"Verteidiger des Glaubens": Das Spiel mit den Fakten

Eine Diskussion über den Film "Verteidiger des Glaubens" zeigte, dass nicht nur die Standpunkte, sondern auch die Bewertung derselben Sachverhalte gegensätzlich sind.

Ostermesse in Rom
Während Benedikt in den Medien für sein Schweigen zu den Missbrauchsskandalen scharf kritisiert wurde, ließ sich Kardinal Sodano vom "Geschwätz des Augenblickes" nicht beeindrucken. Foto: Maurizio Brambatti (ANSA)

Über den Film „Verteidiger des Glaubens“ wurde in den letzten Wochen viel geschrieben. Auf Einladung der Katholischen Akademie Dresden diskutierten am vergangenen Freitag im Dresdner Programmkino Ost im Anschluss an die Vorführung des Filmes dessen Regisseur Christoph Röhl und Christian Schaller, Stellvertretender Direktor des Regensburger Instituts Papst Benedikt XVI.

Die zu erwartende Kontroverse betrifft bereits den Gegenstand des Filmes. So erklärte Regisseur Röhl, er habe keine Filmbiografie Joseph Ratzingers drehen wollen: „Ich habe einen Film über die Machtstrukturen in der Kirche anhand von Joseph Ratzinger gedreht.“ Darauf erwiderte Christian Schaller: „Aber die Wirkung ist eine andere, weil der Film seinen ganzen Werdegang von der Priesterweihe bis zu seinem Rücktritt zeigt.“ Deshalb bemängelte er, in dem Film sei nicht davon die Rede, dass gerade Joseph Ratzinger „die rechtlichen Grundlagen geschaffen hat, auf denen heute Prozesse und Verurteilungen stattfinden können. Solche Wegstrecken hätte ich gerne schon gesehen und gehört, wenn ich den Anspruch einer Dokumentation erhebe.“

Ratzinger setzte gegen Widerstände Gerichtshof durch

Anhand der Rolle, die der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Mitte der 1980er Jahre spielte, zeigte sich jedoch eine gegensätzliche Bewertung. Für Schaller war es ein „langer Prozess“, der erst im Jahre 2001 mit der Einrichtung eines eigenen Gerichtshofs an der Römischen Glaubenskongregation kulminierte, der Missbrauchstäter streng verurteilt – einer Einrichtung, die der damalige Kardinal Ratzinger gegen erhebliche Widerstände in der Kurie durchgesetzt habe.

Christoph Röhl findet aber diesen „langen Prozess“ nicht gerechtfertigt: „Ich weiß, dass Joseph Ratzinger Ende der Achtziger schon viel begriffen hat. Das ist aber für mich keine Entlastung. Ganz im Gegenteil.“ Denn schon 1985 habe es in den Vereinigten Staaten einen Skandal gegeben, „und zwar nicht wegen des Missbrauchs, sondern wegen der Vertuschung“. Ratzinger habe zwar „besser als andere Kardinäle“ gehandelt. Weil aber andere Kardinäle den Missbrauchsskandal als eine Verschwörung der säkularen Welt angesehen hätten, sei „die Latte so niedrig, dass ich das als kein entlastendes Kriterium akzeptieren kann“. Ratzinger habe zwar teilweise richtig gehandelt, aber „man muss auch zugeben, was er falsch gemacht hat“. Deshalb schlussfolgerte er: „Was ich erstaunlich finde, ist, dass dieselben Fakten unterschiedlich gedeutet werden.“

Wie im Film nahm auch in der Diskussion der Fall des Gründers der „Legionäre Christi“ Marcial Maciel einen breiten Raum ein. Denn darin kennt sich Christoph Röhl offensichtlich sehr gut aus. Auf Schallers Einwand, gerade Benedikt XVI. habe Maciel zur Strecke gebracht, erwiderte Röhl, der Vatikan habe lediglich dem ehemaligen „Legionäre Christi“-Gründer ein Leben in Gebet und Buße verordnet. Der Vatikan habe „gerade nicht mit den weltlichen Gerichten zusammengearbeitet. Es wurde kein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet, weshalb Maciel nie verurteilt wurde.“ Der damalige Präfekt habe bereits Ende der neunziger Jahre gewusst, dass Maciel ein „serieller Missbrauchstäter“ sei. „Da gibt es für mich keine Entschuldigung. Und wenn man das tun würde, das wäre Relativismus.“

Schaller: "Ratzinger brachte Marciel zur Strecke"

