Begehrenswerte Beute

Eine Reise nach Sewastopol auf die Halbinsel Krim – Allgegenwärtige Politik – Die Stadt zeigt sich irgendwo zwischen Aufbruch und Museum ihrer selbst

Herbst an der Uferpromenade in Sewastopol: Die Häuser im weißen Stalinbarock mit ihren Säulen und wuchtigen Fassaden werden von unten angestrahlt, Palmen wiegen sich im Wind. Die Stadt auf der Halbinsel Krim ist voller Denkmäler: Etwa zweitausend sollen es insgesamt sein, die überall in den Straßen stehen, die meisten davon zur Erinnerung an die militärische Vergangenheit. Und so stehen heute noch die Statuen von adeligen Generälen friedlich neben den heroisierenden Matrosen- und Rotarmistenstatuen aus der Sowjetzeit. Da gibt es an der Hafenpromenade eine mit einem Adler gezierte Säule, eines der zentralen Denkmäler von Sewastopol– Erinnerung an die russischen Schiffe, die während des Krimkrieges von 1854 bis 1856 in den Buchten versenkt wurden, um die alliierten Schiffe am Einlaufen zu hindern. Auf der anderen Seite – als Kontrast dazu – dann ein Denkmal aus der Sowjetzeit.

Die Stadt ist sauber, ihre Straßen breit, die großzügigen Plätze hell und die Häuser wirken jenseits der Trabantenstädte durchgehend vornehm, von Säulen gestützt, monumental wie etwa der „Club der Seeleute“. Oben weht die russische Flagge, darüber glänzt der Sowjetstern. Da treffen sich die russischen Seeleute, Offiziere wie Matrosen. Dennoch gibt sich Sewastopol den Fremden gegenüber distanziert: Noch gibt es keine Straßencafés, die als Anlaufpunkt dienen, keine Einkaufsmeilen mit einladenden Schaufenstern – eine Stadt, irgendwo zwischen Aufbruch und Museum ihrer selbst.

Besonders sehenswert sind die direkt am Meer gelegenen Ausgrabungsstätten der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden, im fünften vorchristlichen Jahrhundert gegründeten antiken griechischen Stadt Chersones, deren architektonische Überbleibsel noch heute von der damaligen kulturellen Blüte der Region künden. Hier, auf einem Hügel, befindet sich auch die prunkvolle, nach dem Kiewer Großfürsten Wladimir benannte Kathedrale, die im Jahr 1862 an der Stelle erbaut wurde, an der sich Wladimir taufen ließ. Begraben sind hier auch die vier Admirale Lazarev, Kornilov, Istomin und Nachimow, die während des Krimkrieges die Stadt Sewastopol verteidigt hatten. Außen erinnert eine schwarze Marmortafel mit ihren Namen und Daten daran. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Kirche komplett zerstört und 1966 wieder aufgebaut.

Rund 60 000 deutsche Soldaten bis 1944 auf der Krim gefallen

Im Krimkrieg wie auch im Zweiten Weltkrieg wurde Sewastopol von den Angreifern erobert und bei den Kampfhandlungen völlig zerstört. Vom Herbst 1941 bis April 1944 sind mindestens 60 000 deutsche Soldaten gefallen, die auf etwa 370 Soldatenfriedhöfen an verschiedenen Orten beerdigt wurden. Die meisten dieser Grabfelder sind oberirdisch nicht mehr zu erkennen und viele von Grabräubern geplündert worden. Über die Zahl der sowjetischen Opfer des Krieges auf der Krim gibt es keine gesicherten Angaben. Als Winston Churchill nach der Konferenz von Jalta im Februar 1945 die im Jahr zuvor zurückeroberte Stadt besuchte, meinte er, der Wiederaufbau werde fünfzig Jahre dauern. Stalin ließ die Stadt in nur fünf Jahren wieder aufbauen, in einem neoklassizistischen Prunkstil aus weißem Kalkstein. Sewastopol wurde als wichtiger Flottenstützpunkt bei der Zuteilung von Gütern bevorzugt und erhielt die Auszeichnung „Heldenstadt“.

