Berlin

Böse wider Willen

Von Helden, Antihelden und Bösewichten: Der Spielfilm „Joker“ zeichnet die Verwandlung eines Gedemütigten in einen mordenden Psychopathen als zwangsläufige Entwicklung.

Der „Joker“
Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) hat sein ganzes Leben nur Ablehnung und Demütigungen erfahren. Als „Joker“ schlägt er zurück. Foto: Warner/ Niko Tavernise

Jahrhundertelang bestand ein Gutteil der abendländischen Literatur aus Heldengeschichten. In deren Anfängen bevölkern Heroen neben Göttern die Seiten von Ilias und Odyssee. Heldentaten besingen mittelalterliche Epen, von der Artussage über das Nibelungenlied und das Chanson de Roland bis zum Cid. Auch in der Malerei spielt Heldenverehrung in der Glorifizierung des Herrschers von Tizians „Karl V. nach der Schlacht bei Mühlberg“ bis „Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“ von Jacques-Louis David, oder auch in antikisierenden Sujets, etwa in „Der Schwur der Horatier“ (ebenfalls von David) eine bedeutende Rolle.

Von der Heldenverehrung zur Entmythologisierung

Als die Bilder laufen lernten, stand der „Held“ im Mittelpunkt zahlreicher Filme, insbesondere in den klassischen Western: Vor allem John Wayne wurde zum Inbegriff des „Westernheldes“. Viele dieser Filme gelten heute als politisch inkorrekt wegen der Behandlung der Ureinwohner – einschließlich „Heldentod“ des Generals Custer in der Schlacht am Little Bighorn, der gleich in mehreren Filmen verherrlicht wurde, etwa in „Sein letztes Kommando“ (1941), dessen Originaltitel „They Died With Their Boots On“ diese Glorifizierung ausdrückt. Gerade das Genre, das so alt wie das Medium Spielfilm selbst ist, vollzog freilich den Schritt zur Entmythologisierung des Helden. John Ford, der mit „Höllenfahrt nach Santa Fe“ („Stagecoach“, 1939) dem Westerngenre zum Durchbruch verholfen hatte, schuf im Jahre 1956 einen Western, der formal den Genre-Konventionen folgt, aber ganz neue Register anspricht: „Der schwarze Falke“ („The Searchers“). Die von John Wayne dargestellte Hauptfigur Ethan Edwards ist kein über alles erhabener Held, sondern eine gebrochene Gestalt, die sich einerseits durch Tapferkeit und Opferbereitschaft auszeichnet, andererseits aber von einem Indianerhass getrieben wird, der ihn sein eigentliches Ziel aus den Augen verlieren lässt. Ethan Edwards kann denn auch als „Antiheld“ bezeichnet werden.

Der Antiheld, der in der Literatur vor allem in gesellschaftskritischen Schelmenromanen anzutreffen ist, drückt stets eine gewisse Gesellschafts- und Zivilisationskritik aus. Der Antiheld lebt von Ambivalenzen und Antithesen. Er spiegelt eine modern-komplexe Gesellschaft wider, der schwarzweiße Eindeutigkeiten abhanden gekommen sind. Antihelden werden als vielschichtige, vertrackte Charaktere gezeichnet. Im Film finden sie sich sowohl in den sogenannten Spaghetti- und Spätwestern etwa mit den von Clint Eastwood verkörperten Figuren als auch im Film-noir. Hier wären die von Humphrey Bogart in „Die Spur des Falken“ (John Huston, 1941), „Tote schlafen fest“ (Howard Hawks, 1946) und Jack Nicholson in „Chinatown“ (Roman Polanski, 1974) gespielten Detektive zu nennen.

