Würzburg

Technik von morgen: Videokonferenzen bleiben nützlich

Auch in der Krise braucht es Austausch und Koordination. Videokonferenzen ersetzen jetzt noch häufiger das klassische Meeting. Ein hilfreiches Format, das jedoch auch seine Grenzen hat.

Videokonferenz
Wegen der Corona-Maßnahmen sind viele Menschen ins Homeoffice gewechselt. Oft haben Videokonferenzen die vorherigen Meetings ersetzt. Im Blick auf personale und persönliche Angelegenheiten stößt dieses Format jedoch auch an seine Grenzen. Foto: Adobe Stock

Wenn es einen Bereich gibt, der den Digitalisierungsschub deutlicher als andere markiert, dann ist es die Videokonferenz. Programme wie Zoom boomten plötzlich. Viele Menschen verbrachten bis dato oft die Hälfte der Arbeitszeit in Zügen und Flugzeugen. Nun saß man im Homeoffice statt in der Business Class der Airline.

Meetings machte die Krise nicht überflüssig. Prozesse müssen koordiniert werden, auch wenn sie dezentralisiert verlaufen. Zeitungen entstehen dezentral. Redakteure sind im Homeoffice. Die Redaktionskonferenz ist ein Video mit kleinen Bildern statt mit echten Kollegen. Gleiches galt für Behörden, Hilfsorganisationen, Regierungen und andere Organisationen. Schnell war von einer neuen Wirklichkeit die Rede. Technisch Versierte „skypten“ schon lange. Google Hangout gab es seit 2013. Trotzdem nahmen bis dato auch technikaffine Menschen im Geschäftsleben die Mühe einer Reise auf sich. Die Videokonferenz ist nützlich und hinreichend für die meisten Alltagsgeschäfte. Sie reicht nicht, wo es um Vertrauen, Bildung von Vertrauen und Vertraulichkeit geht. Es gibt keine Verschlüsselung, für die nicht irgendwann mit krimineller Energie ein Nachschlüssel gebaut wird. Die Frage der Sicherheit stand immer im Raum. Wie gut funktioniert die Verschlüsselung wirklich? Die Frage bleibt so lange offen, bis einer das Leck gefunden hat.

„Video reicht nicht, wo es
personal oder persönlich wird“

Video reicht nicht, wo es personal oder persönlich wird. Auch technische Weiterentwicklungen, die das Video räumlich machen, reichen nicht aus. Facebook entwickelt in der Schweiz eine technische Umgebung für virtuelle Realität. Es braucht dafür eine riesige Datenbrille und sehr große Datenmenge. Die sinnliche Wahrnehmung dennoch ist sehr begrenzt. Diese Welt mag dreidimensional sein, doch hier riecht und schmeckt man immer noch nichts. Videokonferenzen sprechen nur zwei von fünf Sinnen an. Wir Menschen brauchen um sicher zu sein, Wahrnehmungen in allen fünf Sinnen. Der Volksmund sagt, man „rieche, dass da etwas faul sei“. Da ist etwas dran. Im Video riecht nichts. Soziologisch nehmen wir uns als Menschen in verschiedenen Gruppen wahr. Erst in der Gruppe finden wir unsere Rolle. Isoliert vor Kamera und Bildschirm sind wir nur Schauspieler. Nicht jeder will das. Unsere Welt ist dreidimensional. Das ist keineswegs völlig nebensächlich. Wir nehmen uns in unserer Umwelt mit allen Sinnen in der jeweiligen Gruppe wahr. Bei Zoom ist die Umwelt immer noch das Homeoffice.

Hilfreich, aber nicht störungsfrei

Die Videokonferenz kann viel. Man kann sich sehen und hören, man kann in Echtzeit an gemeinsamen Dokumenten arbeiten, Präsentationen vorführen. Unterschiedliche Sozialformen wie Gesprächsrunde oder Vortrag sind möglich. Was es zu einer Videokonferenz braucht, ist in nahezu jedem Haushalt vorhanden. Ein Laptop oder ein Tablet reichen aus. Warum soll man das Haus noch verlassen? Der Grund ist das Umfeld, im dem wir gerade sind. Dieses fordert immer noch Aufmerksamkeit. Mütter mit Kindern im Homeoffice können davon ganze Opern singen. Ein Konferenzraum ist deutlich störungsfreier als die Videokonferenz.

Bei allem zu erwartenden Fortschritt bleibt eine mit allen Sinnen räumlich wahrnehmbare virtuelle Welt, die volle soziale Interaktion ermöglicht, vorläufig noch der Science-Fiction- Literatur vorbehalten. So ist die Videokonferenz auf absehbare Zeit ein nützliches zweidimensionales Hilfsmittel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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