Würzburg

Medien-ABC: O wie Open Source

Weite virtuelle Welt
Das Internet sprengt gängige Konzepte von Teilhabe, Expertise und Nutzungsrecht. Oft geht es dabei um die Minimierung von Entwicklungskosten und Markteinführungsrisiken. Foto: Adobe Stock

Ein Gespenst geht um in der virtuellen Welt: die offene Umsonstkultur, zu neudeutsch: „Open Source“. Das Internet sprengt gängige Konzepte von Teilhabe, Expertise und Nutzungsrecht. Dabei sind die Motive nicht immer altruistische, wie etwa das, möglichst viel Wissen mit möglichst vielen Menschen zu teilen, damit die Welt ein besserer Ort wird. Oft geht es schlicht und ergreifend um die Minimierung von Entwicklungskosten und Markteinführungsrisiken.

Ursprünglich stammt die Idee aus der EDV selbst. Zu den kommerziellen Angeboten von Betriebssystemen und Softwareprodukten wurden Alternativen entwickelt – ohne Bezahlung und ohne Nutzungsgebühr. Sowohl Produktion als auch Konsum der Programme und EDV-Entwicklungen war damit „frei“. Zum Teil gelang es so, die Marktführer zu attackieren und zu signifikanten Veränderungen der Strategie zu zwingen. Denn die schwarmintelligenten Produkte war nicht nur kostenlos, sondern teilweise auch besser, weniger fehleranfällig, einfacher in der Handhabung und stabiler im Gebrauch. Laufende Anpassungen sorgten für fortlaufende Optimierung, während man bei den kommerziellen Produkten auf die nächste Version warten musste, oft monate-, manchmal gar jahrelang.

Open Source hat auch Kunst und Kultur erreicht

Ende der 1990er Jahre begann mit dem Aufstieg des Internet zur Jedermann-Plattform auch die „Open Source“-Bewegung, Konturen zu bekommen. Die von Eric S. Raymond, Bruce Perens und Tim O'Reilly gegründete „Open Source Initiative“ (OSI) entwickelte „Open-Source-Lizenzen“ – ganz ohne Regeln geht es eben auch in der Umsonstkultur nicht. Eine der bekanntesten Lizenzen ist sicherlich „Mozilla“, deren Browser „Firefox“ mittlerweile viele Nutzer standardmäßig verwenden, während Microsofts „Internet-Explorer“ (der in den 1990er und frühen 2000er Jahren noch ein Quasi-Monopol innehatte) heute kaum noch in Erscheinung tritt.

„Open Source“ war lange Zeit ein rein inner-informationstechnisches Thema. Ein Thema für Hacker, Nerds und Freaks, deren Leben sich um Betriebssysteme, Browser und Programme drehte. Mittlerweile hat es Kunst und Kultur erreicht. Und die Medien. Beteiligungsformen wie „Bürgerjournalismus“, Formate wie „Blogs“, Lexika wie „Wikipedia“, aber auch die frei zugänglichen und interaktiven Online-Angebote etablierter Medien können mehr oder weniger zur „Open Source“-Bewegung gezählt werden, weil sie deren Mentalität ganz oder teilweise übernehmen.

Ende oder Chance der Kreativbranche?

Hier stellt sich nun die Frage, wie sich sowohl das interaktive Mitgestalten als auch die kostenlose Abgabe mit herkömmlichen Paradigmata der kreativen Kopfarbeit verträgt: mit dem Urheberrecht des Schöpfers, mit dem Verwertungsrecht des Autors. Wie so oft: Die Meinungen gehen auseinander. Während die einen die „Open Source“-Kultur als ruinös für die gesamte Kreativbranche ansehen (einschließlich der Presse), meinen andere, dass diese gerade dadurch neue Chancen der Entfaltung erhält. Was stimmt? Beides. Ein junger Autor, eine junge Sängerin wird froh sein, überhaupt Publizität (vulgo: Aufmerksamkeit) zu erhalten und daher gern die ersten Schritte im Regime der niedrigschwelligen, kostenlosen, freien Offenheit gehen. Für ein Demo-Band musste man früher ins Studio und viel Geld ausgeben, heute dreht man sein Youtube-Video und wird vielleicht entdeckt. Der Lokalredakteur einer Provinzzeitung, der mit seinen Berichten zum Haushaltseinkommen der Familie beitragen muss, wird sich hingegen ärgern, wegen zahlreicher Hobby-Schreiber keine Aufträge mehr zu bekommen. „Open Source“ ist Segen und Fluch zugleich.