Wien

„Zeitaufgeschlossen“

„Die Furche“, das Beiboot des österreichischen Linkskatholizismus, wagt die Modernisierung.

Die Furche
Sparte bei Benedikt XVI. am Applaus: Die Furche. Foto: kathpress

Mitarbeitern der „Tagespost“ kommt das vertraut vor: Immer wieder treffe sie auf Personen, die ihre Zeitung bisher nicht kannten und über ihre Qualität und geistige Breite positiv überrascht seien, erzählte die Chefredakteurin der österreichischen Wochenzeitung „Die Furche“, Doris Helmberger-Fleckl, jüngst in einer Journalistenrunde. Kein Wunder, die traditionsreiche Wochenzeitung hatte in den letzten Jahren stets so um die zehntausend Abonnenten: Die große Trommel mit wuchtigem Nachhall besitzen in der Alpenrepublik andere Redaktionen.

Die Zahl der Abonnenten deutlich zu steigern, ist für das auf Österreich beschränkte Blatt mit seinem hohen intellektuellen Anspruch jedenfalls ambitioniert – um demotivierendere Begriffe zu vermeiden. Die Sichtbarkeit der im Jahr 1945 gegründeten „Furche“ zu erhöhen, ist der neuen Chefredakteurin jedoch gelungen.

„Qualitätsjournalismus mit weitem Horizont, basierend auf christlichen Werten“.

Ende Oktober präsentierte sie im Wiener Museumsquartier vor dreihundert Gästen die einem Relaunch unterzogene Wochenzeitung. Präsentiert wurde da der Furche-Navigator als „Herzstück ihrer Digitalstrategie“, eine Art Zeitreise durch die Kommentierungen und Analysen der mittlerweile 74 Jahre alten Zeitung. „Spannend“ sei das schon deshalb, „weil aktuelle Debatten durch diese historische Perspektive in völlig neuem Licht erscheinen können“, meinte Chefredakteurin Helmberger-Fleckl dazu.

Auch als Print-Produkt kann sich das Blatt sehen lassen. Mit 24 Seiten liegt die in drei Büchern erscheinende Wochenzeitung recht leicht in der Hand. Im ersten, „Journal“ genannten Buch dominiert ein „Thema der Woche“, ergänzt durch Politik. Das zweite Buch nennt sich „Kompass“ und beheimatet Fragen von Kirche, Religion und Ethik, aber auch reichlich Meinungsbeiträge. Das dritte Buch nennt sich ganz klassisch „Feuilleton“. Auch wenn das Erscheinungsbild heute aufgeräumt und luftig ist, leichte Kost ist „Die Furche“ ob ihres intellektuellen Anspruchs nicht.

Also wird sie wohl kein Massenblatt werden – oder werden wollen. „Eine Cashcow waren wir nie“, meinte die Chefredakteurin. Aber so lange die mächtige Styria-Media-Group, die mit der in Kärnten und der Steiermark starken „Kleinen Zeitung“ ihre gewinnträchtige „Cashcow“ hat, alle der „Furche“ gemachten Komplimente ernst meint, ist das auch kein Problem. Die Medienmanager, die neben der „Kleinen“ auch die Tageszeitung „Die Presse“ zu ihrem Imperium rechnen, schmücken sich ganz gerne mit dem der „Furche“ zugeschriebenen „Qualitätsjournalismus mit weitem Horizont, basierend auf christlichen Werten“.

„Die Furche“ ist duch katholische Gundsätze bestimmt

Gegen das Prädikat „katholisch“ hat „Die Furche“ schon vor Jahrzehnten pubertiert. In einer Programmschrift von 1945 nannte sie sich „zeitaufgeschlossen, auf das aktuelle Geschehen gerichtet, parteimäßig nicht gebunden, eine gesunde Demokratie bejahend, durch katholische Grundsätze bestimmt“. Das hinderte Redakteure und Autoren nie, der Kirche gehörig die Meinung zu geigen, insbesondere wenn bestimmte Bischöfe ihnen nicht „zeitaufgeschlossen“ genug schienen.

Bei Papst Benedikt XVI. sparte man häufig am Applaus. Zuletzt kommentierte Kirchen-Experte Otto Friedrich: „Er werde schweigen und beten – so lässt sich Benedikts XVI. Aussage nach dem Rücktritt 2013 zusammenfassen. Wenn er sich daran hielte, bliebe der katholischen Kirche einiges an Unklarheit erspart.“ Begründung: Für einen „(erz)konservativen Kirchenflügel“ bleibe Benedikt XVI. irgendwie der „echte“ Papst. „Wer sich auf den einschlägigen Internetseiten umtut, wird schnell eine Sicht bemerken, die Franziskus als dahergelaufenen, menschlich unmöglichen, chaotischen, theologisch ahnungslosen Papst charakterisiert.“ Derselbe Redakteur urteilt, Benedikts Analyse zur Missbrauchskrise sei „unhistorisch, im Gesamten falsch und kleingeistig“.

Katholik Rudolf Mitlöhner werkte an der Spitze des Blattes

Auch in den Irrungen heimischer Kirchenpolitik war „Die Furche“ oft meinungsstark: Als sich der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, wegen tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten 1999 von seinem Generalvikar Helmut Schüller (dem späteren Initiator der „Pfarrerinitiative“) trennte, giftete „Die Furche“ auf der Titelseite: „Seht, wie sie einander lieben“. Das Kirchenvolksbegehren fand in der Zeitung reichlich Resonanz, Bischöfe wie Kurt Krenn und Georg Eder weit weniger. Kein Wunder, war doch der spätere Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“, Hubert Feichtlbauer, einst Chefredakteur und anschließend Kommentator der „Furche“.

Auch Heiner Boberski, der mit seinem kritischen Buch über das Engelwerk Wellen schlug, war viele Jahre Redakteur und von 1995 bis 2001 Chefredakteur der „Furche“. Noch länger, von 2001 bis zum Sommer 2019, werkte der grundsolide Katholik Rudolf Mitlöhner mit unterschiedlichen Titeln an der Spitze des Blattes. Zum linkskatholischen Ruf der „Furche“ passte er eher nicht, legte er kritischen Journalismus doch mehr zeitgeist- als kirchenkritisch an. Mit seinen pointierten Kommentaren setzte Mitlöhner manchen Kontrapunkt zur Grundmelodie seiner Zeitung – und machte sie gerade so spannend. Heute bereichert er die Innenpolitik der Tageszeitung „Kurier“. Als „Diskursblatt“ wurde „Die Furche“ damit um eine klare Stimme ärmer.