Lebensart

Benediktinerinnenabtei St. Hildegard: Klosterwein vom Rhein

Die Benediktinerinnenabtei St. Hildegard oberhalb von Rüdesheim am Rhein ist das einzige Klosterweingut in Deutschland, in dem Ordensfrauen aktiv mitarbeiten. Bei der Weinlese kann man mithelfen.
Schwester Petra und Schwester Thekla im Weinberg
Foto: Petra Jacob | Im Weinberg zuhause: Schwester Petra und Schwester Thekla.

In aller Herrgottsfrüh geht es los, mit dem Zug von Frankfurt nach Rüdesheim. Bereits hinter dem Bahnhof das erste Weinrebenfeld. Der gut vierzigminütige Fußmarsch geht vorbei an mondänen Weingütern hinter hohen Mauern, noch verschlossenen Weinlokalen und Souvenirläden hinaus aus dem Ort, dann zwischen den Weinbergen hoch zum Benediktinerinnenkloster St. Hildegard. Was für eine schöne Lage, der Blick zurück ins Tal, auf den Rhein.

Die Anweisung kam per Email aus dem Kloster: „Wer mitmachen möchte: Wir starten um 8.30 Uhr ab dem Kloster – an der Weinbergshalle.” Im Spätherbst ist die Zeit der Weinlese – und Helfer sind willkommen. Ein kleiner Trupp aus Männern und Frauen, jüngere und ältere, hat sich eingefunden. Zum Schluss stoßen zwei sportliche Frauen dazu. Die eine – in Jeans mit frechem Kurzhaarschnitt, auf dem Kopf ein buntes Hippie-Käppi – stellt sich als Schwester Thekla vor. Die zweite Frau als Schwester Petra. Sie freut sich auf die Weinlese, „eine Chance mal ohne Kopfbedeckung unterwegs zu sein“, gibt sie mit einem verschmitzten Lächeln bekannt. Die beiden Benediktiner-Ordensfrauen revidieren sofort das verstaubte Bild, das einige von uns Erntehelfern haben.

Klosterweingut mit Ordensfrauen als Mitarbeiterinnen

Es wird noch interessanter: Die Abtei St. Hildegard in Rüdesheim-Eibingen ist zudem das einzige Klosterweingut in Deutschland, in dem Ordensfrauen aktiv mitarbeiten. Das heißt, man trifft die Schwestern nicht nur im Weinberg an, sondern auch im Weinkeller – und das ist in Deutschland einmalig. Vor allem Schwester Thekla ist da etwas Besonderes, sie ist die einzige Winzerschwester Deutschlands. Dabei hatte die heute 56-Jährige, als sie 1991 in das Benediktinerinnenabtei eingetreten ist, mit Wein nichts am Hut. „Ich habe keinen Wein getrunken”, sagt sie. Trotzdem wurde sie von Beginn an für die Arbeit im Weinberg eingesetzt Das gefiel ihr so gut, dass sie sich als Winzergesellin ausbilden ließ. „In Geisenheim, nur eine Bahnstation von hier gibt es eine erstklassige Weinbauschule“, wie sie sagt. Heute leitet Thekla Baumgart, so ihr voller Name, gemeinsam mit Kellermeister Arnulf Steinheimer das Weingut der Benediktinerinnen. Bei der Weinlese, beim Vertrieb und Buchführung helfen auch andere Ordensfrauen mit, Schwester Thekla kümmert sich auch um die Kundenbetreuung, Marketing und Vertrieb, und im Klosterladen sieht man sie in der Vinothek.

Das klösterliche Weingut besteht schon seit dem Mittelalter. Bereits Hildegard von Bingen ließ – noch auf der anderen Seite des Rheins – auf dem Rupertsberg Wein anbauen. Es gibt Aufzeichnungen aus dem Mittelalter, die belegen, dass die Schwestern, die ins Kloster kamen, Weinberge als Mitgift mitgebracht haben. Der produzierte Wein war als Messwein gedacht. Als das Benediktinerinnenkloster St. Hildegard Rüdesheim-Eibingen gegründet wurde, gab es einen einzigen Weinberg. Heute sind es über sieben Hektar Rebflächen, darauf wachsen zu Prozent Rieslingtrauben, ansonsten Spätburgunder. Jedes Jahr werden bis zu 50 000 Flaschen Weine produziert, und inzwischen ist der Weinverkauf zu einer wichtigen Einnahmequelle für das Kloster geworden.

