Würzburg

Ein Mann der Wahrheit

Der konservative Journalist Herbert Kremp ist tot. Ein Nachruf auf einen Publizisten, der Deutschland prägte.

Herbet Kremp
Herbert Kremp folgte der Wahrheitsdefinition von Thomas von Aquin und suchte die „Übereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit“. Foto: Axel Springer SE

Bei einem unserer letzten Gespräche erzählte Herbert Kremp vom Besuch eines alten Kollegen. Es war ein Gefährte aus den Tagen der Chefredaktion der WELT in den achtziger Jahren. Kremp: „Er sagte, er sei lebensmüde und wolle in die Schweiz, um dem ein Ende zu machen. Es klang wie eine rhetorische Frage. Ich antwortete ihm: Wir sind miles Christi und desertieren nicht.“ Kremp redete gern in militärischen Bildern. Einige Wochen später habe der Kollege ihm geschrieben und ihm mitgeteilt, er gehe jetzt doch nicht in die Schweiz.

Kremp hat selbst die Lebensstellung gehalten bis zuletzt. Er ist de facto an Erschöpfung gestorben. Bei einem Leben, das in 91 Jahren so viel gesehen und ausgehalten hat, ist das nicht verwunderlich. Die Frau bei der Geburt des ersten Sohnes gestorben, der Sohn als Kampfflieger abgestürzt, eine Tochter aus zweiter Ehe an Blutkrebs gestorben, er selber chronisch krank, Trennungen und Intrigen – es war ein tragisches Leben. Aber er hielt durch. Vielleicht half ihm die permanente Frontsituation in journalistischen Grabenkriegen. 1969 wurde er zum ersten Mal Chefredakteur der damals wirkmächtigen WELT, dem Flaggschiff Springers. Es war die Zeit der Angriffe fanatisierter Studenten und der APO auf Verleger und Verlag. „Das hat uns die Takelage zerfetzt“, sagte er später. Aber das Ruder hielt. Und er hielt Kurs, ein Kurs, der Deutschland prägte.

Er wollte vermitteln, nicht verkünden

In der Sache war er, sobald er ihren Wahrheitskern erkannt hatte, immer kompromisslos. Von ihm hörte ich, als junger Redakteur, zum ersten Mal die Definition der Wahrheit von Thomas von Aquin: adaequatio intellectus et rei – Übereinstimmung des Denkens mit der Wirklichkeit. Wenn er diese Übereinstimmung gefunden hatte, hielt er an ihr fest. Das war für ihn Ehrensache und das unterschied ihn von manchen Journalisten.

Diese Übereinstimmung suchte und beschrieb er. Er wollte vermitteln, nicht verkünden. Darin glich er Freunden wie Peter Scholl-Latour. Aber anders als der Meister der Fernsehreportage versuchte er die Wirklichkeit nicht im Bild, sondern im Wort, in der geistigen Analyse offenzulegen. Seine Bücher sind Röntgenaufnahmen der Gesellschaft. Auch sein Spätwerk über die Entstehung des Zweiten Weltkriegs ist so eine gestochen scharfe, die Wirklichkeit entblößende Aufnahme eines historischen Prozesses. Das Buch ist geschrieben, die Kapitel stehen in weißen Umschlägen aufgereiht in seinem großen Büro. Er wollte noch ein paar Fußnoten klären – Wahrheit bis ins Detail.

In hohem Alter, die Mauer war dreißig Jahren gefallen, musste er zu seiner Überraschung in der WELT lesen, dass die Zeitung damals leichtfertig auf die Gänsefüßchen bei der DDR verzichtet hätte und man sich dafür heute entschuldige. Er war in jenen Jahren Herausgeber. Die Wahrheit war anders. In der Endphase des sowjetischen Imperiums, also auch der DDR, organisierte er generalstabsmäßig einen Expertenrat mit hervorragenden Kennern des Ostblocks und geostrategisch denkenden Journalisten. Schon bald war klar: „Wir waren Zeitzeugen eines epochalen Umbruchs. Was die DDR betraf, so wohnten wir einem Staatstod bei. Darüber mussten wir authentisch berichten, das waren wir unseren Lesern schuldig. Dafür mussten wir einen Korrespondenten dort akkreditiert bekommen. Die Gänsefüßchen waren der Preis des moribunden Regimes.“ Die Spitze des Hauses entschuldigte sich, Kremp verzichtete auf öffentliche Richtigstellung. Es ging ihm nicht um seine Person, sondern um die Wirklichkeit – auch hier wieder der innere Drang nach Wahrheit, bis zum Schluss. Dieser Drang hat am 21. März seine Erfüllung gefunden.

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