in Bayern, die Mitte der 70er Jahre die Berge für sich entdeckt hat, bietet inzwischen rund 400 Berggottesdienste im Jahr an – inklusive Posaunenchor und Alphornbläsern. Und die Dresdner Hütte, in der sich seit 1927 ein katholischer Kapellenraum befand, hat nach Abriss der Hütte in den frühen 60er Jahren heute einen ökumenischen Andachtsraum. Auf die Demokratisierung der Bergbesteigung des 20. Jahrhunderts und ihren exklusiven Charakter im 18. und 19. Jahrhundert folgt so im 21. Jahrhundert ihre ökumenische Erschließung. Doch ob katholisch oder evangelisch: „Gott hat es uns in Bayern leicht gemacht. Er hat uns eine so schöne Welt geschenkt, ein so schönes Land, dass es leicht ist zu erkennen „Gott ist gut!“ – und darüber froh zu sein“, zitierte Pfarrer Josef Spitzhirn aus Bayrischzell Papst Benedikt XVI. in seiner Predigt am Dreifaltigkeitsgottesdienst anlässlich des Festgottesdienstes der 300-Jahr-Feier der Wendelinkapelle auf dem Wendelstein im vergangenen Sommer. Die 1718 von einem Bauern auf dem Gipfel des nach der Kapellenerrichtung benannten Wendelstein kann uns, so Pfarrer Spitzhirn, deshalb auch heute Ansporn sein, dem Glauben treu zu bleiben und ihn treu zu leben.

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