Carol Stream

Ein Evangelikaler steigt aus

Es brodelt in der evangelikalen Szene: Der bekannte US-Pastor, Chef-Redakteur und Trump-Kritiker Mark Galli wurde am Sonntag in die katholische Kirche aufgenommen.

AUGUST 22 2017 PHOENIX AZ U S Reverend Franklin Graham appears at President Donald J Trump crow
Franklin Graham betet bei einem Wahlkampf von Trump. Foto: imago images

Anfang Januar saß der damalige Chefredakteur des größten evangelikalen Magazins der USA, „Christianity Today“, noch in seinem Büro. Die Wand zierten drei Kreuze: das Franziskus-Kreuz, das Jerusalemer-Kreuz und das der russisch-orthodoxen Kirche, was ungewöhnlich ist für einen Freikirchler. Damals wussten die meisten noch nicht, dass Galli sich schon bald nicht nur mit dem Herzen, sondern mit Haut und Haar der katholischen Kirche verpflichten würde. Wie kam es dazu?

„Ich war erstaunt, dass dieselbe Kirche beide,
Franziskus und Papst Johannes Paul II.,
hervorbrachte.“

Als einen „Wendepunkt“ nennt Galli jedenfalls seine Recherchen für einen Artikel über das Leben des Franz von Assisi, der als Buch veröffentlicht wurde und 2008 in deutscher Sprache im Herder-Verlag erschien. Zugleich las er die Enzyklika „Der Glanz der Wahrheit“ von Papst Johannes Paul II. Was ihn faszinierte, war die Gegensätzlichkeit dieser beiden Heiligen. In einem Interview mit dem von US-Bischof Barron gegründeten „Word on Fire“-Institut erklärt er: „Ich war erstaunt, dass dieselbe Kirche beide, Franziskus und Papst Johannes Paul II., hervorbrachte.“

Beschäftigung mit den katholischen Mystikern

Der Journalist beschäftigte sich in den darauffolgenden Jahren mit den katholischen Mystikern und tauchte ein in die Welt der orthodoxen Kirche. „Ich war auf der Suche nach Etwas, was mir mein evangelikaler Glaube nicht geben konnte“, meint er rückblickend. Seine neuen Erkenntnisse spiegeln sich in dem Titel seines 2008 erschienenen Buchs „Mehr als Weihrauch und Glocken: Das Wunder und die Kraft der christlichen Liturgie“. Noch immer unbefriedigt, las Galli Schriften Martin Luthers und Karl Barths über die Gnade – um zu dem Fazit zu gelangen: „Ich erkannte, dass Katholiken an eine Gnade glauben, die radikaler ist als das radikale lutherische Sola Scriptura.“

Zum Journalismus ist der heute 68-Jährige eher zufällig gestoßen. Neben seinem Vollzeit-Job als Pastor schrieb er Artikel für das „Leadership Journal“, ein Magazin für Pastoren und Ableger des Mutter-Verlags „Christianity Today“. Dieses wurde 1956 von Billy Graham, einem der einflussreichsten christlichen Evangelisten des 20. Jahrhunderts, gegründet. Mit einer monatlichen Auflage von 130 000 Exemplaren handelt es sich um das größte und prominenteste evangelikale Medium. Die Zeitung „The Washington Post“ bezeichnete die Zeitschrift 2015 als „das Aushängeschild-Magazin der evangelikalen Bewegung“. Billy Graham, der ein guter Freund von Martin Luther King und geistlicher Berater von US-Präsidenten war, wollte mit „Christianity Today“ einen Kontrapunkt setzen zu dem Magazin der „mainline“- Protestanten, die bis Mitte der 1950er Jahre die Mehrheit der evangelischen Christen in Amerika bildeten. Graham lag es daran, konservative, Bibel-basierte theologische Positionen zu stärken, die er bei den „mainline“-Protestanten zugunsten pluralistischer und säkularer Standpunkte als zunehmend verloren- gehend wähnte. In sozialen Fragen sollte „Christianity Today“ aber liberale Meinungen einnehmen.

Wie weit darf ein christliches Blatt „liberal“ sein?

Wie weit diese gehen dürfen, ist spätestens seit Gallis umstrittenen Trump-Artikel ein Zankapfel unter Evangelikalen. Im Dezember 2019 hinterließ Galli dem Magazin als „Abschiedsgeschenk“ nach über sieben Jahren als dessen Chefredakteur einen Leitartikel mit dem provozierenden Titel „Trump sollte seines Amtes enthoben werden“. Der Anlass war das Amtsenthebungsverfahren, das gegen den Präsidenten aufgrund vorgeworfenem Amtsmissbrauch eingeleitet wurde. Der kurz vor der Rente stehende Galli betonte Trumps riskierten Verstoß gegen die Verfassung, indem dieser versuchte, sich durch Gegenleistungen Vorteile bei der Präsidentschaftswahl 2020 zu verschaffen. Dies ist laut dem Journalisten aber nur der Gipfel des Eisbergs der Trumpschen Unmoral. Er zählt unter anderem seine groben Verfehlungen in seinen Businessgeschäften sowie in seinen Beziehungen zu Frauen auf, die der Präsident zwar zugegeben hat, auf die er aber stolz bleibt. Seine Anti-Abtreibungseinstellungund sein Einsatz für Religionsfreiheit machten seine groben unmoralischen Fehltritte nicht wett. Mark Galli schlussfolgert, dass der US-Präsident „dem Ruf unseres Landes und dem Geist und der Zukunft unserer Bürger schadet“. In einem Land, wo laut dem „Pew Research Center“ über 80 Prozent aller evangelikalen Christen bei der Wahl 2016 für Trump stimmten, ist bei solchen Aussagen mit Konsequenzen zu rechnen.

Die Reaktionen auf den Artikel waren überwältigend: Die Website des Magazins brach kurzzeitig ab, da sie von Lesern überflutet wurde wie nie zuvor. Galli erhielt unzählige Nachrichten, in denen Leute Solidarität mit seinem Artikel bekundeten, ausdrückten, wie alleine sie sich mit ihrer Meinung gefühlt hätten und wie lange sie gewartet hätten, dass sich ein evangelikaler Leiter kritisch dem US-Präsidenten gegenüber äußert. Natürlich fielen die Kommentare nicht nur positiv aus. 200 einflussreiche Evangelikale unterschrieben einen Brief, der sich gegen Gallis Artikel und gegen das Magazin wendet.

Billy Graham wählte Trump

Trump reagierte auf seinem Twitter-Kanal und bezeichnete den ehemaligen Chefredakteur als „linksradikalen Ungläubigen“. Auch Grahams Sohn Franklin kommentierte das Geschehen, indem er preisgab, dass sein 2018 verstorbener Vater Trump wählte und ihn als „Mann der Stunde“ pries.

Die mediale Aufregung rund um den „Ex-vangelikal“ ist nun verklungen. Die Frage des „New York Times“-Magazin, ob er sich in seiner Pension politisch betätigen möchte, verneint dieser. Für Galli rücken nun andere Dinge in den Fokus: Am Sonntag wurde er offiziell Teil der Una Sancta. Als seinen Firmnamen wählte er Franziskus, nach dem Heiligen, der sich mit ihm vor über zehn Jahren auf den Weg in die Kirche begab.

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