Washington

Ein Film für das Leben wird zum Politikum 

Der Film „Unplanned“ sollte nun in deutsche Kinos kommen. Doch „Cancel Culture“ und Denkmalstürzler üben auch hier Druck aus. JA zum Leben ist trotzdem optimistisch: „Der Zuspruch ist dennoch groß!“

UNPLANNED (Szenenbild)
Abby Johnson erlebt als Mitarbeiterin von „Planned Parenthood“, wie sich ein ungeborenes Kind gegen den unweigerlichen Tod wehrt. Johnson kündigt und kehrt der Abtreibungslobby den Rücken. Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Die Läuterung ist eine der kräftigsten Botschaften des Christentums. Das aufzugeben, woran man vorher geglaubt, das zu verteidigen, was man vorher attackiert hat; das ist eine der großen Erzählungen der Urchristen, die in Paulus ihren radikalsten Protagonisten gefunden haben. Das Damaskuserlebnis von Abby Johnson, einer Mitarbeiterin des Abtreibungsanbieters Planned Parenthood, vollzieht sich am eigenen Arbeitsplatz. Die Texanerin, die bis dahin dem „pro choice“-Lager angehört, sieht auf Ultraschall, wie ein Fötus sich gegen den unweigerlichen Tod wehrt. Johnson, die bereits vorher Zweifel hegt, macht kurzen Prozess: Sie kündigt bei Amerikas führender Abtreibungslobby und schlägt sich auf die Seite des Lebensschutzes. Bei der christlichen Organisation „40 Days for Life“ findet sie ein neues Zuhause. 2011, zwei Jahre nach ihrem Ausstieg, verarbeitet Johnson die Erlebnisse in ihren Memoiren: Stoff, der für die beiden christlichen Regisseure Cary Salomon und Chuck Konzelman wie gemacht ist. Ihr Film trägt denselben Titel wie die Memoiren: „Unplanned“.

Der Film ist seit seiner Veröffentlichung im März 2019 ein Politikum in den Vereinigten Staaten. „Unplanned“ hat es dort sogar in eine Senatsanhörung geschafft – weil das Abtreibungslager den Film in allen Facetten auszubremsen versuchte. Der Streifen bekam eine „R“-Altersfreigabe, was bedeutete, dass Teenager unter 17 Jahren den Film nur mit einem Erwachsenen ansehen durften. Die Einstufung, die vor besonders brutalen Filmen schützen sollte, schreckte zugleich einen großen Teil des christlichen Zielpublikums ab. Fernsehsender boykottierten Werbeversuche mit Hinweis auf das Rating. Der Kabelsender Lifetime, bei dem die Hollywood-Ikone Scarlett Johansson in einem Interview Planned Parenthood unterstützte, verwehrte den Filmemachern jegliche Erwähnung wegen der „sensiblen Natur des Films“. Google zeigte den Filmemachern die kalte Schulter, als diese Anzeigen schalten wollten und ordnete ihn in die Sparte „Drama/Propaganda“ ein. Die Social-Media-Plattform Twitter sperrte sogar den Film-Account am Eröffnungswochenende. Der Senator Josh Hawley beschwerte sich in einem Brief an Twitter-Chef Jack Dorsey und forderte eine unabhängige Untersuchung bezüglich Twitters Politik in Sachen Meinungsfreiheit. Der US-Wahlkampf, in dem Abtreibung nach wie vor ein heißes Eisen zwischen Demokraten und Republikanern bleibt, tat sein Übriges: Präsident Donald Trump lobte den Film.

„Viele Kinobetreiber äußerten Befürchtungen vor linken
Krawallmachern, namentlich der Antifa. Konkrete Drohungen
gäbe es zwar keine. Aber im Zeitalter von „Cancel Culture“
und Denkmalstürzern hat der linke Mob an abschreckender
Militanz gewonnen, die man nicht herausfordern will“

Von einer hitzigen Debatte wie in den USA ist der deutsche Kinostart meilenweit entfernt. Die Premiere findet in der ersten Septemberwoche statt – ohne großes Aufsehen. Bereits seit einem Jahr liegt der STIFTUNG JA ZUM LEBEN eine Synchronisierungsanfrage vor. Dabei hat nicht nur die Corona-Pandemie die Planungen durcheinandergewirbelt. Die deutsche Kinowelt beschweigt „Unplanned“ wie die amerikanische Film- und Fernsehindustrie. Mehr noch: bisher haben lediglich vier Kinos eine Anfrage für die Filmvorstellung positiv beantwortet. Es stünden zwar noch Antworten aus, so eine Mitarbeiterin der STIFTUNG JA ZUM LEBEN. Doch man habe bereits früh eine andere Strategie erkoren. „Die Stiftung hat, als sie gemerkt hat, dass sie über die Schiene Kino nur bedingt weiterkommt und dass Corona den Prozess extrem in die Länge ziehen wird, zusätzlich ein exklusives Sonderkontingent DVDs bekommen, das noch vor dem offiziellen Verkaufsstart an Multiplikatoren versendet wurde“, sagt sie der „Tagespost“. „Inzwischen haben 1 000 Multiplikatoren im deutschsprachigen Raum den Film erhalten, mit einer Anleitung zur Organisation von Privatveranstaltungen.“

Warum „Unplanned“ zu einer vornehmlich privaten Veranstaltung wird – dafür existieren gleich mehrere Gründe. Es gäbe auch absurde Argumente für Absagen, so die Mitarbeiterin, etwa, weil man prinzipiell „nichts vorführt gegen Impfen oder Abtreibungen“. Doch offensichtlich regiert vor allem die Angst. Viele Kinobetreiber äußerten Befürchtungen vor linken Krawallmachern, namentlich der Antifa. Konkrete Drohungen gäbe es zwar keine. Aber im Zeitalter von „Cancel Culture“ und Denkmalstürzern hat der linke Mob an abschreckender Militanz gewonnen, die man nicht herausfordern will. Konzelmann habe der Stiftung geschrieben, dass es in Frankreich „unmöglich war, auch nur ein Kino zu finden“, das den Film vorführen wollte. In Kanada haben es sogar Morddrohungen gegen Kinobetreiber gegeben, Premierminister Justin Trudeau warnte energisch vor dem Streifen.

Altersfreigabe auch in Deutschland hochgestuft

Ähnlich wie in den USA wurde die Altersfreigabe in Deutschland hochgestuft: von FSK 12 auf FSK 16. Wenn „Unplanned“ in den Medien eine Rolle spielte, dann nur mit dem Geraune negativer Publicity. So hatte die Stuttgarter Zeitung in einem Artikel zwar die Probleme der Filmfreigabe in den USA thematisiert, jedoch ein negatives Bild gezeichnet. Das schreckte Kinobetreiber ab. „Keine gute Werbung für den Film“, resümiert die Stiftungsmitarbeiterin. Wie in den USA liegt nun alle Hoffnungen auf Mund-zu-Mund-Propaganda und Netzwerken. Das scheint zu wirken: „Der Zuspruch ist so groß, dass wir bereits die nächsten 1 000 Adressen für eine weitere Aussendung sammeln können."

 

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