Bonn/Berlin

Katholische Netiquette: Würde begrenzt Freiheit

Das Portal "katholisch.de" will strikter gegen Hass und Hetze auf Facebook vorgehen. Trotz der Bedenken eine gut katholische Maßnahme. Von Josef Bordat

Die neue Online-Strategie von "katholisch.de"
„Einen anderen Kurs einschlagen“, Kommentare „radikal löschen“, Nutzer „sperren“: Das katholische Online-Portal „katholisch.de“ reagiert auf den rauen Umgangston im Netz. Foto: Martin Gerten (dpa)

Große Aufregung um den Facebook-Auftritt von „katholisch.de“. Das wirkmächtige, vielgelesene und breit rezipierte katholische Portal will strikter gegen Hass und Hetze vorgehen, entsprechende Kommentare löschen und Nutzer sperren. In einer Meldung dazu heißt es: „Aktuell wird die Meinungsfreiheit durch Hetzer bedroht. Wir haben anständige und gemäßigte Nutzer aus diesem Grund verloren. Es gibt Gastautoren und Interviewpartner, die sich nur unter größter Zurückhaltung oder gar nicht mehr auf unserem Portal äußern wollen, weil sie sich laut eigener Aussage vor den beleidigenden und denunziatorischen Kommentaren auf Facebook fürchten.“ Aus diesem Grund werde man „einen anderen Kurs einschlagen“, Kommentare „radikal löschen“, Nutzer „sperren“. Netiquette 2.0.

Meinungsfreiheit gilt auch im "Privaten"

Die Maßnahme wird überwiegend begrüßt. Doch dagegen erhebt sich auch der Vorwurf des Eingriffs in die Meinungsfreiheit, sogar von „Zensur“ ist vereinzelt die Rede. Ein schwerer Vorwurf. Hier gilt es zu sortieren. Zunächst zur formalen Einordnung: Die Regeln, die „katholisch.de“ aufstellt, sind Hausregeln. Die kann jeder grundsätzlich so formulieren, wie er will. Doch die eigentliche Frage ist nicht einmal, ob sich „katholisch.de“ hiermit so einfach aus der Affäre ziehen kann, sondern, ob es das sollte. So sehr das Anliegen („um wieder ein angenehmes und sachliches Diskussionsklima herzustellen, statt Plattform für den Hass und den Frust Einzelner zu sein“) nachvollziehbar und überzeugend ist, so sehr verstören die Immunisierungsversuche gegen Kritik über Hinweise auf die „Privatsache“ einer Facebook-Seite. Der Punkt ist doch der: Das Portal „katholisch.de“ wird – ob es das de jure ist oder nicht – öffentlich de facto als Online-Sprachrohr der Katholischen Kirche in Deutschland wahrgenommen. Und „katholisch.de“ wirbt auf Faltblättern, die in jeder Gemeinde ausliegen, damit, das „Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland“ zu sein. Insofern fällt die Politik, die „katholisch.de“ macht, auf die Kirche in Deutschland zurück. Natürlich kann man dann immer noch restriktiv mit Nutzerkommentaren umgehen. Wenn jedoch eine katholische Seite schärfere „Sagbarkeitsregeln“ aufstellt als der Staat mit seiner Rechtssprechung zur Meinungsfreiheit, dann ist das begründungsbedürftig.

