Progromnacht

Mutige Helfer

Es gab heimliche Helfer: Wie die Neue Synagoge in Berlin vor der Zerstörung gerettet wurde.
Jahrestag der Pogromnacht
Foto: dpa | Heute ist Polizeischutz für die Synagoge in Berlin ganz normal. Das ist nicht nur ein gutes Zeichen. Es zeigt auch: Antisemitismus existiert immer noch.

Die „Neue Synagoge“ in der Oranienburger Straße, Berlin Mitte, setzt heute einen besonderen Akzent im Stadtbild der deutschen Hauptstadt. Die 1866 geweihte Synagoge war von Anfang an ein auffallendes Gebäude mit ihrem weithin leuchtenden goldverzierten Dach. Der „orientalische“ Charakter der Synagoge, der oft thematisiert wurde, beruht auf der bewussten Anlehnung an Elemente der Alhambra in Granada. Der geschichtsbewusste Betrachter fragt sich, wie ein so großes, ins Auge fallendes jüdisches Gebäude die Reichspogromnacht (euphemistisch Kristallnacht) am 9. November 1938, mit der die schlimmste Phase der nationalistischen Judenpolitik wenige Jahre vor dem eigentlichen Holocaust eingeleitet wurde, überstehen konnte. Eine bis heute umstrittene Anzahl von Juden kam bei diesem Pogrom ums Leben, Hunderte wurden in den Selbstmord getrieben, über 1 400 Synagogen und zahlreiche jüdische Geschäfte und Firmen wurden im ganzen Land zerstört. 30 000 Juden kamen damals bereits in Konzentrationslager. Vor diesem Hintergrund ist es umso erstaunlicher, dass gerade im Zentrum der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschland eine besonders große und sichtbare Synagoge damals nicht Opfer der Gewaltwelle wurde.

Mutiger Polizist

An jenem schicksalhaften 9. November 1938 steckten SA-Leute die Synagoge in Berlin-Mitte in Brand. Der Leiter des Polizeireviers 16, Wilhelm Krützfeld, trat ihnen mit seinen Leuten, die Waffe in der Hand, entgegen und konnte so die Zerstörung der Synagoge verhindern. Er veranlasste die Feuerwehr, den Brand zu löschen, obwohl im Vorfeld die Feuerwehrdienststellen die Weisung erhalten hatten, die im Rahmen des Pogroms entstandenen Brände nicht zu löschen. Krützfeld berief sich bei seiner Intervention darauf, dass die Synagoge seit langem unter Denkmalschutz stand.

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Im Kontext des NS-Staates war dies für einen Beamten ein äußerst couragiertes, fast waghalsiges Verhalten. Was geschah dem Polizeibeamten Krützfeld infolge seines Agierens? Wurde er aus dem Polizeidienst entfernt, verlor er seinen Beamtenstatus, kam er in ein Konzentrationslager? Nichts von alledem – als offizielle Disziplinarmaßnahme erhielt der Polizeioberleutnant lediglich eine verbale Rüge des Polizeipräsidenten. Die Frage drängt sich auf, ob Krützfeld wenn nicht die Unterstützung so doch die wohlwollende Protektion zumindest einiger Beamter der Berliner Polizeiführung genoss. Man schien sich Krützfelds Version, er habe im Einklang mit bestehenden Gesetzen als korrekter Beamter gehandelt, gerne angeschlossen zu haben. Freilich wurde Krützfeld im Anschluss versetzt, scheint auch Schikanen ausgesetzt gewesen zu sein und ging 1943 „aus gesundheitlichen Gründen“ in den vorgezogenen Ruhestand.

Heute wissen wir, dass die positive Rolle des Polizeioffiziers sich nicht auf die Rettung der „Neuen Synagoge“ beschränkte. Bekannt geworden ist, dass Krützfeld Juden vor ihrem bevorstehenden Abtransport gewarnt und so womöglich Leben gerettet hat.

