Völkermord

Talât Pascha: Ein Völkermörder wird als Märtyrer gefeiert

Talât Pascha, Gründer der modernen Türkei und Völkermörder, wurde vor 100 Jahren, am 15. März 1921 in Berlin aus Rache für seine Verbrechen erschossen. Der Schweizer Historiker Hans-Lukas Kieser legt erstmals eine wissenschaftliche Biographie über diesen türkischen „Nationalhelden“ vor.

Talât Pascha (hier vor 1917)
Talât Pascha (hier vor 1917) wird heute in der Türkei als großer Staatsmann und weitsichtiger Gründervater angesehen. Seine mörderische Politik gegen Armenier und Christen wird dabei aktiv ausgeblendet. Foto: UN

Rechtzeitig zu seinem 100. Todestag ist jetzt eine Biographie über den letzten osmanischen Großwesir Talât Pascha (1874-1921) erschienen. Dieser letzte osmanische Premierminister war gleichzeitig auch Chef einer jungtürkischen Untergrundorganisation, die sich „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (CUP) nannte, die den Völkermord an den Armeniern ausführte.

Allein verantwortlich für die Vertreibung der Armenier

Als Verbündeter Deutschlands im Ersten Weltkrieg hatte Talât zwei Kriegsziele, einen Sieg gegen die Alliierten und die Ausrottung der Armenier und anderer Christen im Osmanischen Reich. Der 25. April 1915 ist nach Ansicht Kiesers das entscheidende Datum hierzu. An jenem Tag wurde mit deutscher Hilfe der Vorstoß der britischen, französischen und australischen Marine an den Dardanellen erfolgreich abgewehrt. Nach der desaströsen Niederlage im Kaukasus ein Jahr zuvor löste das einen Siegesrausch bei den Türken aus, gleichzeitig markiert dieser Tag den Beginn von Talâts „Lösung der armenischen Frage“. Die nahezu vollständige Entfernung von 1,5 Millionen armenischen Bürgern aus ihrer historischen Heimat Anatolien und der europäischen Türkei und ihre Deportation zum Sterben in die Syrische Wüste entwarf Talât ganz allein, so Kieser.

Nicht überall gehorchten die Gouverneure Talâts Vernichtungsbefehlen. Einer von ihnen war Ali Mazhar Bey, der Vali von Angora, einer damals zur Hälfte armenischen Stadt, die 1923 als Ankara die neue Hauptstadt unter Atatürk werden sollte. Dem Stadtrat erklärte Mazhar im Frühjahr 1915: „Ich kann das nicht tun, ich bin ein Gouverneur, kein Bandit.“ Um seinen Willen durchzusetzen schickte Talât einen jungen Mann namens Atif nach Angora, der Ali Mazhar ersetzte und in nur sechs Wochen alle Christen aus Angora deportierte und ermordete. Die Entsendung des späteren Kölner Generalvikars Emmerich David als deutscher Wehrmachtspfarrer im päpstlichen Auftrag zur Rettung der Armenier nach Angora im Herbst 1915 kam zu spät. Ali Mazhar wurde später Vorsitzender des osmanischen Gerichts, das 1919 in Konstantinopel Talât zum Tode in Abwesenheit verurteilte.

Die Kriegsverbrecher fliehen im deutschen U-Boot

Nachdem die Briten den Osmanen am 30. Oktober 1918 den Waffenstillstand von Mudros aufgezwungen hatten, flohen die Kriegsverbrecher mit deutscher Hilfe in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1918 auf einem deutschen U-Boot über das Schwarze Meer nach Odessa und von dort per Zug nach Berlin. Hier lebte Talât ab dem 10. November 1918 zusammen mit seiner Frau in einer Dreizimmerwohnung in der Hardenbergstraße in Charlottenburg. Talât arbeitete von Berlin aus an einem politischen Comeback in der Türkei, wo er die Milizen von Mustafa Kemal im Bürgerkrieg gegen die osmanische Regierung unterstützte. Er plante bereits seine Rückkehr nach Angora, der neuen Hauptstadt der republikanischen Türkei, die den noch amtierenden Sultan in Konstantinopel bekämpfte.

Der Botschafter dieses Sultans in Berlin, Rifat Pascha, verlangte von den deutschen Behörden die Auslieferung Talât Paschas, nachdem er von dessen Aufenthalt in Berlin erfahren hatte. Die deutsche Regierung unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert kam dem Auslieferungswunsch Rifat Paschas allerdings nicht nach; man tat so, als wüsste man nichts von einem Aufenthalt des Kriegsverbrechers in Deutschland. Talât allerdings gab Interviews für Zeitungen und reiste nach Holland und Schweden, um Gesinnungsgenossen zu treffen und traf sich mit Karl Radek in einem Berliner Gefängnis; der britische und auch der sowjetische Geheimdienst waren ihm auf den Fersen. Doch Talât spielte noch im Exil Deutsche, Briten und Russen gegeneinander aus, wie es Erdogan heute noch tut.

