Barroux

Märchen, Legenden, Mythen und die Erlösungsgeschichte

Natalia Sanmartín Fenollera hat eine auf den ersten Blick einfache, aber vielschichtige Weihnachtsgeschichte veröffentlicht. In ihr steht eine Familie im Mittelpunkt, die den katholischen Glauben in aller Selbstverständlichkeit lebt.

Frau in fließendem mehrfarbigem Kleid zwischen riesigen Blumen
Eine Welt voller Mythen und Märchen, bevölkert von Feen und Elfen. Foto: Sunny Gu via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Im Jahr 2013 gelang einer spanischen, in literarischen Kreisen unbekannten Wirtschaftsjournalistin mit ihrem Romandebüt gleich ein großer Wurf: Natalia Sanmartín Fenollera setzte in ihrem politisch unkorrekten „Das Erwachen der Señorita Prim“ der Moderne etwas entgegen. Im Interview mit der Tagespost (DT vom 7. Oktober 2015) bezeichnete sie den Handlungsort „San Ireneo de Arnois“ als „ein rebellisches Dörfchen, das der modernen Welt den Krieg erklärt hat“.

Kloster als Vorbild

Geistliches Zentrum im Roman ist eine Benediktinerabtei, für die Le Barroux in Südfrankreich als Vorbild diente. Die Ordensschwestern aus dem Benediktinerinnenkloster von der Verkündigung, das 1979 gegründet wurde, 1986 nach Barroux übersiedelte und 1992 zur Abtei erhoben wurde, baten die Autorin, eine Weihnachtsgeschichte zu verfassen. Entstanden ist ein Weihnachtsmärchen, das Ende November auf Spanisch erschien: „Un cuento de Navidad para Le Barroux“.

Ein Zeichen

Die Geschichte dreht sich um ein Kind, um einen Jungen, der mit acht Jahren seine Mutter verlor und drei Jahre lang Gott um ein Zeichen, um irgendein Zeichen bittet. Denn er möchte sicher sein, dass alles, was seine Mutter ihm über den Glauben erzählt hat, auch wahr ist. Was sie ihm und seinen Geschwistern beibrachte, könnte als kindgerechte Katechese bezeichnet werden. Beim Anschauen der Sterne, des Firmaments sagte sie beispielsweise: „In einer Nacht wie dieser schloss Gott den ganzen Himmel in eine kleine Höhle in Bethlehem ein, damit sein Sohn mit ihnen spielen konnte.“

„denn jeder weiß,
dass es ohne eine Krippe
kein Weihnachten gibt“

 

Kindgerecht und poetisch

Der Autorin gelingt es, tiefgreifende Wahrheiten in einer Sprache einzufangen, die sich gleichzeitig kindgerecht und poetisch ausnimmt: „Sie sagte mir, dass Sterben nicht wie Schlafen ist und auch nicht wie Träumen. Sterben, sagte sie, ist wie Aufwachen. Wenn du dein Herz Gott schenkst, Schatz, ist Sterben nur ein Aufwachen.“ Natalia Sanmartín hat sich wunderbar in die Welt eines 11-Jährigen eingefühlt, der einerseits eine einfache Sprache spricht, andererseits auch in der Lage ist, ganze Passagen aus populärwissenschaftlichen Büchern zu zitieren – wie etwa seine Kenntnisse über die Pholcus-Spinne unter Beweis stellen. Mit dieser einfachen Sprache verknüpft die Autorin aber auch die rhetorischen Stilmittel der Wiederholung und des Paradoxon. So sagt der Junge immer wieder von seiner Mutter: „Sie war die schönste Frau der Welt“, aber ebenfalls: „Ich habe so oft von ihr geträumt, dass ich mich manchmal nicht mehr an sie erinnern kann“.

Selbstverständlich Christen

Die Familie aus „Un cuento de Navidad para Le Barroux“ zeichnet sich durch eine wohltuend selbstverständliche Ausübung des christlichen Glaubens aus – ohne große Erklärungen, eher durch beiläufig gesprochene Sätze, etwa als die Familie die Krippe aufstellen will, „denn jeder weiß, dass es ohne eine Krippe kein Weihnachten gibt“. Dies schlägt sich etwa auch in den schwarzweißen Illustrationen nieder – sie stammen von Michaela Harrison, die am Fuße des Benediktinerklosters „Clear Creek Abbey“ in Oklahoma lebt ¬–, etwa einer kleinen Kapelle mit einem schönen Tabernakel, dem Ewigen Licht und Blumen zwischen den Leuchtern. Die Bildunterschrift: „Dann stand das kleine Mädchen auf, zeigte auf den Tabernakel mit ihrem Finger, und schrie: Es ist ein goldenes Häuschen!“ spielt auf die Anrufung in der lauretanischen Litanei an. Weitere Anrufungen spielen in der Weihnachtsgeschichte eine herausragende Rolle. So stehen in weiteren Passagen die geheimnisvolle Rose, der elfenbeinerne Turm, die Pforte des Himmels, der Morgenstern im Mittelpunkt. Sie werden nicht nur der Erzählung vorangestellt, sondern bilden zusammen auch den Schlüssel, der das Mysterium erschließt.

Sagenhafte Wesen

Denn in „Un cuento de Navidad para Le Barroux“ geht es um das Geheimnis der Weihnacht und damit auch um das „Geheimnis der Erlösung“ schlechthin. Sehr bezeichnend in dem Zusammenhang ist eine Aussage des kleinen Jungen über seine Mutter: „Meine Mutter glaubte an Feen und Drachen. Sie sagte, sie glaube an all diese sagenhaften Wesen, an die sich das Gedächtnis der Menschen nicht mehr erinnert. Ganz sicher war sie sich aber nicht. Denn sie glaubte nicht an Feen in der gleichen Weise, wie sie an Gott, die Mutter Gottes oder die Heiligen glaubte. Sie sagte nur, dass es sie gegeben haben könnte, als die Welt noch in den Kinderschuhen steckte und sich die Menschen noch nicht an die fabelhaften Gaben Gottes gewöhnt hatten.“

Ähnlich C.S. Lewis oder J.R.R. Tolkien ist Natalia Sanmartín davon überzeugt, dass die Erlösungsgeschichte ein Mythos, ein Märchen ist, aber „ein wahres Märchen“, das sich tatsächlich ereignet hat. Oder besser umgekehrt: Märchen, Legenden und Mythen sind ein Echo der Schöpfungs- und Erlösungsgeschichte.


Natalia Sanmartín Fenollera. „Un cuento de Navidad para Le Barroux”, Ed. Planeta 2020, gebunden ISBN 978-8408218920, EUR 15,55. Als Kindle-Buch EUR 6,99.

 

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