Köln

Nachfolge in einer zerrissenen Zeit

Edith Steins Werke wachsen weiter an. Neu gefundene Texte und Übersetzungen zeigen die Sicht der Patronin Europas auf das Judentum.

Edith Stein, hier als Karmelitin Teresia Benedicta vom Kreuz
Ein ungewöhnliches Schicksal im Einklang mit menschlicher Größe: Edith Stein, hier als Karmelitin Teresia Benedicta vom Kreuz. Foto: dpa

Es war ein langer Weg bis zum jetzt wohl erreichten Abschluss der stattlichen Edith-Stein-Gesamtausgabe im Verlag Herder Freiburg. Der 27. Band (ESGA 9 zu Phänomenologie und Ontologie) war 2014 erschienen; danach wurde schon die Vollendung der Gesamtausgabe in Köln bei einer Konferenz gefeiert. Aber das Archiv im Kölner Karmel barg noch Vieles, das bei näherem Betrachten Aufschluss über das umfängliche und differenzierte Werk und ebenso das persönliche Profil der Autorin gab.

Intellektualität und Heiligkeit

Binnen weniger Jahrzehnte war Edith Stein aus dem Dunkel eines namenlosen Todes am 9. August 1942 in Auschwitz in eine große internationale Bekanntheit geraten. Zu dieser Aufmerksamkeit trugen zwei Momente bei: ihre weit ausgreifenden, gedankenreichen Arbeiten zur Phänomenologie im Anschluss an Husserl, Scheler und (kritisch) zu Heidegger; nicht minder aber auch ihr ungewöhnliches Schicksal im Einklang mit menschlicher Größe, ja Heiligkeit, die ihr 1998 in Rom die Heiligsprechung und 1999 den Ehrentitel einer „Patronin Europas” einbrachte – durch ihren großen Verehrer Papst Johannes Paul II. Beide Momente, Intellektualität und Heiligkeit, tauchen nunmehr dokumentarisch neu belegt in dem Sammelband auf. Die Forschung wird auf diesen Band auch zurückgreifen, um daran das kulturelle und soziale Gefüge der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im persönlichen Profil einer Denkerin und Heiligen gespiegelt zu finden.

Wegen des akribisch zu erfassenden, vielfach kleinteiligen Materials bedurfte der Sammelband längerer Zeit zur Erstellung. Dazu gehören neu gesichtete Protokolle der Phänomenologischen Gesellschaft durch die Göttinger Studentin ab 1913, ausgearbeitete Aufsatzthemen der Speyrer Lehrerin ab 1923 zum Deutsch-Unterricht (für heutige Pädagogen ein ergiebiges Material!), umfängliche Korrespondenz, bisher ungedruckt gebliebene Übersetzungen aus den Karmel-Jahren in Köln und Echt, amtliche Dokumente zum Lebenslauf bis zum Märtyrertod und darüber hinaus. Die erstmals veröffentlichten Texte reichen also von Philosophie, Politik nach dem Ersten Weltkrieg und Höherer Schule bis zu Texten, die mittelbar Edith Steins Eindringen in die christliche Geistigkeit belegen.

„Schweigen [wird] nicht imstande sein (...),
auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen
deutschen Regierung zu erkaufen“
Edith Stein an Pius XI., 1933

Bei der Zusammenstellung half das Glück den Editoren – denn im Lauf der Zeit kamen unerwartete Entdeckungen hinzu. Ein kleines Glanzstück ist ein bisher unbekannter zweiteiliger Beitrag zum Thema „Politisierung der Frauen“ von 1919: Die damalige Frauenrechtlerin Edith Stein arbeitete kurzfristig in der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) mit, bis sie enttäuscht aufgab. Auch der an entlegener Stelle schon veröffentlichte Brief der Münsteraner Dozentin Edith Stein an Papst Pius XI. von 1933 wird nun mit zugehörigen Erläuterungen veröffentlicht. Darin warnt sie ihn, dass „Schweigen nicht imstande sein wird, auf die Dauer den Frieden mit der gegenwärtigen deutschen Regierung zu erkaufen“.

