Würzburg

Der Dicke Hund: Ökonomie und Ökologie

Eine Zeitung, die sich Leitmedium nennt, sollte die Grenze zum Populismus kennen. Der Berliner "Tagesspiegel" hat sie verpasst.

Mit diesem Bild warb der "Tagesspiegel" für seine Umfrage.
Mit diesem Bild warb der "Tagesspiegel" für seine Umfrage. Foto: Screensho

Um es gleich vorweg zu sagen: das eine ist Klima, das andere ist Wetter. Und, ja: Das eine hat mit dem anderen zu tun, etwa so, wie ein Zuckerstückchen und Diabetes mellitus Typ 2 miteinander in Beziehung stehen. Wer über 30 Jahre und länger zu viel von jenen Zuckerstückchen zu sich nimmt, wird möglicherweise eher adipös als jemand, der Zuckerstückchen meidet, und so am Ende eher Opfer der Zuckerkrankheit. Aber „Zucker“ (das Stückchen) und „Zucker“ (die Krankheit) sollte man nicht gleichsetzen. Insoweit ist es schon etwas unter dem Diskursniveau, zu fragen, ob wir jetzt den Klimawandel erleben. Wo es doch so warm ist. Der Berliner „Tagesspiegel“ tut es trotzdem, im Rahmen einer Suggestiv-Umfrage: „Extreme Hitze in Deutschland: Erleben wir den Klimawandel?“

Sie kennen den „Spiegel“, den „Tagesspiegel“ aber nicht? Darf ich vorstellen: „Das Leitmedium der Hauptstadt“ (Tagesspiegel). Weiter: „Der Tagesspiegel hat die höchste verkaufte Auflage aller Zeitungen in der Hauptstadtregion mit seit über zehn Jahren wachsendem Marktanteil. Der Tagesspiegel zählt zu den meistzitierten Zeitungen Deutschlands und erreicht mehr Hauptstadt-Politikentscheider als alle überregionalen Abozeitungen zusammen.“

Wissen, wo die Grenze zum Populismus liegt

Wenn man nun als Zeitung so stolz auf seine Bedeutung ist, sollte man auch wissen, wo die Grenze zum Populismus liegt. In Sachen Klimawandel dort, wo ein höchst komplexes Phänomen auf subjektiv-situative Empirie reduziert wird. Es ist heiß heute: „Klimawandel!“ So ein Unfug! Genau so ein Unfug wie die Behauptung, es gäbe keinen Klimawandel beziehungsweise keine Erderwärmung, weil es im Mai mal an drei Tagen ziemlich kühl für die Jahreszeit war. In Berlin.

Für die Debatte über den Klimawandel ist nicht ganz unwichtig, liebes Leitmedium der Hauptstadt, hier die Dinge ganz, ganz klarzulegen: „Wetter“ beschränkt sich auf den Zustand der Erdatmosphäre an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, „Klima“ beschreibt die Wetterbedingungen über größere Zeiträume und Regionen und stellt dabei Werte für Klimavariablen im Zeitverlauf fest, die den Zustand der Atmosphäre, des Ozeans, der Eisflächen an den Polen und der Gletscher in den Hochgebirgen charakterisieren. Es ist also höchst abwegig, mit konkreten Wetterbedingungen für oder gegen den Klimawandel Stimmung zu machen.

Der Lapsus der Zeitung, deren Leitwort übrigens rerum cognoscere causas lautet (die Ursachen der Dinge erkennen), dient dann auch noch zu Werbezwecken in eigener Sache. Das macht die Suggestiv-Umfrage richtig pikant. Hier bekommt das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie eine ganz neue Dimension. Dass die führende Hauptstadtzeitung aus dem Klimawandel und der mangelnden Unterscheidung von Klima und Wetter, die fundamental ist, am Ende noch ein Marketing-Schnippchen schlagen will, ist wirklich ein dicker Hund.