„Ich habe den Mörder von 78 Mitgliedern
meiner Familie gerichtet.“

Auch die Armenier hatten seine Spur aufgenommen. Am 15. März 1921 wurde Talât von dem armenischen Studenten Soghomon Tehlirian in der Hardenbergstraße in der Nähe seiner Wohnung auf offener Straße erschossen. Tehlirian stammte aus Erzurum, der armenischen Hauptstadt Anatoliens; er war Mitglied des geheimen armenischen Kommandos „Operation Nemesis“, das die Haupttäter des Genozids an den Armeniern jagte und tötete, als erste jedoch die Verräter innerhalb der armenischen Volksgruppe. Tehlirian rechtfertigte drei Monate später vor dem Moabiter Landgericht das Attentat mit folgenden Worten: „Ich habe den Mörder von 78 Mitgliedern meiner Familie gerichtet.“ Deutsche Offiziere der osmanischen Militärmission und der armenisch-katholische Bischof Krikoris Balakian als einziger Überlebender, erhoben als Zeugen schwere Anschuldigungen gegen die Führung des Osmanischen Reichs. Nach einem kurzen zweitägigen Prozess, die Reichsregierung wollte keine kompromittierenden Schlagzeilen, wurde Tehlirian von dem Geschworenen-Gericht wegen Unzurechnungsfähigkeit aufgrund der traumatischen Erfahrungen, die er während des Völkermordes gemacht hatte, für unschuldig befunden.

 

Nach Kieser betrachtete Staatsgründer Mustafa Kemal eigentlich Mehmet Talât als seinen Vorgänger, das beweist er mit deren Korrespondenz in den Jahren 1919–1920. Talât hätte den Titel „Atatürk“ (Vater aller Türken) als erster verdient, denn Kemal Pascha folgte Talâts Vermächtnis und handelte gemäß dessen Logik. Die Republik Türkei basiert auf den von Talât gelegten Fundamenten und dem turanisch/pantürkischen Messianismus von Gökalp, schreibt Kieser. Talât stellte auch die Weichen für ein Jahrhundert, das politischen Terror und ethnische Säuberungen in einem nie geahnten Ausmaß erleben sollte.

In der Türkei feiert man den Massenmörder als Held

Talât wurde zunächst auf einem türkischen Märtyrerfriedhof in Berlin beerdigt. 1943 wurden seine sterblichen Überreste nach Istanbul überführt und im Freiheitsdenkmal in ªiºli, Istanbul, in einem Ehrengrab beigesetzt. Seine Rückkehr in die Türkei wurde dort als Rückkehr eines Nationalhelden gefeiert, an der Beerdigungszeremonie nahmen Vertreter der türkischen Politik sowie der deutsche Botschafter Franz von Papen teil.

Bereits kurz nach seinem Tod erschienen im Oktober 1921 die „Posthumen Memoiren von Talât“ in der New York Times. In diesen gab Talât zu, die Armenier in einem vorbereiteten Plan in die östlichen Provinzen des Osmanischen Reiches deportiert zu haben. Auch von fast allen Historikern wird er als einer der Hauptverantwortlichen für den Völkermord an den Armeniern angesehen. Mustafa Kemal Atatürk kritisierte zwar Talât und seine Kollegen für ihre Politik während und unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, er hob aber die von einem osmanischen Gericht verhängten Todesurteile gegen sie auf. Heute wird Talât Pascha in der Türkei als „großer Staatsmann, geschickter Revolutionär und weitsichtiger Gründervater“ angesehen, viele Schulen, Straßen und sogar Moscheen in fast jeder Stadt der Türkei sind nach ihm, einem Kriegsverbrecher und Massenmörder, benannt. In Armenien zierten zum 100. Jahrestag des Völkermords große Plakate mit den beiden Konterfeis von Mehmed Talât und Adolf Hitler die Straßen des kleinen Landes der Überlebenden eines Völkermords. Auf ihnen stand in armenischer, russischer und englischer Sprache: „Wenn man den ersten Völkermord verurteilt hätte, hätte man den zweiten verhindern können.“


Hans-Lukas Kieser:
Talât Pascha – Gründer der modernen Türkei und Architekt des Völkermords an den Armeniern. Eine politische Biografie.
Chronos Verlag, Zürich 2021, 440 Seiten, ISBN-13: 978-3-03401597-4, EUR 48,–

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