Würzburg

Wanderungen durch die Literatur

Der Religionslehrer Felix Hornstein führt in den Sinn von Dichtung auf der Suche nach Gott.

Orpheus versucht Eurydike aus dem Totenreich zu führen
Orpheus versucht Eurydike aus dem Totenreich zu führen, doch es gelingt ihm nicht. Erst Christus wird den Tod besiegen. Foto: Wikipedia

Philosophen und andere Denker sind berühmt dafür, Gedankengebäude zu errichten. Die Frage ist nur, ob man darin auch wohnen kann: Ist das Dach dicht, tragen die Balken, wird geheizt? Sicher ist wohl nur, dass man auch für Gedankengebäude mitunter recht hohe Mieten zahlen muss.“ So beginnt Felix Hornstein seinen eben erschienenen Essay-Band mit sieben Kapiteln zur Literatur.

Aber was er auswählt und bespricht, ist mehr als Literatur: Sie führt – seit jeher – in ihren besten Vertretern geradewegs zur Philosophie, und wenn sie wirklich gut ist, ebenso stracks zur Theologie. Dazu muss der Interpret aber auch die Muster aufdecken können, die einer inspirierten Literatur zu eigen sind. Wenn diese Muster bis in die Tiefen der Existenz, und weiter: in die Tiefen des göttlichen Ursprungs führen, wird Lesen zum Glück. Absichtslos muss ihre Deutung sein, damit sie nicht im schlechten Sinn lehrhaft wirkt und das, was „von selbst“ aufleuchtet, verdirbt.

"Wenn diese Muster bis in die Tiefen der Existenz,
und weiter: in die Tiefen des göttlichen Ursprungs führen,
wird Lesen zum Glück.
Absichtslos muss ihre Deutung sein,
damit sie nicht im schlechten Sinn lehrhaft wirkt
und das, was „von selbst“ aufleuchtet, verdirbt."

Felix Hornstein, Gymnasiallehrer aus Tegernsee, unterrichtet höhere Klassen bis zum Abitur in Religion, und zwar im Licht der Catholica. Wie erhellt man diese Lehre in der Schule so, dass sie nicht im Altbekannten (was erfahrungsgemäß heißt: im Unbekannten) bleibt und unbegriffen mit dem Lehrplan verdämmert? Wer den wunderbaren Film kennt: „Der Club der toten Dichter“, weiß von der wenig geglaubten Möglichkeit, angeblich „tote Worte“ zum Leben zu erwecken.

Wenn der Lehrer nämlich selbst in diesen Welten wandert und in Glut und Weh menschlichen Schicksals eingetaucht ist, dann gelingt die Ansteckung der jungen Generation. Dann wird übrigens auch offenkundig, dass es nicht wichtig ist, zwischen „hoher“ und „volkstümlicher“ Literatur oder solcher für Kinder und für Erwachsene zu unterscheiden, wenn nur beide wirklich lustvoll, stimmig, ergreifend erzählen können. Diese eigene Lust am Erforschen literarischer Welten wird spürbar und spannt in dem Buch unterschiedlichste Themen zusammen. (Und so könnte Religionsunterricht heute auch aussehen.)

Was für ein Bogen von einem Kinderbuch über Fisch und Frosch bis zum antiken Mythos von Orpheus und Eurydike und ihrem vergeblichen Gang aus dem Totenreich! Fisch und Frosch, zusammen im Tümpel aufgewachsen, trennen sich später, denn der Frosch kann in beiden Welten leben: in Wasser und Luft. Aber der Fisch, der das auch versucht, muss fast sterben, bis er begreift, dass sein Element nur das Wasser ist.

Lehrstück über das Glück der Grenze

Ein Lehrstück also über die Grenze, über das Glück der Grenze, über die Tatsache, dass nur darin die Entfaltung des Eigenen gelingt. Welche kindliche Botschaft für eine maßlose Welt, die bei dem Wort Grenze nur die Einschnürung, nicht das Maß eigener Vollkommenheit hört! Dann der tragische antike Mythos: Warum verliert Orpheus die Geliebte ein zweites Mal, und endgültig? Weil der Tod eben endgültig ist – die Unterwelt gibt niemanden heraus. Selbst der Liebende, Hoffende, Tapfere versagt – er muss versagen angesichts der Endlichkeit. Dann aber eine andere Antwort, über alles Verstehen hinaus: das Wiedererstehen eines Toten, anders als gedacht, tiefer als erträumt. Christus als zweiter Orpheus, der die Toten holt… unbegreiflich, und durch eigenen Todesschmerz hindurch.

Ein weiterer Bogen führt vom Krabat des Otfried Preußler zur Legende des Christophorus, der das Weltenkind über den Strom trägt. Beide verbindet das anfängliche Stehen im Dienst des Bösen, nicht ganz begriffen und nicht wirklich gewollt, aber auf Dauer ansteckend und tödlich. Krabat wird durch ein österliches Mädchen, in dem die Jungfrau Maria aufscheint, und durch erschöpfende eigene Anstrengung gelöst; Christophorus durch das Kind, das ihn erst ins Wasser hinunterdrückt und dann souverän herauszieht. Beides sind Geschichten auf Leben und Tod, die den Helden durch alle Schrecken schleifen. Am Rande des Untergangs, nein im Untergang selbst dann die Hand, das Auge, das Wort, das wieder hervortaumeln lässt – und löst. Theologie pur.

