Würzburg

Klassiker unter Verdacht

Die Debatte um strukturellen Rassismus hat auch Hollywood erreicht: Einige Film- und Serienklassiker wurden vorerst aus dem Programm genommen.

"Vom Winde verweht"
Als erste Afroamerikanerin hat Hattie McDaniel (rechts) für ihre Nebenrolle in "Vom Winde verweht" einen Oscar erhalten. Nun hat die US-Streamingplattform HBO Max den Filmklassiker im Zuge der aktuellen Rassismusproteste aus dem Programm genommen. Foto: akg-images

In den USA und zunehmend auch diesseits des Atlantiks ziehen die Anti-Rassismus-Proteste auf den Straßen Washingtons, New Yorks, Londons oder Berlins infolge des mutmaßlichen Mordes am Afroamerikaner George Floyd durch einen weißen Polizeibeamten immer weitere Kreise. Denn die Debatte über strukturellen Rassismus in der amerikanischen Geschichte und Öffentlichkeit hat mittlerweile auch Hollywood sowie die europäische Medienlandschaft und dessen film- und popkulturelles Erbe erreicht.

Nun hat die US-Streamingplattform HBO Max wegen der anhaltenden Proteste – die auch maßgeblich durch führende Vertreter der Film- und Musikindustrie unterstützt und befeuert werden – den Filmklassiker „Vom Winde verweht“ aus seinem Programm genommen. „Vom Winde verweht“ ist nicht irgendein Film: Das Bürgerkriegs- und Liebesepos mit Clark Gable und Vivien Leigh aus dem Jahre 1939 gilt als einer der bedeutendsten Filme aller Zeiten, wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet (inklusive eines Academy Awards für Hattie McDaniel als bester Nebendarstellerin, dem ersten Oscargewinn für eine Afroamerikanerin) und gilt inflationsbereinigt bis auf den heutigen Tag als kommerziell erfolgreichster Streifen der Filmgeschichte. Ein Film also, der eigentlich als unantastbar gelten sollte. Doch schon lange wird der Film wegen seiner vielfach als unhistorisch geltenden Darstellung zufriedener Sklaven und heldenhafter Sklavenhalter sowie der allgemeinen Verherrlichung des „Alten Südens“ kritisiert.

Das problematische historische Erbe diskutieren

In der Los Angeles Times forderte deswegen der afroamerikanische Regisseur und Drehbuchautor John Ridley in einem Gastbeitrag HBO Max dazu auf, „Vom Winde verweht“ solange aus dem Angebot zu nehmen, bis im Rahmen einer Diskussion dessen problematisches historisches Erbe allgemein bekannt gemacht werde. Die Reaktion auf die Kritik von Ridley, selbst Oscargewinner für sein Drehbuch zum Historiendrama „12 Years a Slave“, welches die wahre Leidensgeschichte des Südstaaten-Plantagensklaven Solomon Northup schildert, folgte umgehend. WarnerMedia, die HBO Max betreibt, nahm „Vom Winde verweht“ aus dem Angebot. Der Film „ist ein Produkt seiner Zeit und zeigt einige der ethnischen und rassistischen Vorurteile, die in der amerikanischen Gesellschaft leider alltäglich waren“, sagte ein HBO Max-Sprecher in einer Erklärung der Nachrichtenagentur AFP. „Diese rassistischen Darstellungen waren damals falsch und sind heute falsch.“ „Vom Winde verweht“ solle zu einem späteren Zeitpunkt auf die Plattform zurückkehren, dann aber, ganz im Sinne Ridleys, eingebettet in seinen historischen Kontext, erklärte HBO Max.

Diese Entscheidung stößt innerhalb Hollywoods auf große Zustimmung – jedoch nicht ausnahmslos. Der afroamerikanische Filmemacher und Oscarpreisträger Spike Lee („Do The Right Thing“, „BlacKkKlansman“), sonst nie verlegen um klare Worte gegen Rassismus und Ungerechtigkeit, hält beispielsweise nichts davon, Filmklassiker mit problematischem Inhalt im Giftschrank verschwinden zu lassen: „Ich denke, dass dieser Film weiterhin gesehen werden sollte“, sagte Lee in einem Interview mit „The View“. Und er geht sogar noch weiter: „Ich denke sogar, dass einer der rassistischsten Filme aller Zeiten, „The Birth of a Nation“ von D. W. Griffith (Anmerkung der Redaktion: Film aus dem Jahr 1915, in dem der Klu Klux Klan glorifiziert sowie die angebliche Überlegenheit weißer Menschen gegenüber Farbigen ungeschminkt propagiert wird) gezeigt werden sollte. Ich zeige den Film in meinen Filmkursen an der New York University im Rahmen meiner Gastprofessur.“