Der perfekte Zeitpunkt für die Lese

Der perfekte Zeitpunkt für die Weinlese ist, wenn Zucker und Säure in den Trauben im richtigen Verhältnis stehen. Erst bei voll ausgereiften Trauben bilden sich die typischen Aromen. Auch das Wetter muss passen. „Laut Wetter-App soll es erst ab Mittag regnen”, beteuert Schwester Theklas, „der Herrgott wird doch ein Erbarmen mit uns haben“. Begonnen hat die Lese mit der Sorte Spätburgunder Ende September. „Die ist immer als Erstes dran“, so Schwester Thekla. Für den Großteil der Trauben wird ein Vollernter eingesetzt, sagt sie. Doch an sehr steilen Stellen oder oder auf einem mit Maschinen schwer befahrbaren Gelände wie hinter der Klostermauer ist die Weinlese von Hand nötig. Und dafür werden auch immer wieder gerne Helfer und Helferinnen gesucht.

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Anfang Oktober, neben der Autorin sind unter anderem mit dabei: eine Dortmunderin, die bereits seit zehn Jahren zur Weinlese anreist, ein pensionierter Krankenhausabteilungschef und Mainzer Chorsänger, eine agile 81-jährige Klosterurlauberin, ein Pater und eine Lehrerin. Es weht ein frischer Wind, der Himmel ist wolkenverhangen, die Weinblätter noch feucht mit Morgentau – schon bald sind die Hände klamm. Der Weinberg, an dem gepflückt wird, ist besonders steil. Immer zwei Personen stehen sich an einer Rebzeile gegenüber, zwicken mit einer Schere die Trauben ab und lassen sie in Eimer fallen. Wenn sie voll sind, werden sie in große Plastikkörbe umgeschüttet, die von kräftigen Männern auf den Rücken durch die Reihen getragen werden. In einen „Legel”, wie die Tragekörbe im Rheingau heißen, passen bis zu 80 Kilogramm Trauben. Am Feldrand kippen die Männer das Erntegut auf einen Wagen, den ein Traktor später zum Weinkeller transportiert.

Viele Stammkunden

Der Herrgott hat Erbarmen: Die Ernte ist zu Ende und der Regen setzt ein. Das Ernteteam sitzt bereits im Klostercafé bei Flammkuchen und ist mit einer Flasche „Pilgertrunk” beschenkt. „Rheingau Riesling, silberne Preismünze vom Land Hessen, Landesweinprämierung“, steht auf dem Label. Anschließend Besuch im Weinkeller, wo der Wein „ausgebaut” wird, wie das Weinmachen heißt. Der am Vormittag handgelesene Riesling wird einmal eine „Domus Domini Riesling Spätlese trocken” und damit Teil der Klosteredition, verrät Winzermeister Steinheimer. Diesen Titel dürfen nur die besten Weine eines Jahrgangs tragen. Die bis zu 50 000 Flaschen Klosterwein pro Jahr werden in den Qualitäten QbA, Kabinett, Spätlese und Auslese produziert und in den Geschmacksrichtungen: 50 % trocken, 35 % halbtrocken, 15 % vollmundig-fruchtig. Der Weißwein reift in Edelstahltanks, Rotwein in Eichenholzfässern.

In der Vinothek im Klosterladen kann man sie probieren und auch kaufen, sowie über den Online-Shop des Klosters. Kunden sind Kirchengemeinden, Privatleute, sowie andere Klöster, die den Wein vertreiben, aber auch als Messwein einsetzen. Viele sind Stammkunden, wie Schwester Thekla verrät. Die St.-Hildegard-Weine sind sehr gut und werden immer wieder prämiert. Ein paar Tage später ein Dankesschreiben von Schwester Thekla an alle Helfer und Helferinnen. „Die Lese ist super gelaufen! Herzlichen Dank dafür! Es ist eine gute Spätlese mit 93 Oechsle geworden.”

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