Würzburg

Der Dicke Hund: Neue Brutalität in Satirikerkreisen

Als ob die Medienhysterie nicht schon groß genug wäre: Jan Böhmermann hat zu Gewalt gegen Dieter Nuhr aufgerufen. Wie weit darf Satire gehen?

Jan Böhmermann
Der Satiriker Jan Böhmermann scherzt gerne unterirdisch. Jetzt hat er verlangt, dass seinem Kollegen Dieter Nuhr endlich mal jemand „die Fresse poliert“. Foto: Matthias Balk (dpa)

Angeblich darf Satire alles. Einst nannte Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten einen „Ziegenficker“. Aktuell verlangt er, dass seinem Kollegen Dieter Nuhr endlich jemand „die Fresse poliert“. Es darf bekanntlich nach Böhmermanns Ansicht die Satire alles, doch nicht jedem Satiriker ist alles erlaubt.

Dieter Nuhr hatte die Klimaaktivistin Greta Thunberg ironisch aufs Korn genommen, indem er fragte, was diese im Winter mache, heizen doch wohl kaum. Scherze über den nahezu heiliggesprochenen Teenager sind fast ein religiöses Tabu. In solcher Art zeigte sich die Empörung, als sei es die Empörung gegen eine Blasphemie. Der Kabarettist Nuhr lernte die dunkle Seite der Klimamacht kennen. Auf Twitter und Facebook brach ein Shitstorm los, der allerdings kein Abbild im wirklichen Leben fand. „Alte weiße Männer unterhalten alte weiße Männer“, lautete der rassistische Vorwurf eines Twitternutzers.

Darf Satire auch zu Straftaten aufrufen?

Im realen Leben sah es anders aus. In der Show klatschte und lachte das Publikum. In seinem Alltag, so Dieter Nuhr, sei es zu keinen Ausfälligkeiten gegen ihn gekommen. Im Gegenteil habe er viel Zuspruch erhalten. Kabarett ist ein klassisches Ventil, den Ernst der Politik mit Hilfe des Humors zu entspannen. In guter Tradition teilt Dieter Nuhr in alle Richtungen als. Vom Linken über die Grüne, bis zum Liberalen und Konservativen hat jeder Nu(h)r eine spitze Zunge zu fürchten. Anders der Kontrahent Böhmermann, der den tätlichen Angriff auf Nuhr anregte, erlaubt Nuhr seinem Publikum den befreienden politisch inkorrekten Lacher.

Jan Böhmermann fällt eher durch gratismutige Gags und politische Eindimensionalität auf. Unter dem Schutz der öffentlich-rechtlichen Anstalt zeigte er immer wieder die links-grüne Karte und pflegte den unterirdischen Scherz vor allem gegen die Konservativen, aber auch schon mal gegen ausländische Staatschefs. Es stellt sich die Frage, was eigentlich geschieht, wenn es tatsächlich zu Gewalt gegen seinen Kollegen Nuhr kommt. Darf Satire auch zu Straftaten anstiften? Das jedenfalls wäre neu.

Verfälschender Medienlärm

Glaubt man dem Medienhype, so beschäftigt sich Dieter Nuhr seit Wochen nur noch mit Klimagreta. „Im Stern steht, die Medien würden mir ,auf den Leim gehen' und sich so verhalten, wie ich es mir wünsche und dass mir ansonsten wenig anderes einfällt als das Gretathema“, schreibt Nuhr auf Facebook. Das sei falsch. Sowohl im Bühnen- als auch im Fernsehprogramm beschäftige er sich weit überwiegend mit anderen Themen. Weiter beklagt er, es seien vielmehr die Medien, die ausschließlich über die wenigen Greta betreffenden Textteile berichteten. Die dadurch ausgelöste Hysterie um das Thema empfindet der Künstler als abstoßend.

Hier bauschen also Medien ein Thema künstlich auf, welches in der Wirklichkeit diesen Stellenwert überhaupt nicht hat. In der Tat spielen die sozialen Medien mit ihrer grundsätzlichen Disposition zum Shitstorm eine Rolle. Aufgabe seriöser Medienvertreter wäre es, für eine sachgemäße Einordnung der Vorfälle zu sorgen. Es ist hinreichend bekannt, dass beim Thema Klima die Emotionen hochkochen. Es kann nur wenig Rationalität verlangt werden, wenn ein Thema einerseits von Teenagern auf Demonstrationen und andererseits von internationalen NGOs jenseits von Wissenschaft als Leitideologie überstaatlichen Handelns postuliert wird. Insoweit lässt sich nachvollziehen, aber keineswegs dulden, dass Medien unsachlich agieren.

Wenn Medien so verfälschen, ist das schlimm genug. Springt dann noch ein Böhmermann auf diesen Zug und fordert Gewalt gegen Nuhr, dann ist das ein dicker Hund.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier .