Wien

Literarische Gegenrevolution

Lepanto als Programm: Ein neuer Verlag tritt auf die Bühne und zieht in den Kampf.

Schriftsteller Reinhold Schneider
"Besser mit einer brennenden Frage auf dem Herzen zu sterben als mit einem nicht mehr ganz ehrlichen Glauben": Der Schriftsteller Reinhold Schneider. Foto: IN

Es ist die Zeit des Rückzugs der körperschaftlich verfassten Kirche. Die nicht enden wollende, nun noch zum synodalen Ritus gewordene Diskussion der ewig gleichen Themen hält diesen Vorgang nicht nur nicht auf: Die jüngsten deutschen Austrittszahlen legen den Schluss nahe, dass sie eher verstärkend wirkt. Geistige Lufthoheit gewinnt man durch Rückgewinnung, durch Aneignung des Erbes. Diesem Ziel fühlt sich der im Fränkischen angesiedelte Lepanto-Verlag verbunden, der schon durch seinen Namen an die Zeit erinnert, als unter dem Anspruch der Religion Siegesfahnen entfaltet wurden. Er hat nicht nur einen interessanten Fächer neuer Autoren und Bücher im Angebot, sondern offeriert mit seinem ersten „Lepanto-Almanach“ auch eine gehaltvolle Ouvertüre.

"Schöpferische Restauration"

Das Konzept überzeugt, einem breit angelegten Überblicksbeitrag – hier ist es der Wiener Literaturhistoriker Christoph Fackelmann, der einige kanonische Autoren behandelt – die Diskussion von Einzelaspekten folgen zu lassen. Fackelmann weist nach, wie die aktuell hochlodernde Krise, die als Negierung der Transzendenz beschrieben werden kann, von hellsichtigen Künstlern bereits vor langem gesehen und beschrieben wurde. Stefan George und Francis Thompson sind ihm Zeugen, wie der Homo Faber-Machbarkeitswahn immer mehr Raum einnahm – „materielle wie geistige Gebilde als Ausdruck der mimetischen Sehnsucht des Menschen“. Dagegen empfiehlt er die „Heilkraft des Thesaurus“, das, was Rudolf Borchardt 1927 die „schöpferische Restauration“ nannte. Zur Deutung hilft ihm Josef Weinhebers 1943 verfasstes Gedicht „Schlußghasel“: „Als Spätling der Gestalter war ich bestellt, sehr treu zu singen Alter, Gesetz und Plan, was immer in den Abgrund stirbt und fällt, obsiegend immer wieder, es sieht dich an.“

„Überlieferung bedeutet nicht Heil, nicht festen Glauben,
sie bildet nur das kulturelle Ethos aus,
das diese zu denken und in die Anschauung zu rufen versteht.“

Alter, Gesetz und Plan sind das Schatzhaus der abendländischen Kultur, das nicht versunken, nur verhüllt ist, das im Schweigen und Staunen aber wieder aufgefunden werden kann. So ein deutendes Werk nennt Fackelmann „Statutargedicht“, von denen er noch andere kennt. So ruft ausgerechnet ein Karl Kraus den Heutigen zu: „Bin Epigone. Ahnenswertes Ahner. Ihr aber seid die kundigen Thebaner!“ Sein Plädoyer für die Wiedergewinnung von Sinn durch Literatur schließt Fackelmann mit den Worten: „Überlieferung bedeutet nicht Heil, nicht festen Glauben, sie bildet nur das kulturelle Ethos aus, das diese zu denken und in die Anschauung zu rufen versteht.“ Quod erat demonstrandum!

Ratzinger als tiefsinniger Literaturdeuter

Eine Skizze Reinhold Schneiders, der großen tragischen Figur der deutschen Nachkriegs-Literatur, und ein kostbarer Aufsatz von Joseph Ratzinger zur Gewissens-Problematik anhand Schneiders Las Casas-Text folgen. Der spätere Papst deutete 1972 die Ausschaltung des Gewissens als wichtigsten Schritt in die Unmenschlichkeit und erweist sich nebenbei als subtiler Literaturdeuter. Schneiders weniger bekannte Potsdamer Jahre, die „ihn zum konsequenten Christentum wie auch zum christlichen Widerstand führten“, beleuchtet Angeles Osiander Fuentes. Das Verhältnis des Dichters zu Fichte und Schopenhauer ist das Thema von Till Kinzel. Schneider, der sich selber nicht als philosophisch begabt ansah, nährte sich für eine Zeit geistig an diesen Denkern – um sie wieder zu lassen. Er schreibt: „Ich nahm damit Abschied von Problemen, die mir nicht wiederkehrten und denen ich auch nicht gerecht werden konnte.“

Noch tiefer in die dem Zeitgenossen uninteressant scheinenden geistigen Tiefen entschwunden ist Franz von Baader, eigentlich Chemiker und Ingenieur, der zum christlich beseelten Denker wurde und bereits 1835 warnend auf die Lage des Proletariats hinwies. Das „elektrische Blitzgenie“ (Görres), das auf vielen Gebieten dilettierte, wurde von einem Schopenhauer mit Verachtung behandelt, wie Johannes Saltzwedel zu berichten weiß. Sein theosophisch-spekulatives Sehertum ernst zu nehmen und recht zu würdigen, bleibt eine Aufgabe; sein Anliegen, der immer rapideren Trennung von Vernunft und Glauben zu wehren, aber auch.

Neuer katholischer Erdkreis durch Literatur

Wenn es denn stimmt, dass ein neuer Orbis Catholicus wesentlich durch die Verbreitung christlicher Literatur vorbereitet wird, liefern Michael Rieger und Gudrun Trausmuth im Almanach erfrischende Beiträge. Rieger durchmustert gängige Enzyklopädien, insbesondere theologisch-philosophischen Inhaltes, und kommt zu Schlussfolgerungen, die für viele Leser hilfreich sein werden. Die erheblichen qualitativen Unterschiede zwischen den drei Auflagen des gängigen „Lexikons für Theologie und Kirche“ zum Beispiel sind den Kundigen durchaus bekannt, den anderen aber muss es gesagt werden. Traurig das Schicksal der deutschen Thomas-Ausgabe, begonnen 1933 und ursprünglich auf 36 Bände und zwei Zusatzbände angelegt. Bereits 2011 wurde bekannt gegeben, dass man wegen „mangelnder Rentabilität“ das Projekt nicht zu Ende führen werde.

"Auf sie aufmerksam zu machen, das Banner christlicher Geistesgeschichte hochzuhalten,
das wird Aufgabe auch des Lepanto-Verlags sein,
der mit seinem Jahresalmanach 2020 ein erstes, klares Signal gesendet hat."

Das wird hoffentlich der „Kleinen Bibliothek des Abendlandes“, zusammen vom Heiligenkreuzer Verlag der Mönche und dem kongenialen Duo Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz und Gudrun Trausmuth herausgegeben, nicht widerfahren. Der Anspruch ist kein geringer: die großen Autoren des Renouveau catholique, die noch bis in die 1970er Jahre präsent waren, wieder zugänglich zu machen, plus allerhand am Wegesrand. Bisher funktioniert das gut, auch der jüngste Streich, den monumentalen Roman Werner Bergengruens „Am Himmel und auf Erden“ nach Jahrzehnten wieder verfügbar zu machen, sendet ein kräftiges Lebenszeichen aus. „Verlagspolitik“ und Zielrichtung fasst Trausmuth zusammen: „Was nicht mehr neu zu bekommen ist, in den Buchhandlungen nicht mehr aufliegt, in den Schulen und Hochschulen nicht mehr gelesen und besprochen wird, existiert als Teil der geistigen Wirklichkeit bald nicht mehr.“ Gertrud von le Fort, Bergengruen, Edzard Schaper, Stefan Andres, Schneider, Paul Claudel, C. S. Lewis, T. S. Eliot, Jochen Klepper und viele andere sind aber Teil der europäisches Geistesgeschichte und wirken auch heute – wenn sie denn in die Hände der Leser kommen.

Auf sie aufmerksam zu machen, das Banner christlicher Geistesgeschichte hochzuhalten, das wird Aufgabe auch des Lepanto-Verlags sein, der mit seinem Jahresalmanach 2020 ein erstes, klares Signal gesendet hat. Verleger Hans-Ulrich Kopp wünscht sich „freimütige geistige Auseinandersetzung“. Denn entscheidend sei, „sich auf den Glauben einzulassen, nicht das Wissen, ihn sicher zu besitzen“.

Michael Rieger/Till Kinzel/Christoph Fackelmann (Hrsg.):
Lepanto-Almanach, Jahrbuch für christliche Literatur und Geistesgeschichte.
Lepanto Verlag, Rückersdorf 2020, 261 Seiten, ISBN 978-3-942605-12-0, EUR 14,80.

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