Die Übersetzungen enthalten Reflexionen zum Judentum von P. Closen SJ, Bonaventuras schöne Texte zur Kindheit Jesu und Teile der berühmten Geschichte der französischen Spiritualität von Henri Bremond. Darin spielt der Karmel eine hervorragende Rolle, und Edith Stein hat besonders Bremonds Ausführungen über Barbe Acarie und den blinden Johannes vom heiligen Samson übersetzt und die geschichtlichen Linien bis zur Gründung des Kölner Karmels verfolgt.

Stein übersetzte einen Text zur „sogenannten Judenfrage“ 

Aufsehen erregen dürfte besonders ihre Übersetzung von Gustav Engelbert Closen SJ, „Die sogenannte Judenfrage, erhellt durch Aussprüche aus der Heiligen Schrift“ (1939). Der deutsche Jesuit wagte es, das „Judesein“ allgemein und das Judesein Jesu im Besonderen in der Heiligen Schrift zu verankern, hat also weder rassistische noch kulturelle und zeitgeschichtliche, sondern religiöse Absichten. Dabei fallen einige auf den ersten Blick kritikwürdige Aussagen auf, vor allem im Wissen um den danach vollzogenen Holocaust. Dennoch scheint die gesamte Aussageintention redlich: Was für ein Mensch ist der Jude, wenn Jesus selbst Jude war? Schon dass Closen von der „sogenannten“ Judenfrage spricht, macht deutlich, dass es nicht um antisemitische, auch nicht um antijudaistische Aussagen geht, sondern im Letzten um ein „Geheimnis des Glaubens“, wie er es nennt. Er versucht vielmehr vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Hetze und der Abkoppelung des Judentums von einem „arisch gereinigten“ Christentum, der Verankerung Jesu in Geschichte und Blutsgemeinschaft Israels mit biblischen Belegen entgegen zu treten. In Kenntnis solcher Ideologien wiederholt Closen auch deren Argumente, allerdings – so die These – um sie im Letzten zu widerlegen.

Edith Stein übersetzte den lateinischen Text wohl „in letzter Stunde“, um eine gedankliche Klärung über die Gestalt Jesu, über sein Verwobensein in das Judentum, dem Blute und dem Geiste nach herbeizuführen – um sich also auch über die tiefste und blasphemische Wurzel des Hasses gegen das Judentum klar zu werden. Zugleich führte die gedankliche Durchdringung des Judentums Jesu in das Geheimnis ihres eigenen Daseins, da sie durch die Konversion zwar vordergründig den jüdischen Glauben verlassen, ihn in Wirklichkeit aber eingeholt und bewahrheitet hatte, wie sie selbst es zutiefst empfand. Der Exeget Closen lieferte ihr zu der unersetzlichen heilsgeschichtlichen Aufgabe des Judentums einen biblisch fundierten Zugang und zugleich eine Brücke zur erschreckend unmittelbaren Nachfolge Jesu – auch zugunsten seines Volkes.

In dem jetzt nach mühevoller Kleinarbeit vorliegenden Sammelband (spannend zu lesen die vielen Fußnoten!) werden bisher wenig beleuchtete Facetten der Doktorin, Lehrerin und Karmelitin sichtbar. Sie geben den Blick frei in ein reiches und tief gedemütigtes Leben, eine Nachfolge Jesu unter den Bedingungen einer zerrissenen Zeit… Die Überwindung ihrer Dämonie verdanken wir Nachgeborenen auch dieser Frau, ihrer gedanklichen Arbeit und ihrer von Christus getragenen Selbst-Hingabe.

Edith Stein: Neu aufgefundene Texte und Übersetzungen VII.
Hg. von Beate Beckmann-Zöller, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Ulrich Dobhan.
ESGA 28, Verlag Herder, Freiburg 2020, 525 Seiten, ISBN 978-3-451-38304-5, EUR 50,–

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