Würzburg

Assistierter Suizid: Wozu den Segen der Kirche?

„Gott von Ferdinand von Schirach“ und „hart aber fair“ – Ein ungemütlicher Fernsehabend in der ARD zu Suizidhilfe und „Tötung auf Verlangen“, in der Moderator Frank Plasberg sich zu allgemeiner und themenfremder Kirchenkritik hinreißen ließ.

hart aber fair
"Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?" Bei „hart aber fair“ diskutierten die Ärztin Susanne Johna, Bischof Georg Bätzing, die Professorin für Medizinethik Bettina Schöne-Seifert, Olaf Sander, dessen Mutter assistierten Suizid in Anspruch nimm... Foto: WDR/Dirk Borm

Gerade einmal 110 Buchseiten umfasst das Theaterstück „Gott“ von Ferdinand von Schirach, dessen TV-Verfilmung die ARD am Montag im Ersten unter dem Titel „Gott von Ferdinand von Schirach“ ausstrahlte. Zur besten Sendezeit. Verhandelt wird darin die Frage, ob es moralisch in Ordnung ist, sich selbst das Leben zu nehmen und ob Ärzte dazu beitragen können sollen.

"Gott von Ferdinand von Schirach" - Filmszene
Der Architekt R. Gärtner (rechts) möchte ein tödliches Medikament verabreicht bekommen, obwohl er kerngesund ist. Foto: ARD

Als Rahmen dafür wählt der Autor eine fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrates. In ihr lässt der Schriftsteller und Jurist von Schirach das Gremium den Sterbewunsch des körperlich gesunden Architekten Richard Gärtner debattieren. Dessen Frau ist vor drei Jahren gestorben. Nach 48 gemeinsamen Ehejahren hat das Leben für den 78-Jährigen seitdem jeden Reiz verloren.

In dem Stück treten ganze acht Personen auf. Und doch umfasst allein die Befragung von Bischof Thiel, Mitglied der Glaubenskongregation der Deutschen Bischöfe, der als theologischer Sachverständiger fungiert, durch Gärtners Anwalt Biegler volle 27 Seiten. Exakt ein Viertel des Gesamtumfangs des gesamten Stücks. Hier lässt von Schirach, Jahrgang 1964, der nach dem Abitur, das er – obgleich Protestant – an einer Jesuitenschule ablegte, aus der Kirche austrat, der intellektuellen Verachtung, die er für den christlichen Glauben empfindet und der Abneigung, die er dabei insbesondere der katholischen entgegenbringt, freien Lauf.

Thema verfehlt: Tribunal gegen die Kirche

Biegler, wie von Schirach, Strafverteidiger und der eigentliche Held des Stückes, läuft dabei zu vermeintlich großer Form auf. Die Verurteilung des Suizids durch Augustinus sucht Biegler als rein historisch bedingt zu diskreditieren. Er spottet über Thomas Aquin und wischt die epochale Enzyklika „Evangelium vitae“ Papst Johannes Pauls II. mit einem einzigen Satz beiseite. Ansonsten hält Biegler Thiel vor allem die Verfehlungen von Christen vor, die diese in der 2 000-jährigen Kirchengeschichte begangen haben, als wären sie seine eigenen. Eigentlich verspürt man das Verlangen, all das als pubertäres Freidenkergeschwafel abzutun und mit „Schwamm 'drüber“ zu den Akten zu legen. Doch so einfach ist es dann doch nicht.

Nicht nur, weil auch „hart aber fair“-Moderator Frank Plasberg in der anschließenden Sendung, in welcher er mit vier Gästen den Film, der sich eng an die literarische Vorlage hält, noch einmal Revue passieren lässt, aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Mit „Entschuldigung, mir liegt auch was am Herzen“, fegt der 63-Jährige zunächst eine Wortmeldung der Ärztin und Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert (Münster) beiseite.

Evangelischer Landesbischof: Beihilfe zum Suizid vorstellbar

Nach einem Einspieler, der Einlassungen des protestantischen Landesbischofs von Hannover, Ralf Meister, zeigt, der sich Beihilfe zum Suizid auch in kirchlichen Einrichtungen vorstellen kann, setzt Plasberg zum Generalangriff auf den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing, an. „Die Gesellschaft bewegt sich weiter. Wir haben Einzelfälle. Wir haben das Oberste Gericht. Protestanten, Glaubensbrüder machen sich auf den Weg. Wie fühlt sich das an, wenn man als Katholik als einziger zurückbleibt?“, will Plasberg von Bätzing wissen. Doch der lässt sich nicht provozieren und antwortet seelenruhig: „Wir sind als Katholiken gewohnt, dass wir in bestimmten Fragen langsam sind.“

