Berlin

Der Dicke Hund: Die verlorene Ehre des Christoph M.

Dass Medien über ein Verfahren gegen eine weithin bekannte Person berichten, ist nachvollziehbar. Allerdings nicht, wenn dabei die Unschuldsvermutung fehlt.

Präsentation Bild +
In der Berichterstattung über die Ermittlungen gegen Christoph Metzelder spielte die Bild-Zeitung eine diskutable Rolle. Foto: Stephanie Pilick (dpa)

Liddy Oechtering, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hamburg, bestätigt es: Man ermittle gegen einen 38-jährigen Deutschen wegen des Verdachts der Verbreitung von kinderpornografischen Schriften. Nun handelt es sich bei dem „38-jährigen Deutschen“ nicht nur um einen „38-jährigen Deutschen“, sondern um Christoph Metzelder. Es ist der ehemalige Fußballnationalspieler, der in diesem schrecklichen Verdacht steht.

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung – nicht nur für 38-jährige Deutsche, sondern auch für 38-jährige Kongolesen, Nationalspieler oder nicht. Ob man also über die Ermittlung unter Nutzung des Klarnamens der verdächtigen Person berichten soll, ist die erste Frage. Wie man dann darüber berichtet, die zweite. Frage eins hat sich für die Medien hierzulande offenbar nur sehr kurz gestellt, gemessen an ihrer Antwort auf Frage zwei: So schnell, so unerbittlich, so spektakulär wie möglich. Schmiede das Eisen, solange es heiß ist.

Da ist zum Beispiel das Magazin „1984“, das zu einem Bericht mit dem Titel „Der nette Herr Metzelder: Ex-Nationalspieler unter Kinderpornografie-Verdacht“ ein Foto veröffentlicht, das diesen mit einer Kindergruppe zeigt. Die Gesichter der Kinder wurden verpixelt. Persönlichkeitsschutz? Opferschutz? Dass weder die Kinder noch die Situation, in der das Foto entstand, irgendetwas mit den ermittlungsgegenständlichen Vorwürfen zu tun haben – darauf muss man erst einmal kommen. Der naheliegende Gedanke ist (soll wohl auch so sein): „Ach, sieh mal an, so ist das! Hat sich also immer schon an Kinder rangemacht! Und jetzt das! Na, das passt ja dann!“

Der Dicke Hunde
Der Dicke Hunde: Die Medien-Kolumne in der "Tagespost".

Die "BILD" brachte das Verfahren ins Rollen

Ein Bild, das weiß auch die BILD-Zeitung, sagt mehr als Worte. Und seien es auch 1.000. Im Zusammenhang mit den Verdächtigungen und der begonnenen Ermittlung gegen Metzelder reicht dem Blatt allerdings viel weniger: „Razzia bei Fußball-Star“ steht in großen Lettern auf der Titelseite – daneben ein Porträt des „Fußball-Stars“. Das Satire-Magazin „Postillion“ reagierte darauf in seiner eigenen Manier: „Mann (38) ohne Verfahren öffentlich hingerichtet“.

Mittlerweile ist auch bekannt geworden, wer das Ermittlungsverfahren ins Rollen brachte: die BILD-Zeitung. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass es die BILD war, welche die Polizei zuerst über den Verdacht informierte. Daraufhin habe man Ermittlungen aufgenommen. Entsprechend selbstbewusst titelt BILD am Donnerstag, 5. September: „So liefen die Ermittlungen gegen Metzelder“. Die BILD als Teil der Öffentlichkeitsarbeit deutscher Behörden? Aber BILD wäre nicht BILD, würde die Zeitung nicht auch noch versuchen, die ganze Angelegenheit trefflich zu vermarkten. Auf BILD-Online wird die detaillierte Berichterstattung als „Premium-Angebot“ geführt. „Kinderporno“, „Fußball-Star“ – das zieht. Warum also nicht auch neue Käufer?

Über ein laufendes Verfahren gegen eine bekannte Person zu berichten, liegt möglicherweise im öffentlichen Interesse. Dabei irreführende Kontextualisierungen herzustellen („1984“) und aus der Sache noch Honig saugen zu wollen („BILD“), ist hingegen ohne jeden Zweifel ein dicker Hund.