Zu würdevollem Umgang verpflichtet

Dass „katholisch.de“ eher reagiert als das Gemeinwesen, in dem wir (und auch die „katholisch.de“-Redakteure leben), zeigt ein Beispiel: Wer die Kirche „Kinderfickersekte“ nennt, wird gesperrt. „Kinderfickersekte“ für „Katholische Kirche“ ist zwar (vor allem für uns gläubige Katholiken) beleidigend (und bei Verwendung wohl auch so gemeint), gilt aber – rechtlich – als zulässige Meinungsäußerung. Also geht es bei der Sperre nicht um eine rechtlich gebotene Reaktion auf objektivierte Beleidigungstatbestände, sondern darum, das die Redaktion etwas als Beleidigung empfindet. Das ist ein Unterschied. Und dabei wird substanziell in die Meinungsfreiheit eingegriffen, insoweit unterbunden wird, was eigentlich erlaubt ist. Das Beispiel zeigt aber auch: Es ist eigentlich gar nicht schlecht, dass eine christliche Einrichtungen einer unflätigen Umgangsform und negativer Stimmungsmache eine Grenze zieht, auch wenn dabei andere, also strengere Maßstäbe an die Zulässigkeit einer Meinungsäußerung angelegt werden als der Staat dies tut. Doch müsste man nicht christliche Moral gegen geltendes Recht beziehungsweise Rechtssprechung begründend in Stellung bringen – ganz offen, über die Figur der Heiligkeit der Person, die Christen besonders zu würdevollem Umgang verpflichtet? Müsste man das nicht, wenn man für die Maßnahme eine größtmögliche Akzeptanz erreichen will?

Zudem: Den Eingriff selbst muss man als einen solchen erkennen (denn ein Eingriff bleibt auch dann ein Eingriff, wenn er gut begründet ist) und daher verstehen können, wenn das bei einigen Kommentatoren nicht so gut ankommt. Vor allem dann nicht, wenn zugleich ein Katalog an unliebsamen Äußerungen aufgestellt wird, wie „katholisch.de“ das tut, indem es Tatbestände definiert, die Anlass für Löschung und Sperre sind, etwa Flüchtlingshelfer „Gutmenschen“ nennen, die „katholisch.de“-Redaktion als „häretisch“ bezeichnen oder eben – das hatten wir schon – die Kirche als „Kinderfickersekte“ titulieren. Eine solche „Schwarze Liste“ ist schon deswegen problematisch, weil es natürlich immer auf den Kontext ankommt, in dem man etwa vom „Häretiker“ spricht. Jemand, der Häresien äußert und daran festhält, ist definitionsgemäß ein „Häretiker“, so wie jemand, der am Straßenverkehr teilnimmt, ein Straßenverkehrsteilnehmer ist. Das Problem beginnt erst, wenn über den Begriff der „Häresie“ Uneinigkeit herrscht. Und darüber kann man ja diskutieren – sachlich.

Rote Linie ziehen, wenn die Würde des Menschen missachtet wird

Die Spannung von gutem Diskussionsstil und angstfreier Debatte auf der einen und dem Auftrag eines Maximums an gewährleisteter Meinungsfreiheit auf der anderen Seite, ist eine gravierende. Meinungsfreiheit ist dabei ein sehr hohes Gut. Man könnte auf den Gedanken kommen, das auch von „katholisch.de“ veranschlagte katholische Prinzip des „Allumfassenden“ werde gerade durch eine restriktive Moderation unterlaufen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wenn man möglichst viele Personen versammeln und beteiligen will, müssen bestimmte Positionen ausgeschlossen werden. Wenn nämlich die Würde des Menschen missachtet wird, sind katholische Medienangebote gut beraten, eine rote Linie zu ziehen. Zu entscheiden, wann das der Fall ist, dafür braucht es Kriterien. Dafür haben Katholiken neben dem Recht und der Rechtsprechung auch die christliche Moral zu beachten, die mitunter zu Restriktionen führen kann, die ein Amtsgericht nicht anerkennt. Insoweit ist es in Ordnung, wenn „katholisch.de“ Nutzer sperrt, die meinen, die Katholische Kirche „Kinderfickersekte“ nennen zu dürfen. Dürfen sie auch. Aber eben nicht auf „katholisch.de“. Das ist begründungsbedürftig. Das Gute: Es ist gut begründbar – aus dem Glauben heraus. Und dass eine katholische Seite zuerst und vor allem an katholischen Werte Maß nimmt, sollte allgemein einzusehen sein.