Berlin

Ein falscher Priester täuscht die Gemeinde

Der Spielfilm „Corpus Christi“ gibt sich nicht als offen antikatholisch. Aber die angebliche Feier der Heiligen Messe und die Spendung der Beichte durch einen Betrüger sind für gläubige Katholiken schmerzlich.

Ein falscher Priester
Das liturgisches Gewand macht keinen Priester: Der Film "Corpus Christi" basiert auf dem Betrug eines jungen Mannes an einer Gemeinde. Foto: Arsenal

Kein Priesterseminar nimmt Straftäter auf“, sagt lapidar der Gefängnispfarrer, als Daniel (Bartosz Bielenia) aus dem Jugendgefängnis entlassen wird. Vorher haben Drehbuchautor Mateusz Pacewicz und Regisseur Jan Komasa in ihrem Spielfilm „Corpus Christi“ den jungen Mann als eifrigen Messdiener bei einem Gottesdienst gezeigt. Die Bekehrung, die Daniel allem Anschein nach in der Justizvollzugsanstalt erlebte, weckte in ihm offensichtlich den Wunsch, Priester zu werden.

Aus Daniels Wunsch soll also nichts werden. Stattdessen wird er in einem Sägewerk in einer kleinen Stadt „am anderen Ende des Landes“ erwartet, wo der junge Mann eine Stelle antreten soll. Eher zufällig gibt sich Daniel als Priester aus, da er praktischerweise ein schwarzes Priesterhemd mit weißem Kollar bei sich trägt.

Was ist ein falscher Priester und was nicht?

Dass sich jemand als katholischen Priester ausgibt, kommt häufiger vor, als man denken könnte. „Der Spiegel“ etwa berichtete im November 2010 von einem 84-jährigen Sozialhilfeempfänger, der 20 Jahre lang jeden Sommer die Urlaubsvertretung des Pfarrers in einem kleinen Dorf nahe Padua übernommen habe. Komplizierter ist da der Fall eines Kolumbianers, der drei Monate lang eine Pfarrstelle in einer südspanischen Kleinstadt innehatte, bis sich im Februar 2019 herausstellte, dass seine Priesterweihe – die er von einem inzwischen verstorbenen Bischof in dessen Privatkapelle erhalten zu haben vorgab, wobei es dazu offenbar Bilder gibt – nirgends verzeichnet ist. In dem einen Fall kann mit Fug und Recht von „falschem Priester“ die Rede sein, in dem anderen ist die Lage allerdings nicht so eindeutig.

Wie auch immer: Ihr Spielfilm „Corpus Christi“ beruhe „auf wahren Begebenheiten“, so die Filmemacher. Dazu führt Jan Komasa aus: „Es gab in Polen tatsächlich den Fall eines Jungen, der sich drei Monate als Priester ausgab. Sein Name war Patryk und er war zu der Zeit wahrscheinlich 19 Jahre alt.“ Der junge Mann habe Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gefeiert. „Er war fasziniert von all dem und wollte wirklich Priester werden. Also haben wir den Film auf seine Geschichte gestützt.“
Dass in dem Film erst nach einem Vorfall irgendjemand – ein Polizist – auf den Gedanken kommt, den im Priesterhemd auftretenden Daniel nach seinem Dienstausweis zu fragen, mag zwar verwundern. Ebenso, dass sich der alte Pfarrer sowie die Gemeindemitglieder einschließlich der Küsterin (Aleksandra Konieczna) einfach überrumpeln lassen. Solche Fälle – siehe oben – gibt es jedoch in der Wirklichkeit.

Die Nebenhandlung webt das Fundament der Geschichte

Drehbuchautor Mateusz Pacewicz verknüpft die Haupthandlung mit einer Tragödie, die sich ein Jahr zuvor in der Kleinstadt ereignete: Ein Mann mittleren Alters stieß mit einem Auto frontal zusammen, in dem sechs Jugendliche saßen. Alle sieben starben bei dem Unfall. Oder war es kein Unfall? Wenn auch die Polizei die Ermittlungen abgeschlossen hat, bleiben viele Fragen offen. Die Angehörigen der sechs Jugendlichen stellten jedenfalls eine Erinnerungswand auf, in der aber der Mann, der das andere Auto fuhr, keinen Platz finden darf. Seine Witwe lebt seitdem zurückgezogen, von den anderen ausgeschlossen.

Diese Nebenhandlung erlaubt den Filmemachern, das „segensreiche“ Wirken des falschen Priesters darzustellen. Denn vorhersehbarerweise erreicht er hier eine Versöhnung, die der alteingesessene Pfarrer nicht geschafft hatte. Auch wenn dies nicht besonders dick aufgetragen wird, stimmt es mit der Aussage des Regisseurs überein, wenn er über den echten Fall des jungen Patryk erzählt: „Es entstand eine Kontroverse, als sich herausstellte, dass Patryk viel effizienter war, als sein Vorgänger. Das ist es – er war jemand von außerhalb der Kirche, der nicht viel auf die Dogmen der Kirche gab und die Leute waren mit seiner Arbeit zufrieden! Später fühlten sich einige betrogen, aber er schaffte es, viele neue Gläubige anzuziehen.“

„Ehrlich gesagt bevorzuge ich es, ,Corpus Christi‘ als protestantischen Film zu sehen“

Damit spricht Jan Komasa eines der offenkundigen Anliegen seines Filmes an, das sich allerdings ziemlich abgedroschen ausnimmt: Daniel, „der nicht Jahre im Priesterseminar verbracht hat und nicht wirklich an den kirchlichen Institutionen beteiligt ist“, spreche den Menschen „direkt aus dem Herzen“, so der Regisseur. Mit „Corpus Christi“ mag Regisseur Jan Komasa zwar keinem offenen antikatholischen Affekt folgen. Wenigstens erklärt er aber selbst: „Ich möchte nicht, dass mein Film als ein weiterer Beitrag zu unserem problematischen polnischen Katholizismus betrachtet wird. Ehrlich gesagt bevorzuge ich es, ,Corpus Christi‘ als protestantischen Film zu sehen.“

Wohl deshalb verlegen die Filmemacher den Mittelpunkt in die Handlung mit dem Verkehrsunfall. Dadurch konzentriert sich der Film insbesondere auf die Verarbeitung der Vergangenheit und auf die damit einhergehende Versöhnung, die sich wiederum in der Vergangenheitsbewältigung durch Daniel widerspiegelt. Dennoch: Die Szenen, in denen der junge Mann vorgibt, die Heilige Messe zu feiern oder auch die Beichte zu spenden, sind für gläubige Katholiken besonders schmerzlich, ja kaum erträglich

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.