Landau

Schiefer Turm an Putin

Ilija Trojanow verfolgt Spuren einer Präsidenten-Kumpanei, die weltweite Zusammenhänge in neuen Licht erscheinen lässt.

Putin- und trump-Masken
Unter Masken oder echt? Der Roman "Doppelte Spur" ist ein literarisches Täuschungsspiel über das Verhältnis von Trump und Putin. Foto: imgao images

Nehmen wir einmal an, alles, was je geschrieben wurde, sei die blanke Wahrheit. In diesem Fall dürfte der neue Roman des deutschen Schriftstellers bulgarischer AbstammungIlija Trojanow wirklich das Gruseln lehren: Nachdem der namentlich mit dem Autor identische Ich-Erzähler Unterlagen von Whistleblowern aus den USA und Russland erhält, verdichten sich die Hinweise nicht nur auf eine enge Beziehung zwischen den beiden Präsidenten der Großmächte, sondern mehr noch: auf eine erschreckende gegenseitige Abhängigkeit. Trump, chiffriert als „Schiefer Turm“, stünde demnach in gleich vielfältiger Weise in der Schuld Putins, alias „Mikhail Iwanowitsch“. Hinzu kommen krumme Deals mit Zwischenmännern, allerlei Verwicklungen, etwa in zwielichtige Immobilien- und Kreditgeschäfte oder in den gigantischen Missbrauchsskandal eines Jeffrey Epsteins. Und, und, und. Wir erleben einen so umtriebigen wie akribischen Protagonisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen Boris Schicht um Schicht einen Sumpf aus Lügen, Korruption und Machtgier trockenzulegen versucht.

Ein Wust aus geschwärzten Seiten, vermeintlich echte Dokumente, Realität?

„Politik“, so erfahren wir unmittelbar zu Beginn dieses rasant erzählten Textes, „ist für mich strukturelle Gewalt, die es zu entlarven gilt.“

Indem Trojanow immer mehr Namen von Banken, Militärs und hochrangigen, aber im Geheimen operierender Akteure in die Story einpflegt, scheint die Geschichte an Beweiskraft zu gewinnen. Doch was entspricht in dem Netz aus Querverweisen, in dem Wust aus geschwärzten Seiten und vermeintlich echten Dokumenten überhaupt der Realität? Wie viel Faktizität verbirgt sich hinter der Recherche, die ja eigentlich als Roman deklariert ist? Was trübt sich ein? Was hält Beweisen stand? „Die Muster wiederholen sich: In den ersten Minuten oder Stunden nach der Tragödie sind die Fakten kurzzeitig sichtbar, es herrscht so etwas wie Informationsfreiheit. Bald schon setzen die Mechanismen der Bearbeitung, der Nacherzählung ein.“ Wohl auch deswegen bedient sich der Autor keines unterkühlten Berichtstils, sondern schwingt die Feder mit Sprachwitz und treffenden Metaphern. Angesichts des unter seltsamen Umständen entstandenen Reichtums Trumpsist von einem „Mann [die Rede], der bei einer pekuniären Variante des Spiels ,Reise nach Jerusalem‘ als Letzter übriggeblieben war.“ Solcherlei Sätze zeugen von einem lockeren, aber nicht minder kunstsinnigen Ton. Wäre der Inhalt nicht so krude, könnte man das Ganze als unterhaltsame Posse lesen.

Alles ist „wahr“ oder „wahrscheinlich“

Geboten wird, wie zu befürchten ist, mehr Wahrheit, als einem lieb ist. Wenn in dieser Prosaschrift „alles“, wie es zu Beginn heißt, „wahr“ oder „wahrscheinlich“ sei, bleibt allerdings ebenso ein Hintertürchen des Zweifels. Und Trojanows letztendlich aus Angst vor Verfolgern gefundene Zuflucht bei indigenen Bauern im Urwald sollte man wohl auch skeptisch hinterfragen.

„Was, wenn der Skandal die Norm ist“

Mit „Doppelte Spur“, einer astreinen Mixtur aus „Die drei Tage des Condor“ und „Die Unbestechlichen“, ist dem 1965 in Sofia geborenen Schriftsteller weitaus mehr als ein spannender Thriller gelungen. Gerade das Spiel aus Tatsachen und Spekulation lässt sich als eine souveräne Analyse unserer zutiefst verunsicherten Mediengesellschaft bezeichnen, die im Würgegriff der Fake News nichts so sehr ersehnt wie evidente Informationen. „Was, wenn der Skandal die Norm ist“, fragen sich nach der Lektüre dieses aufregenden, durch und durch einschlagenden Werks gleichsam der Ich-Erzähler und der Leser. Klar ist, dass dieser Roman einer veritablen Sensation gleichkommt: entweder wegen seiner beunruhigenden Fülle an Erkenntnissen oder wegen seiner verführenden, genuin literarischen Täuschungsstrategie – und selbst ihr wohnt ein Potenzial zum Wissenszuwachs inne. Denn „in einer Welt, in der die Wahrheit nicht mehr zugänglich ist, muss sich ein jeder seinen eigenen Reim auf die Rätselhaftigkeit der Entwicklungen machen. Weil die entscheidenden Fäden der Macht hinter den Kulissen gezogen werden, ist jede Entlarvung zunächst eine ,Vermutung‘ (darin das Wörtchen ,Mit‘), bis sie – oft erst Jahrzehnte später – bewiesen wird.“


Ilija Trojanow: Doppelte Spur. Roman. S. Fischer. 240 Seiten, EUR 22,–

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.