Oder das erotische Abenteuer des Odysseus mit Kalypso, das Homer ausmalt – und trotzdem erhebt sich in Odysseus die unbesiegbare Sehnsucht nach Hause. Warum? „Um den Rauch nur der Heimat steigen zu sehen.“ Vom Rauch der Heimat kommt der Autor auf den in seiner Seele immer noch schwelenden Rauch über dem zerbombten Freiburg am Ende des Krieges, von dort auf die Heimat im Himmel, die alles Ausfliegen und Zurückkehren heimlich anzieht. Das geschieht mühelos und richtig.

Auch der bekannte Elefant erscheint, um den sich die Religionen sinnlos streiten, weil der eine Blinde den Fuß abtastet, der andere den Zahn, der dritte den Schwanz… Häufig wird die indische Legende benutzt, um die gleiche Gültigkeit, also die Gleich-Gültigkeit der verschiedenen Aussagen über Gott und die Götter zu demonstrieren. Nicht so hier: Es gibt den einen Elefanten, er ist nicht stumm, er hat Wichtiges von sich mitgeteilt.

Letztlich die merkwürdige Satire auf Himmel und Hölle in der Geschichte „Der Traum“ (1989) des Engländers Julian Barnes. Es ist eine Satire, die unser aller Traum so aufbläst, dass er platzen muss. Im geträumten Schlaraffenland wird jeder Wunsch erfüllt: Denkbar Vieles, ja alles, auch erfüllter Sex, ist schon gewährt, fast bevor das Verlangen auftaucht. Es kommt, wie es kommen muss: Auf Dauer ist dieser „Himmel“ lähmend. Langweilig. Abgestanden. Begegnungen mit anderen Größen sind so leer wie diese selbst (die Antike sprach von Schatten). Und der Schluss liegt nahe: Genau so sieht die Hölle aus, die Hölle einer narzisstischen Einsamkeit. Das Lebenselixier fehlt, es wird nur nachgemacht, sozusagen digital angeboten: Beziehung, Freundschaft, Fremdheit des anderen, die erobert werden will, Liebe, Eros, Verlangen, Sehnsucht und Stillung…

Epochen beleuchten sich gegenseitig

In dem bunt Gehäuften verwebt der Autor kenntnisreich die Epochen zu lebendigem Leben. Antike, Neuzeit, Postmoderne beleuchten sich gegenseitig. So steht Hölderlin selbstverständlich neben Augustinus, Rilke neben Sappho, Gryphius und Nietzsche neben Krabat beim Schwarzen Müller; Ovid taucht neben Reiner Kunze und C. S. Lewis auf. Es macht beim Lesen Freude, sich ins Getümmel der Bilder und Zitate zu werfen, im Netz der Bezüge zu verstricken und wieder herausgeführt zu werden. Und immer neue Überraschung: In den weitläufigen Gratwanderungen erscheint die wechselnde Gestalt des Menschensohnes, des Gottes, der lebte und starb und auferstand – unerschöpflich für alles Verstehen. Es ist Kunst, diese Geschichten so ineinander zu blenden und darin den Rhythmus von Freude und Trauer pulsieren zu lassen, zwischen „Nichts und Fülle“.

Hier strömt Wasser aus dem verhärteten Felsen;
die Kunst des Wortes hat ihn berührt.
Solche Deutungen zeigen das Leben wieder als das,
was es immer war:
als göttlichen Entwurf, als Labyrinth, als Spiel auf Leben und Tod.

Nicht oft geschieht ein solcher Dienst an der heutigen Kultur, der ihr die Perlen ihres eigenen Könnens, ihrer Herkunft, ihrer Spannweite zeigt. Hier strömt Wasser aus dem verhärteten Felsen; die Kunst des Wortes hat ihn berührt. Solche Deutungen zeigen das Leben wieder als das, was es immer war: als göttlichen Entwurf, als Labyrinth, als Spiel auf Leben und Tod. Nicht zuletzt: Wie wohl tut es, Texte zu lesen, in denen die Sprache stimmt. Und dann, kaum erstaunlich, aber erfrischend: in denen auch das Denken stimmt. Obwohl dieser Zusammenhang in Wirklichkeit natürlich klar ist. Denn Worte gebären ja Welten, und wer in solchen Welten wandert, findet das Altbekannte heute morgen neu.

Text heißt eigentlich Gewebe. Es gibt Texte, die aus der Kunst des Zusammenwebens vielfältiger Fäden bestehen. Auch das Gewebe dieser sieben Deutungen zerfasert nicht, es wird dicht und bunt und lockt immer tiefer hinein.

Felix Hornstein:
Literarische Gratwanderungen. Der Mensch auf der Suche nach Gott.
Patrimonium Verlag, Aachen 2020, 221 Seiten, ISBN: 978-3-86147-136-9, EUR 14,80

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.