„Wenn man einmal damit begonnen hat,
Filme aus historischen Gründen aus dem Verkehr zu ziehen,
dann wird das eine sehr große Menge an Filmen sein,
die auf dieser Liste Platz finden“
Whoopi Goldberg

Auch die beliebte Schauspielerin und Oscarpreisträgerin Whoopi Goldberg („Sister Act“, „Ghost – Nachricht von Sam“) teilt die Skepsis von Spike Lee, Filme oder Serien mit zweifelhaftem Inhalt der Öffentlichkeit vorzuenthalten: „Wenn man einmal damit begonnen hat, Filme aus historischen Gründen aus dem Verkehr zu ziehen, dann wird das eine sehr große Menge an Filmen sein, die auf dieser Liste Platz finden. Dazu würden dann beispielsweise auch alle Blaxploitation-Filme (Anmerkung der Redaktion: Filme wie „Shaft“ oder „Cleopatra Jones“ mit afroamerikanischen Schauspielern in den Hauptrollen, die besonders in den 1970er Jahren populär waren und oftmals reißerische Inhalte hatten) auf dieser Liste stehen, denn diese repräsentieren uns Afroamerikaner ebenfalls nicht auf die richtige Weise.“

Von Los Angeles nach London: Auch die BBC überprüft mittlerweile ihre Inhalte auf rassistische Tendenzen und hat nun bei einer großen britischen Serieninstitution, zumindest ein bisschen, Hand angelegt: der legendären Comedyserie „Fawlty Towers“. Die von Monty Python-Urgestein John Cleese konzipierte und erstmals 1975 ausgestrahlte Hotel-Serie wurde erst 2019 durch das Medienmagazin „Radio Times“ zur besten britischen Sitcom aller Zeiten gekrönt – doch nun wurde eine Episode aus dem Streamingangebot des BBC-eigenen Anbieters UKTV gestrichen. Dabei handelt es sich ausgerechnet um „The Germans“, eine der beliebtesten Folgen der zwölfteiligen Serie, die die bekannte Szene enthält, in der John Cleese als Basil Fawlty im Stechschritt um sein Hotel, in dem er deutsche Gäste bewirtet, marschiert und den Satz „Don't mention the war!“ skandiert. Jedoch nicht wegen dieser Szenen, so UKTV, sei die Folge aus dem Netz genommen worden, sondern wegen einer Unterhaltung über ein multinationales Cricket-Team zwischen Basil Fawlty und einem Hotelgast, Major Gowen (Ballard Berkeley), in welcher rassistische Ausdrücke fallen.

„Wenn einige wenige sich aufregen, wird diesen
nach dem Mund geredet, anstatt, wie es vor 30 oder 40 Jahren
noch üblich war, standhaft zu bleiben“
John Cleese

Sir John Cleese nimmt der BBC die (vorläufige) Streichung der „The Germans“-Folge ziemlich übel. In einem Interview mit der australischen Tageszeitung „The Age“ bezeichnete er die Entscheidung der BBC als „dämlich“ und unterstellte den handelnden Personen „Gefallsucht“ sowie „an ihren Jobs zu hängen“. „Eines der Dinge, welches ich in den letzten 80 Jahren gelernt habe, ist, dass Menschen jeweils ein ganz unterschiedliches Humorverständnis haben. Nicht jeder versteht anscheinend, wenn du bestimmten Charakteren sinnlose Worte in den Mund legst, um diese zu veräppeln – und nicht, um deren Ansichten zu teilen.“

Cleese fügte mit Blick auf die gegenwärtig aus dem BBC-Programm genommene Folge hinzu: „Der Major sollte absichtlich als ein altes Fossil erscheinen, das die Jahrzehnte überdauert hat. Wir unterstützten nicht seine Ansichten, sondern machten uns über diese lustig. Was soll man dazu sagen, wenn manche Menschen zu dumm sind, so etwas nicht zu erkennen?“ Sein Urteil über die Art und Weise, mit der die gegenwärtig Verantwortlichen auf Kritik an älteren Filmen und Serien reagieren, die einer bestimmten gesellschaftlichen Strömung als zu anstößig gelten: „Wenn einige wenige sich aufregen, wird diesen nach dem Mund geredet, anstatt, wie es vor 30 oder 40 Jahren noch üblich war, standhaft zu bleiben.“

Die drastischen Worte der 80-jährigen Comedy-Ikone zeigten Wirkung: Die BBC kündigte an, besagte Folge schnellstmöglich wieder in ihrem Streamingprogramm anzubieten. Und auch „Vom Winde verweht“ erlebt seit kurzem ein erstaunliches Comeback: Nur einen Tag nach seiner Streichung bei HBO Max wurde der Film auf Platz 1 der Film- und TV-Charts bei Amazon gelistet. Das Publikum denkt anscheinend genauso wie Spike Lee, Whoopi Goldberg und John Cleese.

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