Berlin

Marsch gegen Vorurteile

Seit Jahren erlebt der "Marsch für das Leben" einen immer größeren Zulauf. Aus den Medien erfährt man das nicht unbedingt. Grund sind gewisse Stereotypen in der Rezeption der Lebensrechtsbewegung.

Demo "Marsch für das Leben"
Teilnehmer der Demo "Marsch für das Leben". Foto: Oliver Mehlis (dpa-Zentralbild)

Dass sich die Medien in Deutschland längst von ihrem Auftrag verabschiedet haben, ihr Programm so zu gestalten, dass es „teil an der Schutzaufgabe gegenüber dem ungeborenen Leben“ hat (so verlangt es ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, zumindest für die Öffentlich-Rechtlichen), zeigt sich immer mehr und immer stärker. Der „Marsch für das Leben“ ist daher in jedem Jahr auch ein „Marsch gegen Vorurteile“.

1. „Sogenannte“ und „Selbsternannte“

Aktivisten der Lebensrechtsbewegung kommen medial fast nur als „sogenannte Lebensschützer“ oder (noch despektierlicher) als „selbsternannte Lebensschützer“ vor, ein Sprachspiel, das ihr eigentliches Anliegen zu diskreditieren versucht. Vermittelt wird: Sie, die „Lebensschützer“, sagen zwar „Lebensschutz“, meinen aber etwas ganz anderes – sie sind daher keine „echten“, sondern nur „sogenannte“ beziehungsweise „selbsternannte“ (oder: sich selbst ernennende) Lebensschützer.

2. Unredliche Darstellung: Malen nach Zahlen

Teilnehmerzahlen an Lebensrechtsveranstaltungen wie dem „Marsch für das Leben“ werden heruntergespielt, die der Gegenveranstaltung großzügig aufgerundet. Das lässt sich für die letzten Jahre nachweisen. Interessanterweise ändern Journalisten mit steigenden Teilnehmerzahlen auch gerne mal die Diktion. Lag sie beim „Marsch für das Leben“ vor zehn Jahren noch bei kaum mehr als 1.000 Menschen, wurden die konkreten Zahlen genannt. Seit sich in den letzten Jahren die Teilnehmerzahl immer mehr der 10.000 Personen annähert, heißt es dann „einige Tausend“, was nicht falsch ist, aber den gestiegenen Zulauf zum „Marsch für das Leben“ elegant verschleiert.

Besonders augenscheinlich war der Versuch, mit Zahlen Stimmungen zu erzeugen, im Jahr 2017, als Berliner Medien (etwa die „Berliner Zeitung“, aber auch der RBB) von „rund 3.000“ Gegendemonstranten berichteten und von „mehr als 1.000 Abtreibungsgegnern vor dem Reichstag“. Es wurde der Eindruck zu vermitteln versucht, es seien dreimal so viele Menschen gegen die Anliegen des Lebensschutzes auf die Straße gegangen, als dafür. Das überrascht, wenn man die tatsächliche Zahl der Teilnehmer am „Marsch für das Leben“ im Jahr 2017 kennt; laut Katholischer Nachrichtenagentur waren es 7.500. Dabei ist „mehr als 1.000“ nicht falsch, genauso wie auch „mehr als 10“ nicht falsch gewesen wäre.

Der unbedarfte Medienkonsument überhört beziehungsweise überliest jedoch das Wörtchen „mehr“, zumal zuvor die Kategorie der Schätzung („rund“) gewählt wurde. Die ungefähre Angabe und die Angabe einer Untergrenze machen die Zahlen nicht vergleichbar, gleichzeitig reizt diese Zusammenstellung gerade zum Vergleich. Unredlich!

3. Verharmlost: Gewalt als „phantasievolle Aktionen“

Die Gegenveranstaltungen sind nicht selten auch gewaltsam. Selbst, wenn das nur eine Minderheit der daran teilnehmenden Menschen betrifft, sollte das Kind beim Namen genannt werden: Gewalt. Älteren Menschen Kreuze zu entreißen, Personen stoßen und anspucken, ja, auch anschreien, all das sind Formen von Gewalt und nicht „phantasievolle Aktionen“. Unter diesem Begriff werden die Gegendemonstrationen regelmäßig in pauschal-positiver Manier zusammengefasst.

Wer so mit Exzessen gegen das Demonstrationsrecht Andersdenkender umgeht (und sei es auch nur sprachlich), der ermutigt einerseits zu noch mehr Gewalt und erzeugt andererseits bei den Betroffenen die Mutmaßung, es werde noch viel mehr verschwiegen und die Gegenveranstaltungen seien per se gewaltsam (was sie nicht sind).

Es ist wichtig, ein Thema wie das Lebensrecht mit Respekt vor der Wahrheit zu behandeln, einer Wahrheit, der jeder Medienschaffende verpflichtet ist. Man darf auf die Berichterstattung zum „Marsch für das Leben“ in diesem Jahr gespannt sein. Immerhin wird mit dem Grundgesetz heuer auch das Lebensrecht 70 Jahre alt.