Russische Schwarzmeerflotte wichtigster Wirtschaftsfaktor

Zwar ist die Krim heute Teil der unabhängigen Ukraine. Aber bis vor wenigen Jahren war Sewastopol militärisches Sperrgebiet. Noch immer liegt hier die russische Schwarzmeerflotte vor Anker. Die Pachtzahlungen machen ein Drittel des städtischen Haushalts aus. Doch wenn es nach dem ukrainischen Präsident Viktor Juschtschenko geht, muss sich der geschichtsträchtige Marinestützpunkt bald nach einer neuen Bestimmung umsehen. 2017 läuft der Pachtvertrag der Flotte ab. Dann sollen die russischen Schiffe verschwinden. Die Verfassung erlaube keine ausländischen Militärbasen auf ukrainischem Boden, argumentiert Juschtschenko. Die Flotte ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt. 40 000 Menschen arbeiten direkt oder indirekt für das Militär. Am meisten beeindrucken die schwarzen Kolosse der Atom-U-Boote, die wie aufgetauchte Wale anmuten. Einige der hier schwimmenden Waffenarsenale gehören jetzt der Ukraine, in langwierigen Verhandlungen den Russen abgekauft. Dort stehen unter blau-gelber Flagge Soldaten Wache am Bug, die Kalaschnikow quer vor der Brust. In diesen Tagen liegen die Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte dicht bei jenen der ukrainischen Flotte. Sie lassen sich einfach voneinander unterscheiden: Bei den ukrainischen Schiffen beginnt die Schiffsnummer mit einem großen lateinischen „U“, zusätzlich tragen sie die blau-gelbe Fähnchen der Ukraine und sind in der Regel in einem deutlich schlechteren Zustand als die russischen Schiffe.

Russland betrachtet die Krim nach wie vor als russisches Kernland. Und deshalb droht Moskau Kiew seit Monaten mehr oder weniger unverhohlen mit Sanktionen, falls die Ukraine der NATO beitreten sollte. Mal ist von russischen Raketen die Rede, die auf ukrainische Ziele ausgerichtet würden, mal von höheren Gaspreisen oder der Einführung von Reise-Visa für Ukrainer, die nach Russland wollen.

Aufhorchen ließ der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow Mitte Juni, als Sewastopol seinen 225. Geburtstag feierte. Luschkow trat als Gastredner auf und stellte dabei öffentlich die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine in Frage. Die Halbinsel, die der Ukrainischen Sowjetrepublik 1954 von Chruschtschow geschenkt wurde, sei nie offiziell an die Ukraine übergeben worden. Eine Meinung, die unter der mehrheitlich russischen Bevölkerung durchaus auf fruchtbaren Boden fällt. Tags darauf wurde er in Kiew zur Persona non grata erklärt und darf bis auf Weiteres nicht mehr in die Ukraine einreisen.

Mit den typischen Problemen einer postsowjetischen Gesellschaft hat auch die Krim zu kämpfen – Altersarmut, Korruption und extreme Landflucht. Vor allem aber gärt ein Nationenkonflikt zwischen Russen, Ukrainern und Krimtataren. Indiz dafür ist das Gezerre um die russische Schwarzmeerflotte. Nicht wenige ukrainische Politiker möchten die fremde Militärbasis lieber heute als morgen verschwunden sehen. Die ethnischen Russen fordern indes noch viel mehr: Sie kämpfen um die Loslösung der Krim von der Ukraine und den Anschluss an Russland. Die Duma in Moskau ist dabei Strippenzieher und heizt die Stimmung an. Was beide slawische Nationen – Russen wie Ukrainer – wiederum zusammenschweißt, ist die Angst vor den Krimtataren, die in Zukunft einmal die Mehrheit der Bewohner stellen könnten. Diktator Josef Stalin hatte sie 1944 aus ihrer Heimat vertrieben, wegen angeblicher, teils auch tatsächlicher Kollaboration mit den Deutschen. Aber seit der Perestroika kehren die Krimtataren zurück. Auf zwölf Prozent ist die Minderheit inzwischen angewachsen, und je mehr kommen, desto aggressiver wird die Stimmung. Vor allem geht es um Land, das die Krimtataren zurückfordern. Vor ihrer Vertreibung waren sie an der Südküste zu Hause. Eine warme, sonnige Gegend, in der ukrainische Oligarchen jetzt ihr Feriendomizil bauen. Die Forderung der Krimtataren nach Wohneigentum oder zumindest Baugrund erklärt sich aus der Situation der anderen Krimbewohner: Sie bekamen, sofern sie in der Stadt wohnten, die Wohnungen, die sie zu Sowjetzeiten mieteten, nach der Wende einfach geschenkt. Ähnlich bei den Bauern: Die Kolchosen verteilten – bevor sie sich auflösten – ihr Land unter den Mitgliedern.

