Berlin

„Ostern fällt nicht aus!“

In Corona-Zeiten sind Gefängnisse noch abgeriegelter als sonst. Doch die Seelsorge geht weiter.
Alexander Obst
Foto: Foto: | Zuversichtlich trotz Corona: Gefängnis-Seelsorger Alexander Obst. (Foto: privat)

Besuche in den Justizvollzugsanstalten werden ihrem Umfang nach auf monatlich zwei Stunden beschränkt. Zum Besuch wird grundsätzlich jeweils nur noch eine Person zugelassen. Jeglicher körperlicher Kontakt ist untersagt. Langzeitbesuche und sogenannte Meetings werden untersagt. Besuche im Justizvollzugskrankenhaus werden ihrem Umfang nach auf monatlich zwei Stunden beschränkt und nur noch für Schwerstkranke sowie Gefangene unter 16 Jahren zugelassen, allerdings nicht von Personen mit Atemwegserkrankungen. Der Zutritt Externer wird auf das unbedingt Erforderliche beschränkt. Besuche durch Vollzugshelferinnen und Vollzugshelfer entfallen. Ebenso finden keine Gottesdienste und Freitagsgebete mehr statt.“ So lauten die aktuellen Anweisungen des Berliner Justizsenators in Corona-Zeiten.

Seelsorger sind systemrelevant

Besondere Anforderungen also nicht nur für Gefangene und Justizbeamte, sondern auch für die Gefängnis-Seelsorger. Besuchsdelegationen, freiwilligen Vollzugshelfern und anderen freien Trägern, die Angebote in Gefängnissen anbieten, öffnet sich nun nicht mehr das Anstaltstor. Auch Journalisten müssen draußen bleiben. Seelsorger aber sind systemrelevant und dürfen weiterhin ins Gefängnis.

„Die Gespräche drehen sich natürlich sehr um die Situation, die wir weltweit haben. Die Ausbreitung des Corona-Virus. Die Männer, mit denen ich spreche, sind voll Sorge. Was passiert da, wie wird sich das weiter entwickeln? Wird dieses Virus auch zu uns in die Anstalt kommen?“, berichtet Alexander Obst.

Gespräche mit Sicherheitsabstand

Er ist katholischer Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, in der nur Männer einsitzen. Internet ist im Gefängnis verboten. Informationen gelangen in der Regel nur per Hörfunk, Fernsehen oder Zeitungen in die Anstalt. Es gebe aber darüber hinaus ein großes Informationsbedürfnis, wie es draußen genau aussieht, so Obst weiter: „Ich erzähle dann immer, wie ich es erlebe, wenn ich in die Anstalt fahre, dass die Straßen leer sind und dass die Menschen alle ganz ruhig bleiben und sehr besonnen sind. Ich möchte dazu beitragen, dass das so in der Anstalt auch ist, dass sie über ihre Sorgen sprechen können, dass sie sich stützen können. Dass sie spüren, sie sind nicht abgeschnitten von allem.“ Einzelgespräche finden also weiterhin statt. Nur sind auch Seelsorger potenzielle Virus-Überträger. Einen Mundschutz tragen sie bei ihren Besuchen zwar nicht. Aber Gespräche finden immer im Sicherheitsabstand statt.

„Wir sind angehalten, alle zwei Stunden mindestens die Hände zu waschen. Ich desinfiziere sie in regelmäßigen Abständen. Ich hatte jetzt ein Gespräch, wo man normalerweise näher herangehen würde, weil eine Person gestorben war. Trotzdem mussten wir bei diesem Gespräch eben diesen Mindestabstand einhalten. Und damit das Infektionsrisiko nicht besteht, bieten wir unsere Seelsorge-Gespräche auch draußen beim Spaziergang auf dem Gefängnisgelände an“, versichert Christina Ostrick, evangelische Seelsorgerin in der JVA Tegel.