Unterschiedlich fiel ebenfalls die Einschätzung der Schuld an den Missbrauchsskandalen aus. Für Christoph Röhl ist „Vertuschung ein Bestandteil des Systems“, das er „männerbündisch“ nannte: „Das ist dieser Klerikalismus, dass man von Gott berufen ist und dementsprechend bestimmte Privilegien genießt, und keine Rechenschaft gegenüber der zivilen, demokratisch gesinnten Welt schuldig ist.“ Demgegenüber wies Schaller darauf hin, dass die Schuld immer persönlich ist: „Wir sind freie Menschen und in unseren Entscheidungen und Handlungen eigenverantwortlich.“ Der Stellvertretende Direktor des Instituts Papst Benedikt XVI. räumte allerdings ein, dass es auch Verflechtungen gebe. „Ratzinger hat aber gesagt, statt dieser Netzwerke brauchen wir ein Netz des Schutzes. Da muss man den Spieß umdrehen, dass es nicht solche Verwicklungen, sondern eine Schutzfunktion gibt.“

Damit sich die Missbrauchsfälle nicht wiederholen, empfahl Röhl eine „Wahrheitsfindungskommission“: „Ich glaube, man muss verstehen, warum die Kirche vertuscht hat. Dafür gibt es ganz konkrete Gründe. Etwa die Heiligkeit des Amtes, dass die Verkündigung der Heilslehre so wichtig ist, dass, wenn etwas Schlimmes passiert, es die größere Aufgabe nicht gefährden darf.“

Dargestellte Sakralisierung des Amtes ist nicht katholische Lehre

Im Gegensatz dazu sprach Schaller eher von „Transparenz in der Prävention. Wir brauchen eine geschulte Umsetzung der Erkenntnisse der Psychologie.“ In diesem Zusammenhang präzisierte er auch, dass die „Sakralisierung“ des Priestertums, von der im Film die Rede ist, „nicht katholische Lehre“ sei. „Das Sakrament der Priesterweihe oder das Sakrament der Ehe sind ein Verweis auf etwas anderes. Der Priester ist nicht selber Christus, sondern er verweist auf Christus. Wenn er schuldig wird, ist es inakzeptabel und schockierend – wie Ratzinger gesagt hat.“

In „Verteidiger des Glaubens“ heißt es, Joseph Ratzinger sei beim Zweiten Vatikanum sehr progressiv gewesen. Nach den Studentenunruhen an der Tübinger Universität sei er jedoch zu einem erzkonservativen Bewahrer der katholischen Lehre geworden – daher übrigens der Filmtitel „Verteidiger des Glaubens“. Dazu Christian Schaller: „Es ist ein Klischee, dass es einen modernen und einen konservativen Ratzinger gibt, vor und nach dem Konzil. Ich gebe seine Gesamtausgabe heraus: 16 Bände, Tausende von Seiten, die er in sechzig Jahren geschrieben hat. Darin kann ich diese Zäsur nicht finden. Es gibt die Mär, dass er aus Tübingen geflohen sei. Er ist 1969 nach Regensburg gegangen, weil dort damals die neue Landesuniversität gegründet wurde, an deren Aufbau er arbeiten wollte.“ Darüber hinaus habe Joseph Ratzinger viele Konzilstexte mitkonzipiert und mitgeschrieben. „Zentrale Texte tragen seine Handschrift. Ratzinger hat vierzig Jahre lang permanent über das Konzil geschrieben.“

Dass „Verteidiger des Glaubens“ Ratzinger als „ängstlichen, mit dem spitzen Bleistift in der Bibliothek Arbeitenden“ darstelle, findet Schaller nicht gerechtfertigt: „Immerhin hat er das Gespräch mit der Welt gesucht, etwa mit Jürgen Habermas diskutiert, er hat Interviews gegeben auf der ganzen Welt.“ Etwa in seinem Jesusbuch verweise Ratzinger auf das Wesentliche: „Die Begegnung mit Jesus Christus ist eine persönliche Begegnung. Wir glauben an keine Ideologie. Es ist die Begegnung mit einer Person. Diese Konzentration auf das Wesentliche macht Ratzingers Theologie aus.“

Eins ist jedenfalls Christoph Röhl klar geworden: Einen weiteren Film über die Thematik werde er nicht drehen. „Ich glaube nicht, dass der Vatikan mich jemals wieder in seine Nähe lassen wird.“ Was freilich ebenfalls unterschiedlich gedeutet werden kann: Röhl gibt offenbar als Erfolg aus, „den Vatikan“ überlistet zu haben. Dies kann aber auch als Eingeständnis angesehen werden, dass er Vatikan-Verantwortliche, etwa Erzbischof Gänswein, einfach getäuscht hat.

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