Berlin

Ökologie mit Stil

„Der grüne Hedonist“: Alexander von Schönburg gibt realistische Tipps, wie man den Planeten retten kann.

Der grüne Hedonist
Was Bio ist, ist schützenswert. Alexander von Schönburg möchte den Planeten retten und findet, dass Ökologie, Schönheit und Maßhalten zusammengehören. Umschlagbild des besprochenen Bandes. Foto: Piper

Niemand lässt sich gern etwas sagen. Der Mensch liebt Freiheit und Handeln aus Einsicht. So ist es auch beim Thema Klima- und Umweltschutz. Man kann den Menschen nicht befehlen, den Planeten zu retten – aber man kann sie einladen, ein ökologisch vernünftiges Leben zu führen. Prinz Charles hat dies versucht, Sting und Al Gore. Schließlich Greta Thunberg („How dare you“) und die „Fridays for Future“-Bewegung. Allesamt mit mäßigem Erfolg. Gigantische Ziele von Celebrities werden für Privatpersonen schnell zur Überforderung.

„Wenn ich die Welt verändern will, ist es
wahrscheinlich eine gute Idee, erst einmal mit
meinem Mikrokosmos anzufangen“
Alexander von Schönburg

Warum also nicht auf kleine Veränderungen im eigenen Leben setzen? Wenn jeder sein Leben aus Einsicht ein bisschen grüner führt, gewinnen dann nicht alle? Eigentlich eine naheliegende Idee, auf die man aber erst einmal kommen muss. Der Journalist und Bestsellerautor Alexander von Schönburg („Die Kunst des lässigen Anstands“, „Weltgeschichte to go“) ist draufgekommen: In seinem aktuellen Buch „Der grüne Hedonist“ beschreibt er, wie wir alle mit kleinen Schritten den Planeten retten können. Mit Freude, Einsicht, Stil und Demut. Den besten pädagogischen Hilfsmitteln.

„Wenn ich die Welt verändern will, ist es wahrscheinlich eine gute Idee, erst einmal mit meinem Mikrokosmos anzufangen.“ Zum Beispiel bei dem, was man isst und wie man das Verspeiste entsorgt. Wie man sich wie oft wohin bewegt. Wie man wohnt und was man für Klamotten trägt. Schönburg führt den Leser mit dem bewährten geistvollen Smalltalk-Sound durch die diversen Lebensbereiche, seinen „Mikrokosmos“, und eh man sich's versieht, hat man eine ganze Menge dazugelernt. Ohne, dass es wehtat oder Moralin-säurisch schmeckte. „Es gibt tatsächlich keinen wirksameren Hebel für die Verminderung von Emissionen und Ressourcenverschwendung als die eigene Ernährung. Man kann, vereinfacht gesagt, so viel fliegen, wie man will, das fällt im Vergleich zum Fußabdruck, den unsere Essgewohnheiten hinterlassen, kaum ins Gewicht. Im Schnitt verursachen die Deutschen mit ihrem privaten Konsum etwa 7,7 Tonnen CO2 pro Kopf (der globale Durchschnitt ist übrigens 4,8 Tonnen). Bereits wenn wir aufhören würden, verarbeitete Nahrungsmittel (also Fertignahrung) und Fleisch zu konsumieren, wären wir schon mehr als eine Tonne los (im Vergleich: Der Verzicht auf Inlandsflüge würde gerade mal 0,28 Tonnen sparen).“

Öko-Expedition mit ironischer Selbstdistanz

Doch nicht nur mit soliden Zahlen belegt Schönburg seine realitätsnahen, menschenfreundlichen Öko-Tipps, auch mit einigen internationalen Expertenstimmen und Beobachtungen aus dem Familien- und Freundeskreis. „Meine Tochter ist kürzlich 18 geworden und will so schnell wie möglich den Führerschein haben. Aber sie träumt nicht, wie das für die Generation vor ihr noch üblich war, vom eigenen Auto. Sie will jederzeit und überall Mobilität, aber dafür muss sie nicht einen tonnenschweren Wertgegenstand ihr Eigen nennen.“ Tempora mutantur. Und so sieht Alexander von Schönburg bereits die Autos der Zukunft auf uns zukommen: „Winzige, minimalistische, gesichtslose, auf reine Praktikabilität und Effizienz getrimmte Fahrcomputer, wie jene neue Generation von Smarts, die vom chinesischen Marktführer für E-Autos Geely, in einem Joint Venture mit Daimler-Benz in China ab 2022 gebaut werden.“ Dass sich auch beim Fliegen, beim Reisen und beim Umgang mit Tieren etwas ändern wird und muss, liegt auf der Hand. Es macht Spaß, sich mit dem Autor, der die Kunst der ironischen Selbstdistanz wie ein Engländer beherrscht, auf Öko-Expedition zu begeben.

