München

Der Dicke Hund: Die SZ und die Sache mit den Bildern

Die Süddeutsche Zeitung nimmt den 150-jährigen Jahrestag des Unfehlbarkeitsdogmas zum Anlass, um der Kirche einen epochalen Sündenfall zu attestieren. Bei der Bildauswahl scheitert die Urteilskompetenz dann endgültig.

Papst Pius IX. hätte man eigentlich sehen müssen neben dem SZ-Beitrag zum Unfehlbarkeitsdogma
Ihn hätte man eigentlich sehen müssen neben dem SZ-Beitrag zum Unfehlbarkeitsdogma: Papst Pius IX. Die Süddeutsche Zeitung bringt stattdessen ein Bild von Pius X., beharrt in der Bildunterschrift aber darauf, dass das Foto Pius IX. zeigt. Angesichts der Kirchenkritik, die das Bla... Foto: dpa

Was sagt Ihnen Schalke 05? Ausgerechnet die erste Frau, die jemals im deutschen Fernsehen eine Sportsendung moderierte, griff um ein schlappes Jahr daneben. 04 hätte sie sagen müssen. Sie erntete Schlagzeilen in der „Bild“, Hohn und Gelächter seitens angeblich entsetzter Männer. Noch heute behaupten Medien, sie sei entlassen worden, was nicht stimmt. Seien wir dennoch froh, dass das Internet 1973 nicht erfunden war. Der Shitstorm, der sich über Carmen Thomas ergossen hätte, wäre gigantisch gewesen. Der Einbruch in die Männerdomäne schien gescheitert. Noch 47 Jahre später erinnert sich die Republik, jedenfalls der ältere Teil. Dabei hatte sich die junge Moderatorin nach drei Minuten korrigiert. Die Aufregung erscheint heute so skurril wie Schlaghosen oder Plateauabsätze.

Bei der Süddeutschen Zeitung ging es am Samstag auch um eine schlappe 1. Die Münchener Zeitung, die ihre Leser gerne auffordert, Ansprüche zu stellen, erklärte die katholische Kirche. Abgehandelt wurde das 150-jährige Unfehlbarkeitsdogma im Rahmen einer Buchrezension. Hubert Wolf, ein Professor aus Münster, hatte auf 432 Seiten entfaltet, dass die Kirchenkrise von heute dem Dogma zu verdanken sei: „Wenn der Römisch-Katholischen Kirche heute die Gläubigen davonlaufen, sind das Spätfolgen von 1870“, weiß SZ-Redakteur Rudolf Neumaier. 1870 hatte das 1. Vatikanische Konzil das Infallibilitätsdogma erlassen und der amtierende Papst war Pius IX. Sein Pontifikat dauerte von 1846 bis 1878. Am Ende des Artikels ergibt sich ein Bild von Kirche und Dogma, das die Artikelüberschrift unfehlbar, knackig und vollmundig zusammenfasst: „Der Sündenfall“. Der Papst und die Kirche pflückten sich den Apfel der Anmaßung und müssen seitdem im Schweiße ihres Angesichts mit den Kirchenaustritten ringen, die die deutschen Diözesen aus dem Kirchensteuerparadies vertreiben. Man weiß nicht so recht, welche Pinselstriche dabei Hubert Wolf und welche Rudolf Neumaier zuzuschreiben sind. Jedenfalls fragt sich der nunmehr aufgeklärte Leser, ob das Bild denn stimme, das da verbreitet wird.

„Wer so weitreichende und tiefschürfende
Urteile ausspricht, der sollte schon in der Lage sein,
die handelnden Personen auf Bildern wiederzuerkennen“

Man schaut auf das Bild des Papstes, das im XXL-Format die Zeitungsseite dominiert und kommt ins Grübeln. Wer da selbstbewusst dem Leser in die Augen blickt, das ist Pius X. Dessen Pontifikat währte von 1903 bis 1914. Ein Blick auf die Bildunterschrift: Die beharrt auf Pius IX. und dem 19. Jahrhundert. Zwar vermag die SZ durchaus, der Kirche vernichtende Zeugnisse auszustellen. Das kriegen sie locker hin. Epochale Sündenfälle schreiben Rudolf Neumaier und Kollegen der Kirche routiniert und mühelos zu. Die Telefonnummern assistierender Professoren und beredter Kirchenkritiker sind unter Kontakte abgespeichert. Am Ende aber scheitert man daran, das richtige Bild in den Mittelpunkt zu stellen.

Genau daran ist Carmen Thomas 1973 nicht gescheitert. Sie hatte ja auch keine Zeugnisse ausgeteilt. Mit ihrem frischen Stil stellte sie ein Bild angemessener und sympathischer Gewichtung in den Mittelpunkt der Sportsendung. Carmen Thomas befreite das Sportfernsehen aus den Stricken bierigen Ernstes und lächerlicher Machoattitüde. Die Süddeutsche setzte sich mit dem Professor aus Münster auf den historischen Richterstuhl. Kritische Nachfragen Rudolf Neumaiers muss Herr Wolf nicht erwarten. Am Ende wird der Wahrheitsanspruch der Kirche als epochaler Strukturfehler im Duett entlarvt. Wer so weitreichende und tiefschürfende Urteile ausspricht, der sollte schon in der Lage sein, die handelnden Personen auf Bildern wiederzuerkennen. Andernfalls ist es einfach ein dicker Hund.

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