Würzburg

Der Dicke Hund: Verrat am Zölibat

Für und wider den Zölibat kann man kluge Argumente vorbringen - oder alte Binsen wiederholen. Die "Süddeutsche Zeitung" hat letztere Option gewählt.

Ein Kandidat bei der Priesterweihe
Für und wider den Zölibat kann man kluge Argumente vorbringen - oder alte Binsen wiederholen. Die "Süddeutsche Zeitung" hat letztere Option gewählt. Foto: Corinne Simon (KNA)

Der Theologe Hubert Wolf hat ein Buch mit 16 Thesen gegen den Zölibat verfasst. Das mag auch etwas sein, dass als „dicker Hund“ durchgehen könnte, aber darum geht es hier gar nicht. Es geht auch nicht darum, dass der neue Wolf in interessierten Kreisen breit rezipiert wird. Das ist nicht anders zu erwarten, wenn ein renommierter Theologe zu einem Streitthema der Kirche heute publiziert. Nein, es geht darum, wie die „Süddeutsche Zeitung“ das Buch zum Anlass nimmt, das Thema „Zölibat“ weit unter Wert zu verhandeln.

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Der Dicke Hund - die Medienkolumne im Feuilleton der Tagespost

In dem Beitrag „Segenskraft durch Verzicht auf Sex?“ werden Wolfens Thesen überschwänglich gewürdigt (lassen „den Zölibat sehr alt aussehen“) und beiläufig verkündet, der Zölibat habe praktisch schon immer als „altmodisch und grausam“ gegolten („Gegner gibt es, seit es ihn gibt“). Man fragt sich (soll sich fragen), wie die Kirche überhaupt auf solch eine Schnapsidee kommen konnte. Ganz abgesehen davon, dass der Durchschnittsleser sie schon vor dem Artikel „altmodisch und grausam“ fand. Man erfährt es: „Die Befürworter haben sich immer neue Begründungen einfallen lassen.“

Oberflächliche Binsen statt Argumente

Genannt und gewürdigt werden dann aber nicht die biblischen, theologischen, kirchenhistorischen und pastoralen Argumente, die hier aus Platzgründen nicht aufgeführt werden können (bei Interesse lohnt ein Blick in die thematisch einschlägigen Bücher des Neutestamentlers Klaus Berger: „Zölibat: Eine theologische Begründung“ und „Der Zölibat: Eine theologische Neubegründung“), nein, exemplarisch aufgeführt wird ein Lehrschreiben von Papst Pius X. aus dem Jahr 1908. Gerade so, als stütze sich der Zölibat allein oder zumindest hauptsächlich auf eine „übernatürliche Segenskraft“ durch „Verzicht auf Sex“.

Erst im hinteren Teil des Textes werden oberflächlich einige Binsen wiederholt, etwa die, dass „Chefapostel Petrus“ verheiratet gewesen sei. Ja, richtig. War er. Hat aber keine Bedeutung, weil er das schon vor seiner Berufung war. Nur stehen nach so einer Bemerkung die „Zölibatsbefürworter“ als Ignoranten da und der Verfasser kann schreiben: „Das Überwinden des Zölibats wäre ein später Erfolg der Aufklärung.“ So läuft das Spiel.

Ein Zerrbild als Beleg

Was aber eigentlich noch viel bedrückender ist als das Niveau der Verhandlung des Themas Zölibat, das ist der Umstand, dass die Süddeutsche suggeriert, es gäbe nur einen Ausweg: die Abschaffung des Zölibats. Die ist unausweichlich, schließlich „gehen den Zölibatsbefürwortern die Argumente aus“. So wird ein Zerrbild der katholischen Lehre zum Beleg für die eigene Position. Strohmänner abfackeln für Anfänger.

Doch, damit wir uns nicht missverstehen: Mit der Abschaffung des Zölibats ist es natürlich lange noch nicht getan. Denn: „Die längst fällige Abschaffung ist die letzte Chance der katholischen Kirche, unter Beweis zu stellen, dass sie wenigstens zu einem kleinen Schritt in Richtung Weltoffenheit fähig ist.“ Jetzt der große Schritt: „Wegen ihres Umgangs mit Frauen, mit Schwulen und Geschiedenen, die wieder heiraten wollen, nehmen viele Menschen sie nicht mehr ernst oder nicht mehr wahr.“ Also, Memo: Alles ändern, Kirche! Danke, „Süddeutsche Zeitung“!

Einem Buchautor in einer Analyse 110-prozentig zu folgen, ist das eine. So zu tun, als gäbe es für den Zölibat keine zeitgemäße Begründung, ist das andere. Das ist unsauberes Spiel oder – ein dicker Hund.