Und bei der Kleidung? Auch hier räumt Schönburg mit engstirnigen Stereotypen gehörig auf. Gute Weltläden, böse Designer? Von wegen. Die Welt ist komplexer. „H&M hat zum Beispiel sehr konsequent damit angefangen, gesundheits- und umweltschädliche Chemikalien aus seiner Produktion zu verbannen, man kann sogar eine Hose, in der ,Made in Bangladesh‘ steht, so man sie denn mehrmals anhat, mit einigem Stolz tragen.“ Arbeitsrechtliche Hintergründe hat Schönburg bei der Gelegenheit natürlich auch zu bieten.

„Verschleuderung, Ausbeutung, Exzess
sind immer hässlich, wohingegen zur
Schönheit immer das Maß gehört“
Alexander von Schönburg

Nun könnte man fragen: Na und? Ist das seit Corona nicht alles mehr oder weniger zweitrangig geworden? Die verblüffende Antwort: Schönburg hat mit seinem Buch den Lockdown und die Post-Corona-Zeit, die hoffentlich bald eintreten wird, quasi vorweggenommen. Sein Buch bietet viele Perspektiven, die durch Corona noch bestärkt wurden. Beispiel Frischluft-Bewusstsein: „Wir atmen allerlei Dinge ein, von denen wir (außer man ist Allergiker) wenig Ahnung haben. Abgesehen von natürlichen Dingen wie Pollen und Sporen, Bakterien und Gasen gibt es Schadstoffe, die Beachtung verdienen, weil ihre Konzentration in der Luft einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir uns fühlen und wie es um uns gesundheitlich steht. Wir atmen jeden Tag 10 000 bis 20 000 Liter Luft ein und aus, eine Menge, mit der man einen Heißluftballon füllen könnte, da ist man kein Bleistiftspitzer, wenn man sich für Qualität interessiert, es käme ja auch kein vernünftiger Mensch auf die Idee, 10 000 Flaschen Champagner zu trinken, ohne auf die Qualität zu achten.“ Sprich: Hygiene und Ökologie müssen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil. Sei achtsam, so kann man Schönburgs Message zusammenfassen, und – sei ästhetisch. „Ökologie hat schließlich auch eine ästhetische Komponente. Verschleuderung, Ausbeutung, Exzess sind immer hässlich, wohingegen zur Schönheit immer das Maß gehört.“ Hätten die bestrickten Öko-Fundis der ersten Stunde diese Zeilen doch lesen können.

Auch ungeborenes Leben ist bio – und schützenswert

Abgerundet wird das 236 Seiten starke Werk, das auch den Letzten Dingen und der christlichen Lehre einen angemessenen Raum bietet, durch ein Glossar, in dem die ökologischen Schlüsselbegriffe noch einmal leserfreundlich zusammengefasst sind. Ein Service zum Mitreden-können: Virtue Signalling, Moral-Hazard-Effekt, Cradle to Cradle. Es zeichnet den Autor, der aus einer immer noch guten katholischen Familie kommt, aus, dass er in dieses Glossar unter dem Buchstaben „L“ einen Aspekt des Schutzes hineingeschmuggelt hat, der gewöhnlich in der breiten Öffentlichkeit übersehen oder verdrängt wird: „Leben, ungeborenes – auch bio. Auch schützenswert.“

„Der grüne Hedonist“ von Alexander von Schönburg ist ein angenehm zu lesendes, informatives Öko-Buch für Menschen, die Lust am Leben und ein verantwortungsvolles Gewissen haben. Ein sympathisch bescheidener und bodenständiger Ratgeber. Hoffnungsvoll, gespickt mit vielen Überraschungen und interessanten Anekdoten.

Alexander von Schönburg: Der grüne Hedonist. Wie man stilvoll den Planeten rettet.
Piper Verlag, München 2020, 236 Seiten, ISBN 978-3-492-07031-7, EUR 18,–

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