Berlin

Der Dicke Hund: Journalismus, der sich selbst amputiert

Politisches Diktat triumphiert über Fakten: Der Kisch-Preisträger und Reporter Birk Meinhardt schreibt in einem neuen Buch über die Missstände im Journalismus.

"Lügenpresse"
AfD-Mitglieder halten bei einem Protest ein Schild mit der Aufschrift "Lügenpresse". Die Kritik am Journalismus in Deutschland kommt jedoch nicht nur von rechts. Foto: Bernd Wüstneck (dpa-Zentralbild)

Lügenpresse. Wer dieses Wort sagt, macht sich unmöglich. Transportiert wird mit dem „bösen“ Wort ein böser Vorwurf, nämlich der, dass Nachrichten und andere Informationen mehr und mehr zur Manipulation benutzt werden. Durch Verschweigen. Durch Weglassen. Durch Einseitigkeit. Durch Klischeebedienung. Durch In-Dienst-Stellen für die (vorgegebene?) Political correctness. Lügenmedien? Oder „nur“ Lückenmedien?

Zur Erinnerung: Was ist denn die Aufgabe von Journalisten? Früher hätte man wohl unwidersprochen antworten können: unabhängig zu informieren. Damals wusste man noch, dass es zur wahrgenommenen Verantwortung eines der Freiheit und der Demokratie dienenden Journalisten gehört, zwischen Nachricht und Kommentar zu unterscheiden, oder besser: unterscheiden zu können. Zur Ausbildung guter Journalisten, die das Privileg haben, einen der freiesten und interessantesten Berufe ausüben zu dürfen, gehörte die Trennung von möglichst objektiver Nachricht und möglichst subjektiver Kommentierung. Erkennbar für jedermann. Erkennbar vor allem für die Mediennutzer, die sich aufgrund möglichst umfassender Informationen als Selbstdenker unbevormundet ihr eigenes Urteil bilden können sollten.

Haltung statt Recherche ist keine journalistische Qualität

Der Vorwurf der Lückenpresse bekommt nun fundierte Nahrung und kommt keineswegs aus der bösen braunen Ecke. Der Kisch-Preisträger und Reporter Birk Meinhardt beschreibt in einem neuen Buch („Wie ich meine Zeitung verlor“) detailgetreu, was falsch läuft im Journalismus und warum er „seiner“ Süddeutschen Zeitung den Rücken kehrte, oder genauer: kehren musste. Mehrfach erlebte er, dass eine Reportage mit vielen Fakten nicht gedruckt wurde, weil sie wohl nicht passte ins politische Diktat. Etwa jene, bei der über zwei zu Unrecht verurteilte Rechtsextreme im Osten berichtet wurde. Oder die andere über die katastrophalen Folgen des Investment-Bankings bei der Deutschen Bank.

Der 1959 in der „DDR“ geborene Journalist hatte gleich mehrfach ein „Déja-vu“: In der FDJ-Zeitung hatte man ebenfalls einst missliebige Artikel abgelehnt, da sie dem Klassenfeind in die Hände spielen könnten. So wie jetzt ein Beitrag „von Rechten als Testat dafür genommen werden“ könnte, dass sie ungerechtfertigterweise verfolgt würden. Sei es da nicht eine Konsequenz, dass die Weglasser und Ausblender selbst zur Radikalisierung beitragen und „ohne Unterlass mit erzeugen, was sie dröhnend verdammen?“ Ist es nicht gefährlich und fatal, wenn bereits jede Differenzierung „als Verharmlosung abqualifiziert“ werde? Qualitätsmedien?

„Weglassen statt Fakten. Meinung
statt Aufklärung. Haltung statt Information“

Haltung statt(!) Recherche, das ist keine journalistische Qualität. Aber genau das passiert, wenn Journalisten nicht mehr wissen, dass sie der Freiheit in Verantwortung für Fairness und Gerechtigkeit, für Unabhängigkeit und Informationskorrektheit verpflichtet sind. Sie sind, auch wenn das Mitglieder dieser Zunft nicht mehr wissen wollen, eben keine zum Moralinsauren berufene Prediger, sondern letztlich Aufklärer. Scheren im Kopf? Mainstream und parteipolitische Diktate machen unfrei, vernebeln, machen abhängig und mental blind.

Weglassen statt Fakten. Meinung statt Aufklärung. Haltung statt Information. Vom Vorsokratiker Epicharmos (550–460 v. Chr.) stammt die Erkenntnis, die auch der ehemalige SZ-Mann zitiert: „Nüchternheit und Misstrauen, das sind des Geistes Arme.“ Wenn jetzt aus berufenem Munde bestätigt wird, dass es zumindest eine gewollte Lückenpresse gibt und sich der Journalismus offenbar selbst amputiert hat, dann ist das ein demokratiegefährdender bedenklich Dicker Hund.

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