Würzburg

"Kinder, die kein Deutsch können"

Hat ein CDU-Politiker ein "Grundschulverbot" gefordert? Wie die Deutsche Presseagentur einen Sachverhalt auf den Kopf stellt - und viele Medien darauf einsteigen.

Schulunterricht
Für gewinnbringenden Schulunterricht müssen die Schüler über ausreichend Sprachkompetenz verfügen. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)

Carsten Linnemann, Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, kann einem leidtun. Nach einem Interview mit der „Rheinischen Post“ stand er unter massivem Verbalbeschuss seiner Parlamentskollegen, und im Netz brach der in solchen Fällen mittlerweile übliche shitstorm aus. Der Vorwurf des Populismus und des „Stimmenfangs im rechten Sumpf“ waren da noch die höflicheren Bemerkungen.

Carsten Linnemann ist Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Foto: Bundestag

Was war passiert?

Der Wirtschaftsexperte hatte sich bildungspolitisch geäußert. Er hatte gesagt: „Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen.“ Linnemann meint also, Kinder sollten die Grundschule erst dann besuchen, wenn sie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen.

Sodann brachte Linnemann als Lösung für die Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen eine Vorschulpflicht ins Gespräch. Solche Maßnahmen kosteten zwar Geld, so der CDU-Politiker, „aber fehlende Integration und unzureichende Bildung sind am Ende viel teurer“. Carsten Linnemann will also Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund gezielt fördern – auch, wenn das teuer ist.

Was macht die dpa?

Die führende deutschsprachige Nachrichtenagentur veröffentlichte am Montag eine Meldung mit der Überschrift „CDU-Politiker: Grundschulverbot für Kinder, die kein Deutsch können“. Zahlreiche Medien übernahmen diese Formulierung, einige haben sie mittlerweile entschärft. Besser wäre es gewesen, sie hätten zuvor recherchiert.

Dann hätten sie festgestellt, dass Carsten Linnemann niemandem die Bildung verwehren will, sondern – ganz im Gegenteil – zur gezielten und sogar verpflichtenden Vorschulbildung aufruft. Der Deutsche Lehrerverband stimmt dem CDU-Politiker in der Sache übrigens zu: Grundlegende sprachliche Förderung müsse vor der Grundschule erfolgen, meint etwa der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. In Kommentaren wird nun lobend hervorgehoben, dass Linnemann mutig und engagiert ein Problem benenne, das im Grundschulalltag tatsächlich existiere und dem die Bildungspolitik bislang nur unzureichend begegnet sei; vor allem das Fehlen geeigneten Lehrpersonals mache sich hier schmerzlich bemerkbar. Tenor vieler Stellungnahmen: Wer Linnemann für seinen Vorstoß pauschal kritisiere, mache es sich zu leicht.

Ein schwacher Trost angesichts einer fehlgeleiteten Debatte, die auch eines zeigt:  Agenturen  übernehmen eine große Verantwortung mit dem, was sie schreiben – und wie sie es schreiben.