Wilhelm Krützfeld wurde nicht vergessen

Als 1945 die vier Alliierten Berlin übernahmen, band man von Anfang an Deutsche in den Aufbau der Polizei ein. Doch war es schwer, unter den Polizisten aus der Nazizeit unbelastete Beamte zu finden – die meisten waren praktisch zwangsläufig mit dem NS-Regime verbunden. Wilhelm Krützfeld war damals der Mann der Stunde. Er war genau der Typ des korrekten, nicht korrumpierbaren Beamten, der gegenüber den Nazis eine couragierte Haltung eingenommen hatte und kein williger Helfer und Nutznießer eines Verbrecherregimes geworden war. Krützfeld wurde noch 1945 reaktiviert und später Leiter der Inspektion Mitte.

Drei Berlinerinnen retten Hans Rosenthal

Als er 1953 starb, wurde er in einem Ehrengrab der Stadt Berlin beigesetzt. An Krützfeld erinnert eine Gedenktafel an einem Haus neben der Neuen Synagoge, die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt worden war, aber wieder aufgebaut wurde. Auch in seiner Heimat Schleswig-Holstein hat man dem integeren, mutigen Polizeibeamten ein ehrendes Andenken bewahrt. 1993 wurde hier die Polizeischule Malente in „Landespolizeischule Wilhelm Krützfeld“ umbenannt. Ein Informationsblatt wurde verfasst, in dem die Bedeutung Krützfelds erläutert wird. An seinem 55. Todestag ehrte die Gemeinde Seedorf , wo Krützfeld 1880 geboren wurde, ihren Sohn 2008 mit einem Gedenkstein. In Berlin gibt es mehrere ähnliche Fälle von Menschen, die sich für Juden einsetzten und jüdische Leben retteten.

Wenn sie auch, wie beispielsweise Krützfeld, nicht ganz vergessen sind, so sind sie doch kaum im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Etwa Ida Jauch, Maria Schönebeck und Emma Harndt – sie ermöglichten dem später als Moderator und Entertainer in der Bundesrepublik sehr populär gewordenen Hans Rosenthal („Dalli,Dalli“ mit über 150 Ausgaben) das Überleben der NS-Zeit in der Kleingartenanlage „Dreieinigkeit“ im Berliner Bezirk Lichtenberg. Das ZDF jedoch behandelte Rosenthal, der zwar selbst überlebt, aber im Holocaust mehrere nahe Angehörige verloren hatte, nicht immer mit Takt und Feingefühl. Als seine Sendung „Dalli-Dalli“ auf den 40. Jahrestag des Pogroms vom 9. November 1938 fiel, lehnte das ZDF Rosenthals Bitte, den Sendetermin zu verschieben, ab. Rosenthal verstarb 1987 und ruht in einem Ehrengrab der Stadt Berlin im Jüdischen Friedhof Heerstrasse im Westen Berlins. Ida Jauch wurde 2015, über 70 Jahre nach ihrem Tod, in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Muslimischer Arzt und Retter

Unter den Menschen, die in Berlin Juden retteten, war auch der Arzt Muhammad Helmy, der 1922 zum Medizinstudium nach Berlin gekommen war und dann als Arzt in der Stadt blieb. Als muslimischer Ägypter unterstand er zwar gewissen Restriktionen, die aber nicht mit den Schikanen und Zwängen vergleichbar waren, unter denen Juden zu leiden hatten. Er durfte sogar als Arzt praktizieren. Anna Boros, eine 17-jährige deutsch-rumänische Jüdin, der die Deportation drohte, nahm er bei sich auf, obwohl er sich dadurch selbst in Gefahr brachte.

Seine Wohnung wurde durchsucht, aber immer wieder gelang es ihm in Gefahrensituationen, das Mädchen bei Freunden und Bekannten unterzubringen. Anna überlebte so den Naziterror und wanderte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die USA aus. Helmy blieb in Berlin und praktizierte weiter als Arzt. Er ist auch in Berlin bestattet. Erst 2014 wurde an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Krefelder Str. 7 in Berlin-Moabit eine Gedenktafel enthüllt. Im Jahr zuvor war Helmy als erster Araber in Israel als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet worden.

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