Plasberg legt nach. Mit sprungbereiter Feindseligkeit zählt er, ähnlich wie Biegler in von Schirachs Stück, Stereotypen der Kirchenkritik auf: „Man könnte es auch anders sagen: Sie lassen keine Frauen ins Priesteramt. Sie tun sich mit der Homosexuellen-Ehe schwer. Die Frage der Sterbehilfe ist bei Ihnen hart wie Beton. Die Aufarbeitung der unfassbaren sexuellen Übergriffe, um es mal freundlich zu sagen, holpert. Woher nehmen Sie noch den Anspruch, das moralische Denken einer Gesellschaft mitzubestimmen?“ Bätzing: „Den Anspruch nehme ich oder nehmen wir aus der Verpflichtung gegenüber unseren Gläubigen. In der Tat, Sie haben vollkommen recht, es gibt ganz viel, das die Glaubwürdigkeit der Kirche in Zweifel ziehen lässt, aber wenn es um die Fragen des Lebensschutzes geht, dann sind wir doch, glaube ich, für viele Menschen auch Sprachrohr in dieser Gesellschaft.“

Lebensschutz gegen menschliche Willkür

Wie Johannes Paul II. („Die Kirche macht Angebote“) vermittelt auch Bätzing nicht den Eindruck, als befehle die Kirche Staat und Gesellschaft, was diese zu tun und zu lassen hätten.

„Wir sind eine gesellschaftliche Gruppe. Wir wollen uns einbringen mit den Überzeugungen, die wir haben. Und davon möglichst viele Menschen überzeugen. Das ist in der Frage des Lebensschutzes, am Anfang des Lebens und am Ende des Lebens, eine sehr starke Überzeugung.“ Zuvor wurde es schon einmal ziemlich ungemütlich. Wenn auch nicht bloß für Bätzing.

Der gefilmte assistierte Suizid

Nach einer knappen halben Stunde zeigt Plasberg Archivbilder des von SWR-Fernsehleuten gefilmten Suizids einer an Kinderlähmung leidenden Frau. Sie sitzt in einem Sessel. Man sieht, wie ihr Sohn, der an diesem Abend ebenfalls im „hart aber fair“-Studio sitzt, ihr den tödlichen Brei zubereitet und wie sie diesen anschließend zu sich nimmt. Dazu Musik von Johann Strauss aus dem Kassettenrekorder. Die Bilder brechen ab.

Plasberg erklärt, hier habe das SWR-Fernsehteam den Raum verlassen müssen, um sich nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen. Zweifellos ein Tiefpunkt deutscher Fernsehberichterstattung. Was wohl als Nächstes kommt? Die „Dokumentation“ eines Brückensuizids, gefilmt mit Helmkamera?

Plasbergs Sendung glorifiziert den Suizid

Der Suizid der unheilbar kranken Frau, die ganz offensichtlich ihr Leiden abkürzen wollte, der damals 44-jährige Sohn, der seiner Mutter, weiteres Leid ersparen wollte – in Plasbergs Sendung werden sie ebenso glorifiziert wie das Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 26. Februar diesen Jahres, und das Votum der Zuschauer gefeiert. 70,8 Prozent sprachen sich dafür aus, Herrn Gärtner das tödliche Präparat zugänglich zu machen.

Plasberg: „So etwas nennt man wohl eine überwältigende Mehrheit“. Bätzing, dem Plasberg das Ergebnis genüsslich mit den Worten „Herr Bischof, was sagen Sie zu diesem Ergebnis? Sind wir auf dem Weg in ein gottloses Volk" unter die Nase zu reiben sucht, relativiert und weist darauf hin, es sei eines, ein solches Votum abzugeben. Aber etwas ganz anderes sei es, einem Menschen wie Herrn Gärtner ein solches Präparat auch tatsächlich zu geben. „Wer von den Zuschauern würde die Verantwortung auch dafür übernehmen?“, fragte Bätzing. Es sollte nicht die einzige Frage von Belang sein, die an diesem Abend unbeantwortet blieb.

Im Blick der Lebensschützer: die Person der Leidenden

Das heißt allerdings nicht, dass die Zuschauer auf interessante Erkenntnisse verzichten mussten. Ganz deutlich etwa wurde, dass es ausschließlich die Gegner des assistierten Suizids sind – neben Bischof Bätzing zählte dazu auch die Ärztin Susanne Johna –, die sich für die Leidenden und ihre Angehörigen als Personen interessieren, statt distanziert bloß über deren Fälle zu sprechen.

Wer genau aufpasste, konnte zudem feststellen, dass wann immer die Geltung einer Norm bestritten wurde, nicht die Geltung von Normen an sich bestritten wurde, sondern nur, dass eben jene absolut gesetzt werden dürfe. Im Grunde wurde also nur ein Absolutes durch ein anderes Absolutes ersetzt.

Wozu unbedingt den „Segen der Kirche“?

Und noch ein Drittes wurde offenbar. Dass nämlich die Befürworter des ärztlich assistierten Suizids – bei aller scheinbaren Selbstsicherheit und behaupteter Überlegenheit der eigenen Position – am Ende eben doch nicht auf die Zustimmung des Arztes und den Segen der Kirche verzichten wollen. Warum ist das eigentlich so? Wozu sollte die Zustimmung des Arztes und der Segen der Kirche überhaupt erforderlich sein, wenn es doch allein der eigene Wille ist, der zählt?

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