„Der Antiheld lebt von Ambivalenzen
und Antithesen. Er spiegelt eine modern-komplexe
Gesellschaft wider, der schwarzweiße
Eindeutigkeiten abhanden gekommen sind“

Von Antihelden zu unterscheiden sind Antagonisten des Helden, sogenannte „Bösewichte“, von denen es in der Populärkultur nur so wimmelt – von Dr. No und Goldfinger in James-Bond-Filmen bis „Syndrome“ und Winston Deavor in den beiden „Die Unglaublichen“-Animationsfilmen (Brad Bird, 2003 und 2018). Der größte Bösewicht der letzten Kino-Jahrzehnte – zusammen mit Hannibal Lecter in Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) – ist Darth Vader, der „Schwarze Lord“ in der ersten „Star Wars“-Trilogie (1977-1983). Als Erfüllungsgehilfe des diktatorischen Imperators schreckt er vor keiner Gewalttat einschließlich der Zerstörung eines ganzen Planeten zurück. Ihm widmete Star-Wars-Erfinder George Lucas eine zweite Trilogie (1999-2005), um die Verwandlung des Jedi-Ritters Anakin Skywalker in den Schwarzen Lord Darth Vader zu verdeutlichen.

In dem gerade gestarteten Film „Joker“ erzählt Drehbuchautor und Regisseur Todd Phillips die Entstehung eines der größten Bösewichte der Comic-Welt, des Gegenspielers von „Batman“, der als Psychopath dargestellt wird. Joker geht mit sardonischem Lächeln buchstäblich über Leichen, und ist deshalb schwer zu fassen, weil er nur Chaos und Verwüstung anrichten will. In den vier ersten Real-Verfilmungen von Tim Burton und Joel Schumacher (1989-1997) spielt sogar Joker eine größere Rolle als Batman selbst. Gut und Böse sollten sich in geradezu peinlicher Weise die Waage halten. Erst die Neuinterpretation von Christopher Nolan in „Batman Begins“ (2005) und „The Dark Knight“ (2008) erlangt Batman das Heldenhafte zurück, und Joker wird wieder zum Widersacher. An Erzeugnissen der Popkultur wie den Comics sowie an deren Rezeption durch das Medium Spielfilm lässt sich die Entwicklung des Zeitgeistes beobachten.

Die Umstände sind schuld an der bösen Verwandlung

Todd Phillips' „Joker“, der filmisch – vom genau getimten Drehbuch über die Oscar-reife Darstellung durch Joaquin Phoenix und eine umwerfende Kamera samt Farbgebung bis hin zur großartigen Filmmusik – hervorragend gelungen ist, unterscheidet sich jedoch grundlegend von der Verwandlung aus Anakin in Darth Vader. Abgesehen davon, dass der Zuschauer Anakins Abgleiten auf „die dunkle Seite der Macht“ in dem Wissen verfolgt, dass er am Ende doch noch erlöst wurde, lässt sich der Jedi-Ritter durch eigenes Verschulden von der „dunklen Seite“ anziehen: Sein Zorn, sein Streben nach mehr Macht, die Missachtung der Gehorsams- und Zölibatspflichten eines Jedi-Ordensritters, ... sind Ausdruck eines fehlgeleiteten freien Willens.

Anders „Joker“, der zu Beginn noch Arthur Fleck heißt. Der junge Mann, der seine kranke Mutter vorbildlich pflegt, wurde nicht nur als Kind missbraucht. Er leidet auch unter einem psychotischen Lachzwang. Arthur wird von Teenagern auf der Straße drangsaliert, von jungen Bankern in der U-Bahn verspottet und von seinen Arbeitskollegen gehänselt. Er ist ein Außenseiter, der nur Demütigungen kennt. Der Schritt zum brutal mordenden Psychopathen scheint programmiert. Nicht zufällig erinnert die Welt, in der Arthur/Joker lebt, kaum an die Comic-Stadt Gotham City. Der Realismus, den Todd Phillip seinem Film verleiht, zeigt ein düsteres Bild der Gesellschaft, in der die Schere zwischen Reich und Arm immer größer wird. Der Mutterboden, auf dem „Wutbürger“ und Amokläufer gedeihen. Todd Phillip zeichnet in seinem Film eine Dystopie, in der für die Verwandlung von Arthur in Joker „die Verhältnisse“ schuld sind. Für den freien Willen bleibt wenig Platz.