Konflikt wegen Krimtataren, die ihr Land zurückfordern

Die Ungleichbehandlung schafft Frustration. Und Gewalt: Schlägereien zwischen tatarischen und russischen Jugendlichen nehmen zu. Bald könnte sich der Konflikt zwischen Krimtataren und Regierung zuspitzen. Das Parlament in Kiew hat ein Gesetz verabschiedet, das die illegale Inbesitznahme von Land ausdrücklich unter Strafe stellt. Zu fruchten scheint diese Drohung freilich wenig.

Die Krim – schon seit Menschengedenken ist die Halbinsel im Nördlichen Schwarzmeer wegen ihrer politisch, ökonomisch und strategisch günstigen Lage und den klimatisch vielfältigen Bedingungen eine begehrenswerte Beute. Nach dem russischen Einmarsch in Georgien könnte die Krim schon das nächste „Opfer des Kremls“ sein. Russland ist rigoros gegen einen NATO-Beitritt der Ukraine und Georgiens, weil es dadurch seine Sicherheit bedroht sieht. Indes geht durch die Ukraine ein tiefer Riss zwischen den prorussischen Regionen im Osten und Süden und den ukrainisch-nationalistischen Gebieten im Westen. Auch in der Georgien-Frage zeigt sich das Land gespalten. Während sich Juschtschenko bei einem Besuch in Tiflis demonstrativ an die Seite seines Freundes Saakaschwili stellte, blieb Regierungschefin Julia Timoschenko auf Distanz zu Georgien. Zudem wird die Krim nicht nur mehrheitlich von Russen bewohnt (etwa 60 Prozent der knapp zwei Millionen Einwohner sind russischer Abstammung, 25 Prozent sind Ukrainer, 12 Prozent Tataren), sondern auch von prorussischen Parteien regiert.

In Sewastopol selbst, das direkt Kiew unterstellt ist, sind etwa drei Viertel der rund 380 000 Einwohner Russen. Verunsichert hat auch das Gerücht, Russland habe nach dem Kampf um Südossetien damit begonnen, massenweise russische Pässe an ukrainische Staatsbürger russischer Nationalität auf der Krim zu verteilen. In Sewastopol, wo die russische Mehrheit am ausgeprägtesten ist, war niemand bereit, sich im Gespräch dieser Darstellung anzuschließen. Das Problem bestehe darin, dass die ukrainischen Gesetze keine Doppelbürgerschaft erlaubten, meint Fremdenführer Dimitri. In Sewastopol schätzt man die Zahl auf 17 000 Pässe. Dimitri behauptet, dass die von Moskau klar politisch motivierte und forcierte Abgabe russischer Pässe– allerdings gegen erhebliche Geldbeträge – bereits nach der ukrainischen Unabhängigkeitserklärung 1991 begonnen habe.

Ukrainische Sprachenpolitik ärgert russische Muttersprachler

Wichtiger als die Frage der russischen Pässe sei eine effektive Kontrolle der russischen Schwarzmeerflotte durch die ukrainischen Zoll- und Grenzbehörden, erklären Gesprächspartner auf der Krim. Gemäß internationalem Recht müssten sämtliche Schiffsbewegungen 72 Stunden vorher gemeldet werden. Im Falle der Bombardierung des georgischen Hafens Poti sei dies nicht der Fall gewesen. Überdies sei den Ukrainern die Kontrolle über die in Sewastopol stationierten russischen Kriegsschiffe über Jahre hinweg entglitten. Daraus ergäben sich Probleme wie Drogen- und Treibstoffschmuggel, unklare Geldströme und aus der Flotte entsprungene Immobiliengeschäfte. Wer sich allerdings unter den Journalisten dafür sowie für die Verbindungen zwischen russischer Schwarzmeerflotte und Stadtverwaltung zu sehr interessiere, der müsse mit nächtlichen Drohanrufen und auch tätlichen Angriffen rechnen. Dass der Kreml separatistische Strömungen auf der Krim finanziell unterstützt, ist ein offenes Geheimnis.

Die Konflikte schwelen auf der Krim gleich an mehreren Stellen: Vor allem die strenge Sprachenpolitik ärgert die Russisch-Muttersprachler. In den Schulen werden neuerdings immer mehr Fächer auf Ukrainisch unterrichtet. Radio und Fernsehen senden auf Ukrainisch. Russische Sendungen könne man nicht mehr empfangen, dafür sei eine Satellitenschüssel nötig. Und die sei kaum zu bezahlen, meint Fremdenführer Dimitri.

Themen & Autoren

Kirche