Die Situation ist jetzt angespannter

Oder man spricht fernmündlich. Auf jedem Flur gibt es ein Stationstelefon, von dem aus die Gefangenen nach draußen telefonieren können. Denn Sonntags kann man sich vorerst nicht mehr begegnen. Gemeinschaftliche Gottesdienste in der Gefängniskirche finden aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr statt. Christina Ostrick hält nun Gebete, die durch Mauern wirken sollen: „Ich habe einen Ablaufplan geschrieben für eine Andacht und den per Briefumschlag weitergeben lassen. Und dann waren die Inhaftierten in der Zelle, haben von dort diese Andacht mitbeten können und ich war zu der gleichen Zeit in der Kirche und habe dort die Andacht gehalten. Das Vaterunser haben wir gemeinsam gebetet. Dazu haben die Glocken geläutet über die Dauer des Vaterunsers“, berichtet die Gefängnis-Seelsorgerin.

Seelsorge in Corona-Zeiten macht, so scheint es, erfinderisch. Andere Geistliche fordern die Gefangenen auf, in ihrer Zelle Bilder zu malen oder Gedichte zu biblischen Motiven zu verfassen. Das alles soll irgendwann später in der Anstalts-Kirche ausgestellt werden, später, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist und alle sich wieder persönlich begegnen können. Bis dahin aber gilt Krisenbewältigung. Im Gefängnis selbst ist die Situation angespannter als zu normalen Zeiten. Gegenseitige Infektionen müssen so weit wie möglich vermieden werden. Die tägliche Arbeit in den anstaltseigenen Werkbetrieben wurde heruntergefahren. Gruppen- und Mannschaftssport ist deutlich eingeschränkt.

Ab sofort gibt es auch keinen Besuch mehr in den sogenannten „Liebeszellen“, in denen einvernehmlich Intimitäten zwischen Gefangenem und Liebespartner ausgetauscht werden können. Besuche dürfen zwar weiterhin stattfinden. Allerdings nur zwei Stunden im Monat eine Person. So wie es gesetzlich als Minimum vorgeschrieben ist. Allerdings erlebt Seelsorgerin Ostrick die reduzierten Besuchszeiten nicht als Problem. Im Gegenteil würden viele Gefangene sehr gefasst auf die neue Situation reagieren.

Sorge um Angehörige draußen

„Die Inhaftierten machen sich natürlich Sorgen um die Angehörigen draußen. Interessanterweise sagen einige: Es ist eine so besondere Zeit. Ich verzichte auf Extrabesuche. Viele sind sehr vernünftig. Und sie bringen andere Inhaftierte, die das gerade nicht so verstehen, dann auch wieder etwas zur Ruhe“, berichtet Christina Ostrick.

Die Gefängnis-Seelsorger versuchen so oft wie möglich Orientierung zu geben. Letztlich geht es in der Pandemie auch um theologische Antworten in der Lebenskrise. Christina Ostrick: „Das Interessante ist für mich, wie Menschen mit dieser drohenden Krankheit, für einige schon tatsächliche Krankheit, umgehen. Wie man schaut, für andere da zu sein. Ich freue mich über die Nächstenliebe, die jetzt tatsächlich herrscht.“

Geistig verbunden

Und ihr katholischer Kollege Alexander Obst: „Wir können uns der Frage nicht entziehen, was Leid, Schmerz und Tod mit unserem Leben und mit dem Leben unserer Liebsten zu tun haben. Es gibt das Beispiel Jesu, der ja gerade im Neuen Testament diesen Irrtum versucht hat zu überwinden, dass Krankheit, dass Aussatz, Lepra, Tod Strafen Gottes sind. Sondern nein, Gott will, dass Du heil bist, dass Du gesund bist. Gott will, dass Du lebst!“

Und diese Botschaft will Seelsorger Alexander Obst gerade auch zu Ostern vermitteln. Karfreitag und Ostersonntag halten die Geistlichen Gottesdienste in der Gefängniskirche. Zeitgleich erhalten die Gefangenen ein kleines Andachtsblatt mit einem Bild aus Maria Laach, um so geistig miteinander verbunden sein zu können. „Ostern fällt nicht aus!“, versichert Alexander Obst.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Thomas Klatt Bibel Gefangene Gefängnisse Gottesdienste Infektionskrankheiten Jesus Christus Justizvollzugsanstalten Karfreitag Lebenskrisen Ostern Seelsorge

Kirche